Verpfuschte Biografien

Finster Christine Hoba lässt in "Die Abwesenheit" einen Physiker aus der DDR sein Leben reflektieren

Dies ist eine jener Geschichten, die wohl zu kompliziert sind, um sie chronologisch zu erzählen. Sie handelt von Söhnen, die sich an ihren Vätern abarbeiten, um dann als erwachsene Männer in ihren Beziehungen zu scheitern. Aber das ist eben noch nicht alles.

Tanners Vater war Arzt und loyal zu jenem Staat, der ihm eine Karriere ermöglichte. Nun gibt es diesen Staat nicht mehr und der alte Mann sitzt in einer Nervenheilanstalt. Tanner verabscheut ihn, vermag aber nicht, mit ihm abzurechnen. Dabei hätte er allen Grund dazu: "Die Vorbilder seines Vaters, die er als Kind zu seinen eigenen Vorbildern hätte machen müssen, seien Mörder gewesen. Totschläger und Mörder."

Tanner macht dieses Geständnis gegenüber dem Ich-Erzähler von Christine Hobas Prosastück Die Abwesenheit. Das ist drei Wochen her. Vielleicht aber auch drei Jahre. Oder sieben. Genau kann man das nicht sagen, denn die sporadischen Zeitangaben sind nicht immer eindeutig zuzuordnen. Nun sitzt der Erzähler, ein Physiker, von dem wir nur seinen Vornamen, Burkhard, erfahren, in Tanners leerem Haus und erinnert sich. Er weiß nicht, was mit seinem Gesprächspartner geschehen ist. Wütend und angewidert hat er damals Tanner zurückgelassen, während dieser "nackt bis auf die Unterhose, das blutige Gesicht zur Nacht hinausgereckt, das Seil in der Hand" hinter ihm herbrüllte. Burkhard scheint zu befürchten, dass er sich umgebracht hat. So wie Elisabeth, die Tanner geheiratet hatte, nachdem die Beziehung zu Burkhard gescheitert war. Bei ihrer Beerdigung im Jahre 1989 haben sich die beiden Männer zum ersten Mal gesehen. Obwohl er ihm eine Mitschuld am Tod der ehemaligen Geliebten gibt, quartiert sich Burkhard Jahre später für einige Monate bei Tanner und dessen Tochter Paula ein, als ihn berufliche Gründe in die nahegelegene Universitätsstadt führen. Als er ihn später noch einmal besucht, hat sich das Mädchen, inzwischen 14 Jahre alt, verändert, ist abweisend und verschlossen geworden. Sie scheint ihren Vater zu hassen und den Gast gleich mit. Später wird sie in ein Internat ziehen, Tanner bleibt allein zurück.

Dieses Beziehungsgeflecht ist nur ein kleiner, allerdings zentraler Ausschnitt aus der finsteren Collage, die sich aus den Erinnerungsfetzen des Erzählers zusammensetzen lässt. Was Burkhard bewegt, sich immer wieder mit Tanner zu beschäftigen und vor allem zu jenem letzten fatalen Gespräch aufzusuchen, bleibt merkwürdig unklar, offenbar auch ihm selbst. So scheint es, dass der Physiker in erster Linie sich selbst erforscht, während er sein Gegenüber studiert. Und diesem geht es, wie wir gegen Ende des Buches erfahren, ebenso.

Gemeinsam sind ihnen missratene Lebensentwürfe. Burkhard klagt über "zynisch hingelebte Jahre", bis er irgendwann entdeckte, dass er "alt und feist" wird. In Gedanken spielt er durch, wie sich sein Leben entwickelt hätte, wäre er mit Elisabeth zusammengeblieben. Zumal Tanner mit ihr nicht glücklich geworden ist, dies auch gar nicht beabsichtigte, als er der schwangeren Frau anbot, sie zu heiraten. "Ich hätte auch sagen können, sagte Tanner, ich will jetzt am liebsten sterben". Die dann tatsächlich stirbt, ist Elisabeth, während Tanner Jahre später, wie schon sein Vater, in einem psychiatrischen Krankenhaus landet. Burkhard, von dem wir annehmen können, dass er der wirkliche Vater Paulas ist, überlegt sich, wie er mit dem Mädchen über die Vergangenheit sprechen kann. Wie er erklären kann, was geschehen ist. Es ist zweifelhaft, dass es ihm gelingen wird.

Ebenso wenig scheint er in der Lage, den Zusammenhang zwischen dem Gesellschaftssystem, das in dem Jahr, als Elisabeth Selbstmord beging, sein Ende fand, und all den verpfuschen Biographien klar zu benennen. Über einen Freund, den hochbegabten Pfarrerssohn Alexander, gerät Burkhard an eine eingeschmuggelte Ausgabe von Solschenizyns Archipel Gulag, die ihm die Augen öffnet, auch über "das abgeschottete Land, in dem wir wie in einem Hamsterlaufrädchen zum aufrechten Gang nicht gelangten, als eine Hosentaschenversion der Diktatur, die man uns immer verschwiegen hatte." Alexander zieht die Konsequenz mit dem Ergebnis, dass er durch die Marxismus-Leninismus-Prüfung fällt und nicht studieren darf. Burkhard hingegen übt sich in Opportunismus. Das Entsetzen über den erbärmlichen späteren Tod des Freundes auf einer Bahnhofstoilette ist auch ein nachträgliches Entsetzen des Erzählers über sich selbst.

Christine Hoba ist eine atmosphärisch dichte Erzählung gelungen, der es gleichwohl manchmal an Konzentration mangelt. Zu sehr lässt sie die Gedanken ihres Protagonisten metaphernsatt in alle möglichen Richtungen driften. Und da beinahe alle erinnerten Gespräche in indirekter Rede wiedergegeben werden, stört die Unsicherheit der Autorin beim Gebrauch des Konjunktivs nicht wenig.

Da wirkt es beinahe brachial, wenn gegen Ende des Buches ein in direkter Rede gehaltener Dialog scheinbar für Klarheit sorgt. Im benachbarten Pfarrhaus erfährt Burkhard, dass Tanner in die Psychatrie eingeliefert worden ist. "Jeder ist letztlich für sein Leben selbst verantwortlich", sagt die Pastorin, und das wirkt in diesem Moment wie eine schreckliche Wahrheit.

Christine Hoba: Die Abwesenheit. Eine Nachforschung. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2006, 150 S., 18 EUR


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00:00 17.03.2006

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