Vernichten und Gedenken

Erinnerungskultur Vom Umgang der Bundeswehr mit der Öffentlichkeit

Das müssen wir - und sollen wir wohl auch - als einheitliche Maßnahme verstehen. Der Bundesverteidigungsminister stellte der Öffentlichkeit das Modell für das kommende Ehrenmal der Bundeswehr vor, und sämtliche Geheimdienstinformationen über Auslandseinsätze der Bundeswehr aus den Jahren 1999 bis 2003 werden vernichtet.

Mit der Gedenkstätte wird einer dringenden Notwendigkeit Rechnung getragen: Ein Ehrenmal ist die preiswerteste Art der Hinterbliebenenrente für die Angehörigen der deutschen Toten, die immer mehr werden, je mehr Freiheit die Bundeswehr in aller Welt zu verteidigen hat. Und Verteidigungsminister Franz Josef Jung ist der richtige Ehrenmann am richtigen Ort. Vom Gedenken versteht er viel, seit er als Chef der hessischen Staatskanzlei zurücktreten musste, weil in seiner Zeit als Generalsekretär seine Partei ausgerechnet "jüdische Vermächtnisse" erfand, um illegale Parteispenden hochvermögender Honoratioren zu tarnen.

Das Modell des geplanten Ehrenmals - laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein "langer unaufgeregter Baukörper" - ist eine völlig neue mächtige Feldherrnhalle in Bronze, die Elemente germanischer Säulenkunst in geeigneter Weise wiederaufnimmt. Davor fünf hohe Fahnenmasten. Denn: Die Fahne, das wissen wir Deutschen aus geschichtlicher Erfahrung, "die Fahne ist mehr als der Tod".

Innerhalb der Bronzehalle befindet sich ein schwarzer "Raum der Stille" mit einem Gedenkstein, an dem Kränze abgelegt werden dürfen. Beim Verlassen des Raumes stehen Besucher einer goldenen Wand gegenüber, welche die Hoffnung symbolisieren wird.

Die Inschrift des Mahnmals, das auf dem Gelände des Verteidigungsministeriums in Berlin errichtet wird, soll lauten: "Den Toten unserer Bundeswehr / Für Frieden, Recht und Freiheit".

An die Toten der Nationalen Volksarmee der DDR wird an dem Ort nicht erinnert. Das ist korrekt. Ihrer darf nicht gedacht sein - denn sie haben im Gegensatz zu unserer Bundeswehr nie einen Krieg geführt. Ausstanzungen in Form eines Halbkreises erinnern an die runde, bronzene Erkennungsmarke von Soldaten, deren einer Teil im Fall ihres Todes zur Identifizierung abgebrochen wird. Das ist deshalb wichtig, weil man ihre Namen braucht, um den besonderen Wunsch des Verteidigungsministers zu erfüllen. Es sollen auch die Namen der Toten aufgeführt werden.

Da hat der vorgesehene Architekt schon eine Lösung. Er will die Namen der Gefallenen durch Lichtprojektion auf die Wand werfen. Das ist ungemein praktisch. Sobald neue Gefallenenmeldungen aus aller Welt eintreffen, wird man die Namen in Sekundenschnelle sichtbar machen.

Und wenn es schließlich zu viele für die Wand werden, kann man entweder die Schrift verkleinern, was allerdings das Gedenken etwas vermindern würde.

Oder - ganz einfach: die zuerst Gefallenen, derer schon hinreichend gedacht wurde, löschen, um den neuesten Platz zu schaffen. Für das Löschen hat das "Zentrum für Nachrichtenwesen" der Bundeswehr, wie wir inzwischen wissen, eine hohe Kompetenz. Dass das Parlament keinen uneingeschränkten Anspruch hat, zu erfahren, was seine - wie es immer noch glaubt - Parlamentsarmee im Ausland treibt, gehört zu den Essentials der Berliner Republik.

Doch der Bundestagsuntersuchungsausschuss wollte erfahren, was das Krisensicherungskommando (KSK) der Bundeswehr mit Murat Kurnaz angestellt hat - einfache Misshandlung, Folter oder was auch immer. Und so musste irgendetwas geschehen.

Die Problemlösung hieß löschen. Das Löschen von Daten ist fast so einfach wie die Speicherung der Daten aller unbescholtenen Telefonteilnehmer dieser Republik auf längere Zeit. Und für das Löschen hatte Jungs Ministerium einen unwiderlegbaren Grund. Das System Jasmin, in dem seit 1998 Daten des Militärnachrichtenwesens abgelegt werden, sei wegen der Zunahme der Auslandseinsätze der Bundeswehr immer mehr an seine Kapazitätsgrenzen gestoßen.

Von den geheimen Unterlagen sei "auf Grund der Speicherkapazität des Datensicherungsroboters jedoch nur einmal" eine Sicherungskopie abgelegt worden, schrieb Jungs Staatssekretär Peter Wichmann dem Untersuchungsausschuss. "Weitere Sicherungskopien waren nicht realisierbar", erläuterte der Reserveoberstleutnant, der auch eine Vergangenheit beim Internationalen Währungsfonds hat. Wichert weiter: "Der Datensicherungsroboter erlitt nach der Archivierung der Daten einen technischen Defekt".

Da blieb nur ein einziger Weg: "Entsprechend der gültigen Vorschriften zum Umgang mit Verschlusssachen wurden die nicht mehr lesbaren Kassetten am 04. Juli 2005 vernichtet."

Wie gut, dass der Verteidigungsminister, dem das Geld fehlt, die Taten der Bundeswehr für die Nachwelt zu archivieren, doch noch etwas übrig hat, um ihrer Helden in Gold und Bronze zu gedenken.


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00:00 29.06.2007

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