Verloren im Spielerkreis

Bad Reading Unser Kolumnist ließ mit der Autorennationalmannschaft Georg M. Oswalds neuen Roman lesen. Trotz hohem Erzähltempo sind die meisten auf der Rückbank eingeschlafen

Ein Autobahnsonntag im Juni, fünf Spieler der Autorennationalmannschaft auf der Rückreise vom verlorenen Länderspiel in Friesland. Um nicht mehr über Fußball reden zu müssen, kurz hinter Bremen der Beschluss: den Rest der Fahrt lesen wir uns den neuen Georg M. Oswald vor. Wir kennen den 1963 in München geborenen Schriftsteller-Anwalt nicht nur als sympathischen Mitspieler, sondern auch als Leiter des zu Piper gehörenden Berlin Verlags. Dort hörte er im vergangenen Jahr auf, um sich wieder mehr dem Schreiben zu widmen. Jetzt also Oswalds neuer Roman Alle, die du liebst, pikanterweise als Spitzentitel bei Piper, dessen Chefin Felicitas von Lovenberg das Buch vorab in höchsten Tönen …

„Dieser Betriebsscheiß interessiert doch keinen“, meint B. vom Rücksitz, wo er das Buch mit dem brigittigen Titel bereits in der Hand hält und als Erster vorliest. „1. Kapitel – Ich wollte meinen Sohn wiedersehen, egal wie schwierig es werden würde, und Ines unterstützte mich dabei …“ „Ich“ ist Hartmut Wilke: Mittfünfziger, Top-Anwalt, 25 Jahre jüngere Freundin. Auf dem Gipfel einer Lebenskrise (Vorwurf des Steuerbetrugs, Scheidungskrieg, 25 Jahre jüngere Freundin) beschließt er, wenigstens die Beziehung zu seinem ältesten Sohn Erik zu retten, indem er mit seiner Freundin Ines nach Kenia fliegt.

Dort betreibt der ausgestiegene Erik eine Strandbar und schickte dem Vater enigmatische Postkarten: „Dieses Verbrechen hat mir mein Vater angetan / Ich habe niemandem dieses Verbrechen angetan – Grabinschrift des … oh Gott, wie wird der ausgesprochen? – Abu l-’Ala’ al Ma’arri?“ B. trifft mit seiner westfälisch eingefärbten Radiosprecher-Stimme den nüchternen Ton des Buches ziemlich gut.

Hohes Erzählttempo

Das Erzähltempo ist hoch – Ankunft in Afrika, Schikane bei der Einreise, erstes Treffen mit Erik, der zum undurchsichtigen Checker mutiert ist, zwischendurch Rückblenden in eine Ehe, und ich versuche, nicht so schnell zu fahren, damit die Motorengeräusche nicht zu laut sind.

Nach zwei Kapiteln gibt B. an den jüngeren W. weiter, der der Handlung eine ganz andere Klangfärbung gibt. Wilke wird von seinem Sohn im Hotel Palace geparkt, wo er mit Ines erst mal Selfie-Sex im Hidschab hat – nur damit später ein windiger Polizeigeneral Ines’ Smartphone mit den brisanten Bildern als nicht deklarierten Luxus-Import beschlagnahmen kann …

Die Dinge nehmen ihren gekonnt auf unheilvoll geplotteten Lauf, wir gehen zu Burger King und üben Stil- und Sprachkritik. Zunächst das Allerschwerste: Sind die Roman-Namen glaubwürdig? Fünfmal: Ja. Was uns für Oswalds Sprache einnimmt, ist sein unterkühlter Stil, der dem Ich-Erzähler jedes Selbstmitleid verweigert.

Was uns an Oswalds Sprache nervt, ist eine gewisse Rechtschaffenheit, die wie ein Ressentiment gegen alles zu Künstlerische, Ambitionierte, Nervöse klingt. Am schlimmsten spüren wir das in den Dialogen, die eigentlich nur ironisch vorgelesen werden können. Hier kippt Oswalds Nüchternheit ins Fernsehspielhafte: „Wie muss dein Sohn es finden, dass du eine Freundin hast, die so alt ist wie er?“ „Keine Ahnung. Ich mache mir eher Sorgen, er könnte dir zu sehr gefallen.“ „Darüber zerbrich dir mal nicht den Kopf (…) Derzeit ziehe ich die Verlässlichkeit des Alters bei Weitem vor.“

Die somalischen Warlords!

Bevor es zurück auf die Autobahn geht, versuchen wir uns zum Weiterlesen zu motivieren: Wir bilden einen kleinen Spielerkreis und beschreien uns als Literaticos, die den Oswald jetzt zu Ende lesen. Allein, es hilft nichts. Die Handlung verliert sich im Urlaubs-Klischee von der Fremde, wo jede Unglaubwürdigkeit damit entschuldigt wird, dass alles auch ganz anders gemeint sein könnte. Als Wilke und Ines auf einem Bootstrip mit Walhaien schwimmen, sind drei Spieler auf der Rückbank eingepennt, und U. auf dem Beifahrersitz kann nicht weiterlesen, weil ihm davon im Auto schlecht wird.

Also muss der Rest des Romans still zu Hause gelesen werden, was eine Sache von ein paar schlechtgelaunten Stunden ist. Oswald hat sich jetzt zu viel ausgedacht: Plötzlich tauchen somalische Warlords auf, die die Afrika-Deutschen entführen und Wilke schlussendlich (kein Spoiler, weil man das schon gefühlt fünfzig Seiten im Voraus kommen sieht) um alles bringen. So vermisst man am Ende einen richtigen Roman, seine Mitspieler auf der Autobahn und den guten alten Oswald, der einmal beim Bachmannpreis, aber lassen wir diesen Betriebsscheiß.

Info

Alle, die du liebst. Roman Georg M. Oswald Piper 2017, 208 S., 18 €

06:00 05.07.2017

Kommentare