„Verrücktheit gehört dazu“

Interview Ein analoges Kulturfestival trotz Pandemie? Jérémie Gnädig und Felix Forsbach haben das in Bamberg wahr gemacht
„Verrücktheit gehört dazu“
Stella Chiweshe forderte das Festivalpublikum auf, Vogelgeräusche zu imitieren

Foto: Maria Svidryk

Es war eines der ersten großen Festivals, das trotz Corona in Deutschland stattfand und das man kaum in der pittoresken Stadt Bamberg verorten würde: das FK:K für Musik, Soundart und Performance. Angereist waren etwa der Bretone und Dudelsack-Avantgardist Erwan Keravec oder Stella Chiweshe aus Simbabwe, die in Berlin lebt – mit einem Lamellophon, einer Art Daumenklavier. Vom Wahnsinn, ein international besetztes Festival im Shutdown zu planen, berichten die Kuratoren Jérémie Gnädig und Felix Forsbach.

der Freitag: Herr Gnädig, Herr Forsbach, ein analoges Festival mit Gästen aus aller Welt in der Pandemie. Warum tut man sich all die Unwägbarkeiten an?

Jérémie Gnädig: Wir sind wohl unter normalen Umständen schon idealistische Personen. Doch nun, in Zeiten von Corona, sind Idealismus und das Weitermachen für die Kunstszene überlebenswichtig geworden. Aber ja: Es gehört ein bisschen Verrücktheit dazu, während des Lockdowns ein Festival mit internationalem Line-up zu planen.

Und das als Veranstaltung vor Ort und nicht etwa als digitales Format.

Felix Forsbach: Aus kuratorischer Sicht ist gerade das Analoge entscheidend. Wie in meinem Beruf als Schauspieler bietet der digitale Raum auch bei der Organisation eines Festivals für Soundart und experimentelle Musik keinen angemessenen Ersatz: Diese Künste brauchen tatsächliches Erleben und Interaktion.

Bei der Organisation kam es zu einigen abenteuerlichen Einzelfalllösungen ...

Forsbach: Mit der Bundespolizei konnte etwa für einen Chor aus Albanien eine Ausnahmegenehmigung zur Einreise erwirkt werden. Diese Zeiten erfordern eine individuelle Arbeit für jeden einzelnen Programmpunkt des Festivals. Das war auch unter normalen Umständen so, nur nicht mit ganz so vielen Zusatzaufgaben versehen.

Gnädig: Vor 11 Monaten planten wir, einen Schwerpunkt auf experimentelle Ethno-Musik aus afrikanischen Ländern zu legen. Ab März war das unmöglich. Im Mai dann die Entscheidung, trotz oder gerade aufgrund der Pandemie weiter zu organisieren. Das war und ist bis heute zweifellos abenteuerlich, aber dank zahlreicher Förderungen – wir werden ähnlich wie Opern- und Theaterhäuser subventioniert – hatten wir zumindest keine existenziellen Sorgen.

Auf der Suche nach einem „krisensicheren“ Programm entstand die Idee, Kunstschaffenden aus aller Welt eine Bühne zu bieten, die in Deutschland oder Europa in der Diaspora leben. Über welche Kontexte sprechen wir hier?

Gnädig: Das Exil dieser Künstler*innen ist nicht gleichermaßen von existenziellen Nöten geprägt, wie dies bei vielen Fliehenden der Fall ist. Dass sie zum Beispiel in Paris oder Berlin leben und arbeiten, ist für einige jedoch mehr als nur eine künstlerische Notwendigkeit. Die Queer-Community hat in Berlin etwa eine andere Akzeptanz als in Tiflis. Auch macht die Musikszene in Berlin bestimmte Kunst erst möglich, die anderswo mehr als nur einen schweren Stand hätte, teils nicht gewollt ist.

Zu den Personen

Jérémie Gnädig, geb. 1987 in Altkirch/Elsass, studierte Geschichte und Archäologie. Er organisiert seit 2012 Konzerte in verschiedenen Formationen und Kontexten. In der experimentellen Musikszene ist er international weitläufig vernetzt

Felix Forsbach, geb. 1985 in Wuppertal, promoviert nach einem Studium der Philosophie und Germanistik im Fachbereich Neuere deutsche Literaturwissenschaft über die Verbindung von Sprachphilosophie und Fotografie. Er arbeitet als Schauspieler und als freier Kurator

Das betrifft etwa auch den Libanesen Abed Kobeissy, der in den Wochen seit der großen Explosion in Beirut wie viele andere seine Existenzgrundlage verloren hat. Mit eurer Hilfe wurden für ihn nun die Reise nach Deutschland und eine Konzertreihe organisiert. Was erzählt die Geschichte hinter seinem Auftritt über die Idee des Festivals?

Gnädig: Die Katastrophe in Beirut setzt der derzeitigen weltweiten Krise noch eins obendrauf. Neben dem schon angesprochenen albanischen Chor gehört der Auftritt von Abed aus organisatorischer Perspektive zu den aufwendigsten in diesem Jahr.

Forsbach: Beirut war ein Ort diverser Kultur. Nun müssen Trümmer beseitigt werden, die Essenversorgung ist prekär, der zerstörte Hafen erschwert wichtige Importe. Zudem herrscht verheerende Inflation: Hamsterkäufe nicht wegen Corona, sondern aus Angst vor noch stärkerem Preisanstieg. Gemeinsam mit seinem deutschen Bandkollegen Pablo Giw können wir ermöglichen, dass Abed mehrere Konzerte in Deutschland spielt.

Gnädig: Dieser Auftritt ist vielleicht ein Symbol für die Grundhaltung des diesjährigen Festivals. Er steht für den Idealismus und engagierte Kooperationen.

Welche ästhetischen, ökonomischen und gesellschaftspolitischen Grenzbereiche betritt das Festival-Programm im Kesselhaus am Rand der Stadt?

Forsbach: Wir balancieren da zwischen den Kategorien. Zum Teil sind die präsentierten Performances nämlich durchaus auch in den großen Museen zu sehen und gerade deswegen in künstlerischer Hinsicht grenzüberschreitend. Es gilt: Musik ins Museum, bildende Kunst auf die Straße. Für uns steht zunächst die Präsentation einer zeitgenössischen Ästhetik im Vordergrund. Da aber eine Musikerin und Aktivistin wie etwa Moor Mother mit ihrem ganzen Tun für eine gesellschaftspolitische Position steht – in ihrem Fall für die Rechte von Schwarzen in Amerika – ist eine Kuration wie die unseres Festivals stets politisch grundiert.

Gnädig: Hinsichtlich der ökonomischen Realitäten können wir außerdem ganz klar sagen, dass ein Festival FK:K nur dank hoher und progressiver Förderungen realisierbar ist, die zeigen: Eine Gesellschaft muss sich ein solches Programm leisten wollen, um künstlerisch und, darauf aufbauend, auch in größeren gesellschaftlichen Schieflagen weiterzukommen. Leider wird uns hier in Bamberg nur anerkennend auf die Schulter geklopft, aber größere Förderungen und Räume für Kunst werden uns trotz langjähriger Aufbauarbeit verwehrt.

Besteht bei einem solch politisch aufgeladenen Line-up die Gefahr, dass die pure Neugier auf aufregende Diaspora-Biografien den Blick auf die Kunst verstellt? Stella Chiweshe aus Simbabwe etwa, die derzeit in Berlin lebt, musizierte 15 Jahre lang trotz eines Verbots in ihrem Heimatland, das bis 1980 noch eine britische Kolonie war.

Gnädig: Klares Ja! Diese Gefahr besteht. Ich sträube mich etwa dagegen, wie manche der sogenannten Afrikafestivals ihre Künstler*innen präsentieren. Wir bemühen uns darum, rein das künstlerische Schaffen der Personen zu bewerben. Und zwar von solchen Personen, die etwas inhärent Progressives eint. Insofern betonen wir biografische Aspekte nicht über Gebühr, auch wenn wir das im Hinblick auf eine aufsehenerregende Öffentlichkeitsarbeit sehr wirksam tun könnten. Wir wollen damit genau dieser Falle entkommen: „Oh, da wird ,was Exotisches‘ gezeigt.“

Forsbach: Unter diesen Voraussetzungen lässt sich dann aber etwa kulturpolitisch unproblematisch beobachten, wie beispielsweise die erwähnte Musikerin Stella Chiweshe das Festivalpublikum animieren wollte, Vogelgeräusche zu imitieren. Viele, ich inklusive, spürten dann ganz schön einen Stock im Arsch und begannen zwangsläufig, uns mit diesem Stock auseinanderzusetzen. Aus diesen Momenten, die durch Kunst entstehen, erwächst eine Hoffnung in mir: Dass ganz Deutschland wie Neukölln wird. Eine funktionierende multiethnische Gesellschaft.

Warum sollten wir uns gerade jetzt ein derartiges Festival leisten?

Gnädig: Experimentelle Kunst kann im Gegensatz zu Comedy-Events oder Straßenfesten ohne Förderung schlicht nicht existieren. Dagegen ist gerade sie historisch immer wieder ein Motor für die Weiterentwicklung der Gesellschaften gewesen.

Forsbach In den vergangenen Monaten wurde kaum gezögert, eine Fluggesellschaft zu retten, an der viele Beschäftigte hängen. In der Kunst- und Kulturbranche arbeiten jedoch viel mehr Menschen, ganz abgesehen von dem unterschätzten Wirtschaftsfaktor für ganz Deutschland. Diese Zahlen lassen sich fast peinlich leicht ergoogeln. Politisch müsste neben dieser Zahlenspielerei aber vor allem stärker danach entschieden werden, dass hier etwas erhalten bleiben muss, das für die Gesellschaft als Ganzes wichtig ist.

Selmar Schülein arbeitet als freier Autor auch für taz , Süddeutsche Zeitung, Zeit Online

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06:00 20.09.2020

Ausgabe 43/2020

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