Esther Buss
Ausgabe 1117 | 17.03.2017 | 06:00

Verliebte Jungs

Meisterschaft Leichthändig erzählt „Mit siebzehn“ über das Chaos der Empfindungen und die Lust auf Intensität kurz vorm Erwachsenwerden

Verliebte Jungs

Aggression und Zärtlichkeit kann man nicht immer unterscheiden: Corentin Fila als Thomas

Foto: Kool Filmdistribution

Auslöser einer ersten Kollison ist ein Gedicht von Arthur Rimbaud, Titel: Sensation (Empfindung). Damien rezitiert es vor seiner Klasse – und bekommt von Thomas dafür prompt das Bein gestellt. Irgendetwas ist zu viel: Vielleicht sind es Damiens ausgehungerte Blicke. Der grüne Stein im Ohr. Sein prätentiöser Habitus, das Herumstolzieren beim Reden. Oder die Sinnlichkeit von Rimbauds Beschreibung einer Sommernacht, die aus dem Mund des 17-Jährigen einen verwirrend anzüglichen Klang bekommt. Was immer es ist: Der Affekt ist überwältigend.

Die Beziehung der beiden Außenseiter Damien (Kacey Mottet Klein, der tolle Darsteller aus den Filmen Ursula Meiers) und Thomas (Corentin Fila) – und es ist da von Anfang an eine Beziehung – folgt dem Reiz-Reaktions-Modell. Eine Berührung an der Schulter und schon gibt es einen Sturz den Abhang hinab, ein fragender Blick und es setzt einen Schlag gegen den Kiefer. Damien, blond, mit leichten Segelohren und spitzen Gesichtszügen, und Thomas, dunkel, abweisend und ziemlich schön, können nicht anders, als auf den anderen loszugehen. Ihre Körper wollen etwas voneinander, aber sie wissen nicht, was. Also schlagen sie sich – bis sie es besser wissen.

André Téchiné erzählt in Mit siebzehn (im Original: Quand on a 17 ans) vom Aufruhr des Erwachsenwerdens in einem Zeitraum von neun Monaten. Oder in der Zeitrechnung des Films: in drei Trimestern. Dabei findet Mit siebzehn vor allem Ausdruck für das chaotische Durcheinander an Empfindungen, das nicht zu sortieren ist, weil die Bewegungen unberechenbar in alle möglichen, auch gegenläufigen Richtungen gehen. Abgrenzungsbedürfnis und Intensitätssucht, Abstoßung und Verlangen, schwules Begehren und Selbstverleugnungsimpulse: alles zu viel.

Hinter dem Clash der Jugendlichen steht auch ein sozioökonomisches Gefälle. Thomas ist ein Adoptivkind maghrebinischer Herkunft, er lebt in einer Bauernfamilie auf einem abgelegenen Berghof in den Pyrenäen, mehr als eine Stunde dauert der Weg ins Tal, in dem die Schule liegt. Damien ist in seinen familiären und sozialen Verhältnissen ungleich aufgehobener. Zu seiner Mutter Marianne (Sandrine Kiberlain) hat er ein vertrautes Verhältnis, auch weil der Vater, ein Militärpilot (Alexis Loret), wegen Auslandseinsätzen wenig zu Hause ist.

Bergwelt und Talwelt, anfangs als sich nicht berührende Parallelen in Szene gesetzt, kreuzen sich über die Figuren der Mütter. Als die Bäuerin einer komplizierten Schwangerschaft entgegensieht, nimmt Marianne, eine Landärztin, deren Sohn für eine Weile bei sich auf, um die Familie zu entlasten. Erst mit der Mutter als einer Art Katalysator findet das hochexplosive Jungs-Gemisch zu einer anderen Zusammensetzung. Unausgesprochen steht aber auch eine Verstoßung im Raum. Der Direktor der Schule wiederum will in Thomas ein „Mobber-Profil“ wiedererkennen.

Einiges Gewicht

André Téchiné, von dessen vergangenen Filmen man eigentlich immer weniger wusste, um was es ihm eigentlich noch geht, hat das Drehbuch in Zusammenarbeit mit Céline Sciamma, Autorin, Regisseurin und Spezialistin für adoleszente Gefühlslagen (Tomboy, Girlhood) geschrieben. Es ist eine rundum geglückte Kollaboration. Mit siebzehn wirkt so dynamisch, unverbraucht und direkt wie Téchinés pulsierende Jugenderinnerung Wilde Herzen (1994). Gleichzeitig spricht aus der Mühelosigkeit, mit der der französische Regisseur den ereignisreichen Plot entfaltet und dabei an den Standards vorbeierzählt – sei es die Coming-out-Geschichte, sei es das Sozialdrama –, eine Souveränität, die man nur deshalb nicht altmeisterlich nennen möchte, weil „alt“ so gar nicht zu diesem Film passt. Téchiné hält die Geschichte leicht, gleichwohl sind die Themen, die in das Drehbuch eingearbeitet sind, von einigem Gewicht: Geburt und Tod, gesellschaftliches Außenseitertum, die Beteiligung französischer Streitkräfte an den Kriegen fernab von Europa, das postkoloniale Erbe des Landes (die Musik stammt unter anderem von Victor Démé, einem Singer-Songwriter aus Burkina Faso).

Abwesend hingegen sind das Abarbeiten an generationellen Grenzen und typische Coming-of-Age-Befindlichkeiten wie Melancholie. Für Téchiné ist das Erwachsenwerden kein Drama der Innerlichkeit, sondern zuerst eine Sache des Körpers – und die agile, aber nie hektische Kamera von Julien Hirsch vollzieht jede noch so kleine Bewegung der Jugendlichen mit. Selbst die Blicke sind physisch und wirken mitunter wie kleine Schläge. Und die schroffe Berglandschaft der Pyrenäen im Wechsel der Jahreszeiten wird zu einem wichtigen Mitspieler. Wenn Thomas mit wilder Entschlossenheit durch den meterhohen Schnee zur Bushaltestelle stapft, nackt im eiskalten See badet oder sich mit Damien auf einem flachen Plateau in den Bergen ein „Duell“ liefert – es ist der einzige Gewaltausbruch, der aus einer Verabredung folgt, nicht aus dem Affekt –, scheint momenthaft das Actionkino auf.

Die Theorie kommt dem jugendlichen Aufruhr nicht hinterher. Einmal sitzen die beiden 17-Jährigen am Küchentisch und lernen zusammen die Begriffsgeschichte des Begehrens – von Platons Gastmahl bis hin zu Leibniz. Der glaubte über den Unterschied von Verlangen und Bedarf zu wissen: „Bedarf ist Teil der Natur. Notwendig, lebenswichtig. Verlangen ist nicht natürlichen Ursprungs. Künstlich. Nebensächlich. Überflüssig“. Die Körper von Damien und Thomas aber lehren etwas anderes.

Info

Mit siebzehn André Téchiné F 2016, 116 Min.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 11/17.