Verpuffter Elan

Kehrseite Dem Buckligen standen am neuen Wohnort viele Wege offen. Allerdings führten sie wer weiß wohin. Das heißt - er wusste, wohin, aber nicht, was er dort ...

Dem Buckligen standen am neuen Wohnort viele Wege offen. Allerdings führten sie wer weiß wohin. Das heißt - er wusste, wohin, aber nicht, was er dort sollte. Und wie er aus dieser Vielzahl etwas Vernünftiges auswählen sollte. Um diese Wege zu gehen, brauchte man eine gewisse Kenntnis des hiesigen Lebens. Und woher sollte ein knapp zweiundzwanzigjähriger Emigrant die haben?

Der Bucklige erlitt Anfälle von Enthusiasmus und rannte mit dem Kopf gegen Wände, bis sein Elan verpufft war. Ohne diesen Elan litt er und wusste nicht, wohin mit sich. Er war ratlos angesichts der vielen Wege und verzagte.

Die Sprache aber erlernte er rasch, denn er besaß einen mehr oder weniger normalen Verstand und ein gutes Gehör - von der Mutter her. Alles, was er wusste, hatte er irgendwann irgendwo gehört. Im Radio, im Fernsehen, von Bekannten, von Lehrern in der Schule und im Handels-College, das er vor seiner Ausreise besucht und faktisch nur per Gehör absolviert hatte. Auch die fremde Sprache eignete er sich ohne große Mühe an. Aber was er mit dieser Sprache anfangen, wie er sie sinnvoll nutzen sollte, davon hatte er keine Vorstellung.

Seinen Handelsabschluss erkannten die Kapitalisten nicht an, und was er nun lernen sollte und wo, wusste er nicht und ging also nirgendwohin. Er wartete, dass man ihn zwangsweise irgendwohin schickte. Aber das tat vorerst niemand. Er bezog Sozialhilfe und streifte auf der Suche nach Abenteuern durch die Stadt.

Im Supermarkt klaute er hin und wieder ein paar Kleinigkeiten. Nicht professionell wie andere, die auf Bestellung klauten - vom Notebook bis zu Kleidung -, sondern nur aus Langeweile. Er griff nach Nötigem und Unnötigem, legte es in den Einkaufswagen, ging dann in eine Ecke ohne Videokameras, verstaute alles in seinen Rucksack, der ebenfalls im Einkaufswagen lag, packte dann Sachen in den Wagen, die er kaufen wollte, und ging zur Kasse. Alles, was im Wagen lag, bezahlte er, was im Rucksack lag, nicht. Nie wurde er aufgefordert, den Rucksack zu öffnen. Auf die Idee kam keiner, und das ärgerte den Buckligen sehr. Er wusste, dass es ihm dann an den Kragen gehen würde, aber er ärgerte sich trotzdem.

Am Wochenende ging er abends unter Menschen - in ein russisches Café oder eine russische Disco. Aber er tanzte nicht. Er traf kein einziges Mädchen, das mit ihm tanzen wollte. Und einen Korb wollte er sich nicht holen. Er bekam ungern Körbe. Darum mischte er sich unter die einstigen Bauernburschen - Deutschstämmige aus Dörfern in Kasachstan und Sibirien -, trank und unterhielt sich mit ihnen und tat, als wäre er ihr Bruder, Freund und Kamerad.

In Wirklichkeit langweilten ihn ihre Themen und Träume. Nach dem dritten Schluck redeten sie von kasachischen Steppenwinden und sibirischen Frösten und klagten über ihr Leben dort wie hier: Dort habe man sie von Kindheit an als Faschisten beschimpft und hier als Scheißrussen. Dann schalteten sie einen Kassettenrecorder ein und hörten sich Lieder über ihr schweres Schicksal in Deutschland an, Sachen wie:

Wir sind leider keine Helden, nein,
Auf Gut und Böse pfeifen wir,
Heulen mit den Wölfen im Verein,
Drum sind wir bald wie alle hier.

Die Zeile "Und die Deutschen hier im Land, die woll´n uns nicht als Menschen sehn" wurde nicht nur angehört, sondern kollektiv mitgesungen. Wenn sie genug getrunken hatten, grölten sie im Chor den selbstgedichteten Hit "Deutschland, Deutschland, über alles, wir kriegen dich noch unter", liefen am 8. Mai durch die Straßen und beglückwünschten die deutschen Passanten zum Tag des Großen Sieges.

Das war ihre ganze Kommunikation und Unterhaltung. Plus der Austausch von Lebenserfahrungen. Einer erzählte zum Beispiel, er habe sich einen Golf gemietet, genau so einen wie sein eigener, das Getriebe ausgebaut und dafür das aus seinem Wagen eingebaut, das im fünften Gang immer raussprang. Und am Abend das Auto wieder zum Verleih zurückgebracht. So sei er für dreißig Euro zu einem neuen Getriebe gekommen.

Ein anderer erklärte, wie man das ganz große Geld machen könne. "Du suchst dir einen Deutschen", erzählte er, "und fährst mit ihm in seinem rundum versicherten Benz nach Polen. Oder noch besser, er fährt mit seinem Benz, und du fährst allein. In Polen trefft ihr euch, und du überlässt den Benz zum halben Preis deinen Leuten. Der Deutsche erklärt, der Wagen wäre ihm in Polen geklaut worden. Gleich aus Polen meldet er den Schaden. Der Deutsche kassiert die Versicherung, dazu noch fünftausend Prämie von dir. Und am Ende hast du mindestens genauso viel."

Die Truppe hörte sich das Geschwätz an und beneidete den Erzähler, der "so clever war, so clever wie irgendein Jude". Der Bucklige aber langweilte sich bei solchen Geschichten zu Tode.

Vielleicht sollte ich irgendwo Geiseln nehmen, dachte er und bohrte sich diskret in der Nase.

Manchmal beteiligte sich der Bucklige auch an einer anderen Unterhaltung der Discotruppe: Faschisten verprügeln. Er hatte Kraft wie kaum ein anderer, lange Arme und Fäuste, groß wie Honigmelonen - ein richtiger russischer Recke Moische Popowitsch. Ohne die Skoliose wäre er einsneunzig groß. Doch irgendwann waren seine Arme und Beine zwar weitergewachsen, sein Körper aber nicht. Deshalb war der Bucklige immer krummer geworden und nur einsdreiundsiebzig groß. Aber auch dieses Vergnügen machte dem Buckligen keinen rechten Spaß. Denn die Faschisten hier waren im Gegensatz zu ihren russischen Gesinnungsgenossen körperlich unterentwickelt und immer besoffen. Sie boten seiner Kraft keinen wirklichen Widerpart. Er schlug sie von der Seite und von unten auf die kahlen Köpfe, trat gegen ihre Knöchel, genau da, wo ihre groben Springerstiefel endeten, schlug gegen Leber und Nieren, und sie brachen unter seinen Schlägen zusammen und riefen nach der Polizei, zum Schutz der unantastbaren Rechte ihrer pickligen Persönlichkeiten.

Eines Tages aber erlebte der Bucklige bei dieser Betätigung eine tiefe Enttäuschung.

Ein Mechanisator, aus der Gegend von Omsk nach Europa repatriiert, aus dem deutschen Dorf Machorkino, meinte, er kenne ein ganzes Haus, in dem nur Faschisten wohnten. Na ja - fast nur. Bis auf zwei Wohnungen, darin lebten eine achtzigjährige Oma und aus Leningrad geflohene Jidden, ein Ehepaar. "Aber die erkennt man", erklärte der Mechanisator, "da sind die Türen abgeschlossen. Die anderen stehn sperrangelweit offen. Die Faschisten leben nämlich in einer Art Kommune oder so. Jedenfalls gehören ihre Hunde allen, und ich glaube, die Weiber auch."

"Da gibt´s also Hunde?", fragte der Bucklige, um die "Jidden" leichter zu schlucken.

"Wieso - hast du Schiss vor Hunden?", fragte der Mechanisator aus Machorkino.

"Ich hab nicht mal vor Weibern Schiss", antwortete der Bucklige. "Erst recht nicht vor Hunden."

Schließlich gingen sie nach der Disco zu diesem Haus. Der Mechanisator voran, denn er kannte den Weg. Mit zweiunddreißigprozentigem Wodka tranken sie sich direkt aus der Flasche Mut an. Dann erreichten sie das Haus - eine halbverfallene Ruine. In solchen Häusern wohnte normalerweise keiner mehr, die Bewohner waren vor siebzehn Jahren vom Osten in den Westen abgehauen. Zu einem freien Leben und frei konvertierbaren Einkünften. Dies hier aber war also noch bewohnt.

Sie gingen hinein und stürmten in die Wohnungen. Sie fanden darin rachitische Kinder mit grünem Rotz im Gesicht und fade, erschöpfte Frauen. Allerdings alle schwarz gekleidet. Und die Männer waren wirklich kahlgeschoren, trugen, wie bei ihresgleichen üblich, Leder und Springerstiefel und hatten Tätowierungen auf dem Kopf. Aber sie waren alle volltrunken oder high. Sie lagen auf Matratzen in den Ecken rum, genossen ihren Rausch und störten keinen. Kinder krabbelten auf ihnen rum und diverses Ungeziefer. Auch Hunde waren da, sie schliefen zusammengerollt auf dem nackten Boden - um dem Hunger zu entfliehen.

Der Bucklige betrachtete dieses Bild des Jammers und fragte: "Wen wollen wir denn hier verprügeln? Die hier?"

Sprach´s, drehte sich um und ging.

Die anderen folgten ihm. Der Mechanisator wollte sie zurückhalten und schrie: "He, was soll das, das sind echte Faschisten! Fragt doch die Jidden. Die bedrohen sie jeden Tag, und auf ihr Auto haben sie geschrieben: ›Russen raus!‹"

"Du hast auch auf jedes Auto auf der Straße ›Scheiße‹ geschrieben", erinnerte jemand den Mechanisator.

"Aber nur mit dem Finger auf Reif, die hier benutzen Farbe."

Aber niemand ließ sich aufhalten. Einer klingelte natürlich an der Tür der Juden, nur so aus Spaß, aber die rührten sich nicht. Blieben mucksmäuschenstill, als sei niemand zu Hause.

Den Teilnehmern dieser antifaschistischen Aktion dröhnte nach dieser Niederlage der Kopf vom Wodka. Als wäre schon der neue Tag da und mit ihm der übliche Morgenkater.

Übersetzung aus dem Russischen Ganna-Maria Braungardt

Alexander Churgin, 1952 in Moskau geboren, lebt seit 2003 in Deutschland. Zuletzt erschien im Freitag 50/2006 sein Text Gerhards vierter Sohn. Dieser Text ist ein Auszug aus dem Roman Die Puppenküsser, den der Autor gerade beendet hat.


00:00 16.03.2007
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare