Verluste wie noch nie

Studie Im Irak sind Journalisten bedroht wie in keinem vergleichbaren Konflikt bisher

"Bald müssen Sie selbst in den Irak, um an Nachrichten zu kommen", warnt Reporter ohne Grenzen in einer internationalen Anzeigenkampagne. Wie schlecht es dort um die Pressefreiheit bestellt ist, darüber informierte die Organisation kürzlich in einer Studie, die sich auf eigene Recherchen vor Ort stützt. Demnach starben im Irak während der vergangenen drei Jahre 86 Journalisten, wesentlich mehr als in jüngster Zeit bei vergleichbaren Konflikten. Im ehemaligen Jugoslawien beispielsweise waren 49 Todesfälle in vier Jahren zu verzeichnen.

Als Mythos entpuppt sich die weitverbreitete Annahme, amerikanische, britische oder westliche Korrespondenten überhaupt seien stärker gefährdet als die Reporter anderer Staaten. Nur zwölf der 86 Toten stammen aus den Ländern der Kriegs-Koalition. Die Statistiken zeigen, jenes ethnozentrische Bild des verfolgten westlichen Berichterstatters, das häufig kolportiert wird, spiegelt nur einen Bruchteil der Realität wider: Tatsächlich sind 77 Prozent der ums Leben gekommenen Journalisten Iraker, die teils für lokale, teils für westliche Medien gearbeitet haben, elf Prozent stammen aus anderen arabischen Ländern.

Auf der Verlustskala rangiert die irakische Fernsehstation al Iraqiya mit zwölf Mitarbeitern an erster Stelle weit vor dem pan-arabischen Sender al Arabiya und der britischen Nachrichtenagentur Reuters. Al Iraqiya bildet zusammen mit der Zeitung al Sabah und dem Radiosender Republic of Iraq Radio die staatliche Mediengruppe Iraqi Media Network (IMN), die vom Pentagon gegründet und später der irakischen Regierung unterstellt wurde. Da Mitarbeiter von IMN in dem Geruch stehen, ihr Gehalt von den Besatzern zu beziehen, sind sie stärker gefährdet als andere.

Das Gros der westlichen Journalisten unterliegt extremen Sicherheitsmaßnahmen, die eine fundierte Berichterstattung erheblich beeinträchtigen. Gepanzerte Fahrzeuge gehören zur Grundausrüstung, irakische Bodyguards sind üblich, das Geschäft privater Sicherheitsfirmen boomt. In weiten Teilen des Irak sind Journalisten nicht mehr präsent, aber keine Gegend ist sicher, die meisten Medienleute sterben in Bagdad oder Umgebung, als nicht minder gefährlich gelten Kurdistan und das südirakische Basra.

Wer die Verantwortung für die bisher 86 Toten trägt, konnte nur in knapp der Hälfte aller Fälle ermittelt werden. Während ein Drittel den irakischen Rebellen zum Opfer fiel, wurden zehn Journalisten von US-Soldaten getötet.

Von 38 entführten Journalisten wurden 30 freigelassen, fünf getötet, drei befinden sich noch in den Händen ihrer Kidnapper. In der Regel geht es den Entführern eher darum, Lösegeld zu erpressen, als die Berichterstattung zu sabotieren.

Das Fazit der Studie ist beunruhigend: Wer heute als Journalist in den Irak geht, schwebt in Lebensgefahr - und das mehr denn je.


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00:00 07.04.2006

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