Verschollen

Mallorca Auf der Baleareninsel wurden Tausende Tote der Franco-Diktatur verscharrt. Von vielen Opfern fehlt jede Spur
Shelina Marks | Ausgabe 27/2017

Die Bucht von Palma glänzt in der Sonne. Millionenschwere Yachten dümpeln vor sich hin. Hoch oben über der Bucht, in Bendinat, westlich von Palma de Mallorca, hat Maria Antònia Oliver einen perfekten Blick auf die Mittelmeeridylle. Ein Verbotsschild warnt vor dem Betreten der ehemaligen Militärfestung von Illetes. Hier wurde vor 70 Jahren ihr Großvater gefangen gehalten, bevor er für immer verschwand.

Ein eisernes Tor versperrt den Eingang zum Pinienwald, an den Seiten haben sich aber längst Trampelpfade gebildet. Nachbarn gehen hier mit ihren Hunden ein und aus, nach einigen hundert Metern gelangt man an einen romantischen Aussichtspunkt, an dem sich Liebespärchen treffen. Rechts davon ein tiefer Graben mit Stacheldraht. „Man sieht heute noch die Einschusslöcher an der Wand“, sagt Maria Antònia Oliver. Sie hat diesen Ort schon viele Male besucht.

Am 17. Juli 1936 putschte General Francisco Franco gegen die Zweite Spanische Republik. Im darauffolgenden dreijährigen Bürgerkrieg starben laut Schätzungen mehr als 200.000 Menschen in Spanien. Die Militärfestung von Illetes diente während der Diktatur Francos als Gefängnis. Hierher wurden seit Beginn des Spanischen Bürgerkriegs 1936 die Gegner des faschistischen Regimes gebracht: Republikaner, Zivilisten, Oppositionelle. Bei Nacht- und Nebelaktionen wurden sie aus ihren Häusern geholt oder auf offener Straße verhaftet, viele von ihnen wurden in der Militärfestung ermordet. Für ihre Familienangehörigen begann eine lange Suche nach Wahrheit, die bis heute anhält.

„Ich begriff, dass meine Familiengeschichte kein Einzelfall war, sondern etwas Massives und Systematisches, das hier auf Mallorca passiert ist und all die Jahre unter den Teppich gekehrt wurde.“ Oliver begann zu recherchieren, sprach mit Historikern und Juristen und gründete gemeinsam mit anderen Angehörigen von Opfern des Bürgerkriegs und der Diktatur den Verein Memòria de Mallorca. Dieser widmet sich der Erinnerungsarbeit, kämpft für die Rechte der Opfer und ihrer Angehörigen und sitzt seit letztem Jahr auch in der technischen Kommission, die die Exhumierung von Bürgerkriegsopfern auf Mallorca organisiert. So wie im vergangenen November auf dem Friedhof von Porreres, auf dem 53 Leichen mit Folterspuren geborgen wurden, die Francos Schergen hier anonym verscharrt hatten.

Mordkommando des Generals

„Es gab perfide Mordmethoden: Nachts fesselten die Wärter die Gefangenen und taten so, als würden sie sie freilassen. ‚Compañeros, vergesst uns nicht, es lebe die Republik!‘, riefen sie ihnen höhnisch hinterher. Draußen empfing die vermeintlich Freigelassenen die faschistische Falange und tötete sie.“ Maria Antònia Oliver geht ins Innere der verlassenen Militärfestung. Die zertrümmerten Dächer ragen bis an den Rand des ausgehobenen breiten Grabens, in dem sie stehen. Von hier aus war es unmöglich, den Mordkommandos des Generals zu entkommen.

„Meine Großeltern habe ich nie kennengelernt“, sagt die Enkelin. „Nachdem mein Großvater umgebracht worden war, ging meine Großmutter an der Trauer zugrunde. Sie hat fünf kleine Kinder allein aufgezogen.“ Es war Olivers Mutter, die mit zwölf Jahren zur Militärfestung von Illetes lief, um ihrem Vater wie gewohnt Kleidung und Essen zu bringen. „Man sagte ihr, sie brauche nicht mehr wiederzukommen, man habe ihren Vater freigelassen. Meine Mutter war glücklich, aber meine Großmutter brach in Tränen aus, sie ahnte, was passiert war.“

114.000 Gegner Francos gelten nach wie vor als „verschwunden“, sie liegen auf Friedhöfen, in Straßengräben, auf Äckern, unter Spielplätzen begraben. Auf den Balearen werden die „Verschwundenen“ auf 2.000 geschätzt, 1.600 davon allein auf Mallorca. Auch Maria Antònia Olivers Großvater zählt zu ihnen. Im Mai des vergangenen Jahres erließ die Balearenregierung auf Initiative des Linksbündnisses ein Gesetz, in dem sie sich verpflichtet, die 2.000 „Verschwundenen“ auf Mallorca, Ibiza und Formentera zu finden und zu exhumieren. Von 60 vermuteten Massengräbern auf den Inseln wurden zehn bislang lokalisiert.

Wenn Maria Antònia Oliver ihre Mutter frage, welcher Tag der schlimmste in ihrem Leben war, dann antworte sie, der Tag, an dem sie von den Mördern ihres Vaters ausgelacht wurde. Man erzählte den Frauen, ihre Männer seien wohl nach der Entlassung nach Menorca oder Barcelona verschwunden oder hätten sich mit einer anderen Frau aus dem Staub gemacht. Die Handlanger Francos töteten im Verborgenen. Auf jahrzehntelanges Schweigen während der Militärdiktatur folgte staatlich verordnetes Schweigen nach Francos Tod 1975 und nach dem vermeintlich demokratischen Übergang.

Mallorca als größte der Baleareninseln war ein strategisch wertvoller Stützpunkt für Francos Truppen und ihre ausländischen Unterstützer. Hier stationierten sich schon früh die spanischen Faschisten. Franco erhielt wichtige militärische Unterstützung aus Italien und Deutschland, italienische Bomber flogen von Mallorca aus Angriffe auf Barcelona und Valencia. Hitlers Legion Condor bezog im Norden der Insel Stellung. Bis 2010 erinnerte ein deutscher Gedenkstein auf dem Gelände des Militärflughafens in Port de Pollença an die Luftwaffen-Einheit der Wehrmacht, die ab 1936 die Putschisten auf der Mittelmeerinsel unterstützte.

Enkel des Zorns

„Manchmal nennt man uns ‚Enkel des Zorns‘, aber das sind wir nicht.“ Wut ist nicht, was Maria Antònia Oliver antreibt. „Mein Großvater war Pazifist, er kannte keinen Zorn. Nie hat er eine Waffe in die Hand genommen.“ Er habe für die Rechte der Arbeiter eingestanden, wünschte seinen Kindern eine gute Ausbildung und seiner Frau eine würdevolle Arbeit. „Sein Traum ging nicht in Erfüllung. Doch meine Großmutter lebte frei von Rachegefühlen.“

Maria Antònia Oliver und ihre Organisation fordern die offizielle Anerkennung der Verbrechen, die der spanische Staat verübte. „Die Ermordeten wurden Opfer von gewaltsamem Verschwindenlassen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, doch sie haben nach wie vor keinen rechtlichen Status und kein Recht auf Entschädigung.“ Oliver kämpft für die Anerkennung vor Gericht. Zu den Morden auf Mallorca sagte sie auch in Argentinien aus. Militärs des südamerikanischen Staates sollen in die Franco-Verbrechen verwickelt gewesen sein. Maria Antònia Oliver reichte gemeinsam mit anderen Angehörigen Klage gegen den spanischen Staat ein. Sie trat in Buenos Aires auch als Entlastungszeugin auf, als das Verfahren gegen den spanischen Richter Baltasar Garzón eröffnet wurde. Garzón hatte zu den Verbrechen während der Franco-Diktatur ermittelt. Er wollte unter anderem 19 Massengräber in Spanien öffnen lassen und die noch lebenden Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Doch daraus wurde nichts: Drei ultrarechte Organisationen verklagten ihn. 2010 wurde Garzón von seinem Posten suspendiert.

Maria Antònia Oliver wünscht sich seit Jahren, dass aus dem ehemaligen Militärgefängnis von Illetes eine Stätte für Erinnerungskultur wird, mit Filmen, Vorträgen und Ausstellungen, die dazu beitragen, dass die mallorquinische Bevölkerung etwas über ihre eigene Geschichte erfährt. „Nicht zuletzt die Touristen könnten dann sehen, dass Mallorca mehr ist als Bier und Strand“, sagt Oliver. In diesem Jahr erwartet die Baleareninsel wieder um die zehn Millionen Urlauber an ihren Traumstränden.

Ein Museum erschien vor einigen Jahren noch realistisch. Das Militär hatte keine Verwendung mehr für die Festung und die damalige sozialistische Bürgermeisterin Margarita Nájera wollte vom Erstkaufsrecht der Stadtverwaltung Gebrauch machen. Doch dann kamen die Neuwahlen und mit ihnen ein Bürgermeister der konservativen Volkspartei Partido Popular. Carlos Delgado Truyols verkündete schnell, dass es keine Gelder für den Kauf gebe. Das Gelände ging nach Verstreichen der Frist an die ursprünglichen Eigentümer zurück: Es war die Mutter des amtierenden Bürgermeisters. Und die verkaufte das Gelände für geschätzte vier Millionen Euro an eine britische Baufirma.

„Die Festung ist als kulturelles Erbe vor Bebauung geschützt“, sagt Oliver. „Wir vermuten, dass der Bürgermeister den britischen Investoren Zugeständnisse gemacht hat, die er aber nicht umsetzen konnte, sodass das Gelände jetzt im aktuellen Zustand verharrt. Memòria de Mallorca hat versucht, mit der Baufirma in Kontakt zu treten, aber die Anwälte haben es bislang verhindert – wir wissen nicht einmal, wer die Firma ist.“ Sie zeigt auf die Festungsmauern voller Graffitis und auf die Baracken, deren Dächer immer mehr verfallen.

Vor Maria Antònia Oliver liegt das Mittelmeer, sie zündet sich eine Zigarette an und lächelt zuversichtlich.

„Wir Enkel tragen die Forderung nach Gerechtigkeit in unseren Genen. Mit dieser DNA wurden wir geboren. Wir verstehen die Erinnerung als etwas Lebendiges. Wir sehen die Ermordeten und Verschwundenen als Teil der Gegenwart.“ Sie wird weiter dafür kämpfen, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt.

Shelina Marks lebt als freie Journalistin in Hamburg, www.las-cunetas.de

06:00 23.08.2017

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