Verlorene Generation

Eritrea Jeden Monat flüchten Tausende vor dem unbegrenzten Militärdienst. Ihr Weg durch die Wüste und über das Mittelmeer ist lebensgefährlich

Das etwa 15 Quadratmeter große Schneideratelier ist zur Zuflucht geworden. Vorerst zumindest. Yohannes Kiflay weiß, dass er hier nicht ewig bleiben kann, zwischen den Stapeln bunter Stoffballen, die bis zur Decke reichen. Früher oder später wird ihn die Militärpolizei erwischen. Seit fast zwei Jahren versteckt sich der 26-Jährige in dieser Werkstatt. „Sollen sie mich doch schnappen“, sagt er leise und fährt sich mit der Hand durch das schwarze Haar. Yohannes ist nach einem Heimaturlaub nicht mehr zu seiner Einheit zurückgekehrt. Viele hauen ab wie er und verweigern den Militärdienst. Wer einmal eingezogen wurde, muss damit rechnen, auf unbestimmte Zeit bleiben zu müssen.

Weiß er, was Deserteuren droht? Yohannes hält seine dünnen Handgelenke über Kreuz, als würde man ihn fesseln. „Gefängnis“, sagt er ruhig, „mindestens zwei Jahre. Wo ich Dienst geschoben habe, ist es auch wie im Gefängnis.“ Hat er von der Strafe gehört, Häftlinge in der Wüste bei 40 Grad in Metallcontainer zu sperren? Er zuckt mit den Schultern. „Ich weiß nur, dass ich nicht mehr zurückgehe, nicht freiwillig. Ich würde mein Leben verschwenden.“

Natürlich hat der Staat kein Interesse daran, dass Leute wie Yohannes mit Ausländern reden. Gerade deshalb tut er es. Sein Name ist geändert, wie auch andere Hinweise auf seine Identität. Alle fürchten schwere Strafen. Freie Meinungsäußerung kommt bei Eritreas Präsident Isayas Afewerki nicht gut an. Private Zeitungen und Fernsehsender sind seit Jahren verboten. Für Ausländer sind große Teile des Landes gesperrt, Touristen dürfen sich nur mit Reisegenehmigungen außerhalb der Hauptstadt bewegen.

Vorsichtig steckt Yohannes einen Kleidersaum ab, ratternd stößt die Nadel durch den bunten Stoff. Wippend bewegen seine dünnen Beine das Antriebspedal der mechanischen Singer-Maschine. Sie stammt noch aus der italienischen Kolonialzeit und ist immun gegen Stromausfälle, die es hier regelmäßig gibt. Wie er dasitzt in seinem makellosen T-Shirt und mit seinen Fingern geschickt den Stoff zurechtzupft, wirkt Kiflay eher wie ein Künstler, nicht wie der Kämpfer, zu dem ihn die Armee machen wollte. „Sie haben mich auf einen Wachposten in der Wüste geschickt, für vier Jahre ohne Unterbrechung. Es gab nur Sand und Geröll. Vier Jahre im Nichts, ohne Aussicht auf ein Ende – das hält keiner aus.“

Kiflay will ins Exil nach Europa. An der Wand hängen Postkarten seiner ältesten Schwester, die nach Finnland ausgewandert ist: große blaue Seen, weite Wälder, Rentiere. Eine Gegenwelt zur kargen Landschaft Eritreas. Daneben ist ein Artikel der Regierungszeitung Haddas Eritrea zu sehen, der auflistet, was schiefgehen kann. Ein Ex-Flüchtling berichtet, wie er von Nomaden aufgegriffen und seine Familie erpresst wurde. Der Mann auf dem Foto über dem Text blickt ängstlich in die Kamera. Die Geschichte soll abschrecken.

Ein absolutistischer Herrscher

Auf dem Weg ins rettende Asyl fallen Eritreer oft Menschenhändlern in die Hände. Human Rights Watch berichtet von Opfern, die gefoltert werden, während ihre Angehörigen am Mobiltelefon die Schreie hören. Bis zu 40.000 Dollar Lösegeld werden verlangt. Kiflay möchte sich davon nicht abhalten lassen. „Ich will hier weg. Was dann kommt, sehe ich später.“

4.000 junge Eritreer treffen nach UN-Schätzungen Monat für Monat eine solche Entscheidung. Die meisten bleiben erst einmal im Sudan oder in Äthiopien, einige ziehen weiter nach Europa, um Länder zu erreichen, in denen es – wie in der Schweiz oder in Schweden – bereits Exilgemeinden aus Eritrea gibt. Aber wer schafft es bis dorthin? Unter den Toten der im Mittelmeer gesunkenen Boote sind viele Flüchtlinge aus Eritrea.

Als die Eritreische Volksbefreiungsfront (EPLF) 1991 den Unabhängigkeitskampf gegen Äthiopien für sich entschied, galt sie zunächst als Hoffnungsträger, mutierte zur Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit (PFDJ), brachte eine neue Verfassung auf den Weg und ließ die Gleichberechtigung der Frauen sowie religiöse Toleranz festschreiben – wichtig für ein Land, in dem die Bevölkerung zu gleichen Teilen aus Christen und Muslimen besteht. Trotz aller Demokratieversprechen setzten sich am Ende frühere Guerillaführer durch, die ihre Macht nicht teilen wollten.

Zwischen 1998 und 2001 kam es wegen eines Grenzstreits erneut zum Krieg mit Äthiopien, und Präsident Afewerki nutzte den Konflikt, um seine Macht zu zementieren. Seither regiert er wie ein absolutistischer Herrscher. Selbst Hochschulen sind heute dem Militär unterstellt. Der Wehrdienst, den auch Frauen leisten, wurde auf unbestimmte Zeit verlängert. Zum Schutz vor dem Feind Äthiopien, sagt die Regierung. Um die Bevölkerung zu kontrollieren, sagen ihre Kritiker.

Immer marschieren

Auch Menschen wie Musie Tesfay haben inzwischen ihre Zweifel. Er gehört zu denen, die als Helden gefeiert werden, und ist stolz auf die Unabhängigkeit und seine Heimatstadt Asmara, die Atmosphäre und Lebensart ihrer Bewohner. Musies Körper erzählt eine Lebensgeschichte, den muskulösen Armen sieht man an, dass sie schwer geschleppt haben. Auch scheint er – Soldat seit 25 Jahren – stets zu marschieren, selbst wenn er nur aufsteht, um sich einen Tee zu holen oder zum Abendspaziergang über die Flaniermeile Asmaras aufzubrechen.

La Passeggiata nennen Asmarinos diesen traditionellen Rundgang, in dem sich die Erinnerung an die italienische Kolonialzeit spiegelt, als Benito Mussolini hier „Piccola Roma“ erschaffen wollte und die Stadt zum Experimentierfeld römischer Architekten erklärte, die das gern annahmen. Nun promenieren jeden Abend Hunderte am Art-déco-Kino Cinema Impero und an der neoromanischen Kathedrale vorbei, um das säulenbewehrte Asmara-Theater zu erreichen. Manches Interieur der Etablissements am Weg könnte Filmen von Federico Fellini entnommen sein: Bars mit ausgetretenen Marmorböden, alte, geschwungene Kaffeetheken, chromglänzende Espressomaschinen, alte Herren mit Hut und im Sakko, die an ihrem Macchiato nippen und Bekannte mit einem lauten Ciao begrüßen. Überall stehen Frauen und Männer zusammen, unterhalten sich, flirten oder lesen Zeitung. Die Autokratie scheint weit weg zu sein.

Auch Musie liebt es, sich in dieser Gegend mit Freunden zu treffen, viele seiner 43 Lebensjahre hat er als Kämpfer verbracht. Mit 18 floh er auf Drängen der Eltern aus Asmara, traf unterwegs auf die Rebellen und ließ sich anwerben. „Ich wollte helfen, meine Heimat zu verteidigen. Wir haben dann tatsächlich das Land befreit, aber heute kümmert das keinen mehr.“ Es ist der Moment im Gespräch, da er die Stimme senkt und sich umschaut. Selbst für ihn als Offizier eines Pionierbataillons reiche der Sold von 1.600 Nakfa (etwa 75 Euro) nicht aus. Für die Miete und seine Familie benötige er mehr als das Dreifache. Immerhin lasse man ihn das fehlende Geld in einer Autowerkstatt hinzuverdienen. Außerdem unterstützt ihn sein Vater, der mittlerweile im Ausland lebt.

Ein Vierteljahrhundert hat Musie in den Streitkräften gedient. Seit Jahren verhandelt er über eine Entlassung, aber die Armee will ihn – den Helden des Befreiungskriegs – nicht ziehen lassen. „Sie sagen immer: später, später. Eigentlich habe ich doch genug geleistet. Dieser ewige Wehrdienst bringt nichts. Im Gegenteil, er richtet unsere Verteidigungsmoral zugrunde.“

Die Regierung hält dagegen und beschwört die Tugenden der Befreiungskämpfer von einst. Die Geschichten von Heroen liefern in Permanenz den Stoff für Fernsehprogramme und Theaterstücke. Und wer Asmara verlässt und über die karge Hochebene fährt, stößt fast überall auf Panzerwracks und Reste von Truppentransportern oder von Stellungen, aus denen Gedenkorte wurden. Disziplin, Opfermut, Hingabe für das Land – die Regierung versucht es der jungen Generation einzubläuen, auch wenn sie die immer mehr zu verlieren scheint.

Stefan Anders ist freier Autor und bereist derzeit die Region Ostafrika

06:00 18.06.2014

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