Verschonen statt verändern

Bildung Griechische Philosophie ist nicht alles, aber alles ist nichts ohne griechische Philosophie, meint unser Kolumnist
Verschonen statt verändern
Ohne Platon geht nichts
Foto: Andreas Neumeier/Imago

Manchmal sind Symptome lehrreicher als ganze Regale von Expertisen. Jetzt hat der altehrwürdige Verlag De Gruyter, bekannt für seine sündhaft teuren Wissenschaftsbücher, seiner Lektorin für Philosophie gekündigt. Das ist für die Frau bitter und man wünscht ihr möglichst rasch eine neue, gleichwertige Beschäftigung. Die Aufgaben, die bisher das Philosophie-Lektorat wahrgenommen hat, sollen nun der Abteilung für die Altertumswissenschaften übertragen werden. Dagegen laufen sogleich einige Philosophieprofessoren Sturm. Und das ist ein bemerkenswertes Symptom. Hier muss nämlich die Frage die Frage lauten: Warum tun sie das?

Oft zitiert, aber immer noch richtig, heißt es bei dem englischen Philosophen Alfred North Whitehead in seiner Schrift Process and Reality (1929), die treffendste Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas sei, dass sie „aus einer Reihe von Fußnoten“ zu Platon bestehe. Nun ist es unter Gelehrten eine nie angezweifelte Wahrheit, dass Platon in den Bereich der Altertumswissenschaften gehört – wie übrigens auch Aristoteles, Epikur und all die anderen Griechen, die sich über Gott und die Welt den Kopf zerbrachen.

Philosophie trieben wohl auch Leute, die keine Griechen waren – bereits vor und auch nach Whitehead. Aber hier kann man eine wiederum oft gebrauchte rhetorische Phrase in Anwendung bringen: Griechische Philosophie ist nicht alles, aber alles ist nichts ohne griechische Philosophie. Heißt praktisch: Wer nicht jedes philosophische Problem auf seine Grundfigur bei Platon oder Aristoteles zurückführen kann, sollte die Finger davon lassen.

Und genau das verdrießt viele Professoren und Doktoranden heute. Sie können kaum oder zu wenig Griechisch. Die Altertumswissenschaften sind ihnen verschlossen wie anderen das Paradies. Philosophie ist unter solchen Verhältnissen zu einem Modefach geworden, wie es zu Whiteheads Zeiten Kunstgeschichte für die sprichwörtlichen höheren Töchter war. Wer ein paar sorglose Jahre an der Universität verbringen will, studiert Philosophie. Sicherlich wird er nicht dümmer davon. Viele, die dort lehren, haben Kluges zu sagen und tun dies auch. Viele Bücher dieser Leute liest man mit Gewinn, auch wenn der philosophische Gehalt gering ist. Ein Symptom für den Zustand der sogenannten Bildungsrepublik. Der Philosoph Odo Marquard hat einmal ein berühmtes Marx-Zitat abgewandelt, das mit den Philosophen, der Welt und dem Verändern: Es kommt, so Marquard, darauf an, die Welt zu verschonen. Denn Philosophie ohne Griechisch geht nicht.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

06:00 16.03.2017

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