Verse

A–Z Gerade im Frühling wird klar, wo beim Pathos die Defizite liegen. Zur Metrik haben Sie eine Meinung, aber so gar keine Ahnung? Unser Wochenlexikon – mit bösen Blumen
Verse

Foto: Watford/Mirrorpix/Getty Images

A

Allgemeinbildung „Wo käm die schönste Bildung her, und wenn Sie nicht vom Bürger wär“. Goethe nahm reimend vorweg, was Wappenspruch der Bildungsbürgerkultur ab dem 19. Jahrhundert werden sollte. Ratgeber wie Latein für Angeber zeugen davon bis heute. Das Wiederkäuen von Auswendiggelerntem sollte und soll Gelehrsamkeit ausdrücken. Als Zitat ins Glückwunschschreiben oder Poesiealbum hat sich das erhalten. Nachdenkliche Facebook-Posts erinnern an die Praxis. Der richtige Vers am rechten Fleck vermittelte Schöngeistigkeit. Gern zitiert wird Heinrich Heine: „Leise zieht durch mein Gemüt“, wenn der Frühling endlich sich mit „lieblichem Geläute“...

Mit Zarathustras „Adlerschau“ kann man trösten, wenn tief ist das Herzeleid: „Doch alle Lust will Ewigkeit –, / will tiefe, tiefe Ewigkeit (Reimschema)!“ Der Autor dieser Zeilen, Friedrich Nietzsche, erkannte gleichwohl, wie solche Bildung als bloße Ausbildung auf Anpassung und Simulation abzielt. Tobias Prüwer

B

Baudelaire Eigenartig, warum Gedichte überwiegend mit Frühling und Gefühlen verbunden sind. Da existiert wunderbare düstere Lyrik, aber bei Lyrik (Jambus) denken viele zuerst an Bienen, Herzchen und überwundenes Schmerzchen.

Man muss nicht erst Heavy-Metal-Texte bemühen, um brutal-erhabene Verse zu finden. Nehmen wir Charles Baudelaire. Trinklust und andere drogeninduzierte Zustände sind in Der Spleen von Paris (1869) Thema. Kleine Miniaturen zeigen tiefe Abgründe und Elend. Schon zuvor in Die Blumen des Bösen (1857) bespielte der Dichter die sinistere Klaviatur.

Blut rinnt aus den Seiten, Schmutz und Laster treten als verkleidete Lüste auf. Gewalt und Rettung, Lockungen bis in die Ewigkeit überschatten den Alltag bis in den Tod. Es ist ein einziger Dämonenreigen fern der „I love U 4ever“-Reimereien. Tobias Prüwer

F

Frühling Im April kann er jetzt aber kommen, dieser Frühling?! Aber er wird erst kommen, wenn man ihn am dringendsten braucht. Dann klappt der Mensch das Laptop äh die Bücher zu, braucht keine Verse mehr. Denn nun erscheint die Welt einem Gedichte gleich. Las er im Winter von blühenden Wiesen und der Vögel süßem Gesang (sofern Lyrik ihn denn interessierte), kann er sich jetzt selbst in den Park legen. Der Körper erwacht, die Hormone fluten das Hirn, die archaischen Triebe übernehmen, edle Ersatzbefriedigungen können weichen. Hach, du schöne Wirklichkeit! Meiden Sie höchstens „Avenidas“ und eine Überdosis ➝ floraler Symbolik.

Wenn es wirklich, wirklich so weit ist, kann der Mensch auf Flohmärkten nach „konkreter“ Poesie Ausschau halten. Vielleicht liegt in einer Bücherkiste Hermann Hesses unverfänglicher Frühling (Suhrkamp 2012), eine Sammlung ausgewählter Saisongedichte. Denn der Frühling inspirierte Hesse zu einer Vielzahl an Gedichten und Betrachtungen, in denen er über den Zauber und die geheimnisvolle (unbekannt) Aura der Jahreszeit sinnierte. Eva Breitmann

H

Hexameter Hier wird der Bock zum Gärtner gemacht: Vor meinem Kursleiter gab ich einmal zu, von Metrik wenig Ahnung zu haben. „Gar keine Ahnung haben Sie“ war die harte und zutreffende Replik.Doch es ist wichtig, dass der Gründungstext der europäischen Literatur in Hexametern gedichtet ist, „sechs Daktylen, die auch durch Spondeen ersetzbar sind und durch eine Zäsur geteilt werden, wie Raoul Schrott zu seiner Ilias-Übertragung schreibt. „Es ist ein Mißverständnis, daß eine Nachdichtung in deutschen Hexametern einen Eindruck der Melodik der Ilias vermitteln könnte“, schreibt der aber auch. Er wählt daher eine „flexible Rhythmik, die jedoch weder ungebunden noch frei ist.“ Man lernt nie aus. Mladen Gladić

J

Jambus Auf den Rhythmus kommt es an. Bei Gedichten wird dieser vom Versmaß bestimmt. Der berühmteste deutsche Jambus-Vers „Abendlied stammt von Matthias Claudius. „Der Mond ist aufgegangen, die goldenen Sternlein prangen am Himmel hell und klar...“, wiegt auch meine Kinder zuverlässig in den Schlaf. Was ist daran jetzt jambisch? Was ich in der Schule nie verstanden habe (Trochäus), ist im Grunde simpel: Eine unbetonte Silbe folgt auf eine Betonte, immer im Wechsel. Klassisch endet ein Jambus mit einer betonten Silbe, der männlichen Kadenz. Endet der Jambus unbetont, gilt er als unvollständig und heißt weibliche Kadenz. Verssexismus? Madeleine Richter

R

Reimschema Es muss sich reimen, lautet das Poesievorurteil. Nur dann ist Dichtkunst auch wahrhaftige Dichtkunst. Zugegeben, der Zwang zum Gleichklang regiert eher in der Volksdichtung; aber kunstvolle Lyrik liest eh kein Schwein mehr (Tradition). Und so muss in jeder Büttenrede und bei jedem Geburtstagstoast gereimt werden. Selbstverständlich ist bei vielen Aufmärschen der besorgten Bürger ein „Volksdichter“ mit von der Partie, der den anschwellenden Schüttelreim probt.

Was häufig altbacken daherkommt, hatte Berechtigung: Das Reimen war seit der Antike eine Memotechnik, um Legenden und Wissen von Mund zu Mund zu überliefern. Der Vers unterstützte die Gedächtnisleistung und wirkte als formales Korsett dem Informationsverlust entgegen. Aus dem 15. Jahrhundert etwa hat sich eine gereimte Fecht-Anleitung erhalten, inklusive Warnung: „Erschrickstu gern / kain vechten nÿmmer gelerñ“. Tobias Prüwer

S

Symbolik, florale Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken ...: Nur auf den ersten Blick erstaunt die Prominenz der Blumen im Gedicht. Die westliche Kultur ist durch florale Ausschmückung in der Kunst geprägt. Die Rose galt den Römern als Blume der Liebesgöttin Venus, im Christentum dann steht sie für die Unschuld. Das klingt noch im „Heideröslein“ an, dass ein ungehobelter Knabe bricht. „Ich suche und finde sie nie“, dichtete Joseph von Eichendorff über die Blaue Blume, das Romantikerzeichen des Strebens nach Unendlichkeit. Von Hochachtung bis Hochmut reicht das Bedeutungsspektrum der Hortensie, an der sich etwa Rainer Maria Rilke als „rührend Blaues sich vor Grünem“ erfreut.

Auch Baudelaires Band hat Florales im Titel. Und selbst die lyrische Leichenschau Gottfried Benns trägt Blumenblüte in Dunkelhelllila, die in der Brut einer Wasserleiche in Bierkutscherform schlummert: „Trinke dich satt in deiner Vase! / Ruhe sanft, / kleine Aster!“ Tobias Prüwer

T

Tradition Nach dem Sonntagsbraten stand mein Vater auf, zog einen Band aus dem Bücherregal in unserer Wohnung in Berlin-Lichtenberg, postierte sich vor uns Kindern und rezitierte. „Bedecke deinen Himmel, Zeus“, rief er feierlich. „Den Dank, Dame, begehr ich nicht“, oder oft „Walle walle manche Strecke“.

Schiller und Goethe. Und dann Ostern! Kein Fest ohne den Osterspaziergang. Kein Fest ohne Gedichte.ImWohnzimmer, beim Picknick (Frühling) auf einem Feld, oder vor ein paar Jahren vor dem Drachenfelsen am Rhein. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein!“ War bei den Weimarer Klassikern das (sozialistische) Humanitätsideal nicht im Grunde schon angelegt? Dieses Jahr feierten wir bei der Familie in der Toskana. Da stand mein Schwiegervater, Katholik, auf einer Wiese und trug die Faustsche Passage auf Italienisch vor. Maxi Leinkauf

Trochäus Was des Musikers Moll ist des Dichters Trochäus. Wörtlich „der Dahinziehende“ steht er dem belebendem Jambus-Versmaß, der sinngemäß als „der Aufschnellende“ bezeichnet wird, träge und schwer entgegen. Die Betonung der Silben ist hier genau andersherum. Auf eine betonte folgt eine unbetonte Silbe. Überraschend: Schillers „Ode an die Freude“ ist ein Trochäus: Na gut, wenn man es laut spricht, macht sich das Tragende bemerkbar. Und so bekloppt es scheint, aber das Wort Jambus ist demnach selbst auch ein Trochäus.

Die moderne Lyrik verzichtet meist auf ein festgelegtes Metrum, Groß- und Kleinschreibung, festes Reimschema. Die Experten von Wortwuchs, einem Onlinenachschlagewerk für Deutsch- und Germanistikfragen, erklären sich das so: „Unsere moderne Welt ist so sehr aus den Fugen geraten, dass sich das lyrische Ich bewusst eine Gegenrealität schafft.“ Madeleine Richter

U

Uhland, Ludwig (1787 – 1862), eine Straße die nach dem schwäbischen Dichter benannt ist, gibt es in vielen Städten (Allgemeinbildung). Sein „Frühlingsglaube“, dass sich nun „nun alles, alles wenden muss“, erwärmt das Herz sogar im Winter. Die martialische Dichtung „Ich hatt‘ einen Kameraden“ ist heute noch bei militärischen Ritualen zu hören. Das Gedicht vom „wackeren Schwaben“, der bei den Kreuzzügen zu „Rechten und zur Linken einen halben Türken nieder sinken“ lässt, wird hin und wieder an Stammtischen verballhornt. So dicht sind linde Lüfte und bleihaltige Luft beieinander. So schmal der Grat zwischen Heldenepos und schwäbelnder Lachnummer.

Die Uhlandstraße 9 in Leipzig ist mein Geburtsort, „entstanden“ aber bin ich in Süddeutschland – im Württembergischen. Das Geburtsdatum liegt in der Zeit des Frühlings. So bleibt der Dichter mir in Sinn und Gemüt. Magda Geisler

Unbekannt Also: Synästhesie trifft es nicht, aber ich habe keine Erklärung für mein Phänomen. Seit dem Studium begleitet mich dieses Gedichtfragment (Hexameter), bizarr ist: ich kenne den Dichter nicht, ich weiß nicht mal, woher ich das Gedicht habe. Ich erinnere nur, es hat mir einmal viel bedeutet.

Die „Synästhesie“, schreibt Wikipedia, „die unter normalen Bedingungen erlebt wird und typischerweise in der Kindheit entsteht, ist eine Normvariante der Wahrnehmung. Bei Synästheten löst ein Sinnesreiz von einer Sinnesmodalität eine zusätzliche ,Wahrnehmung‘ in mindestens einer anderen Sinnesmodalität oder Submodalität eines Sinnes aus.“ Beispiel: die Zahl Fünf riecht beim Synästheten nach Koriander, Bewegungen werden mit einem „Klang“ assoziiert. Könnte sein, dass ich die Struktur des Teppichs in unserer Studenten-WG „fühle“, wenn mich jene Zeilen von damals anfliegen: „Morgens wenn das Vogelentsetzen losbricht mit Macht, stehe ich auf, gehe ins Bad und unterwegs schäme mich zwischen den Möbeln.“ Margarete Meerfeld

Z

Zeugnis Sieben Jahre lang bin ich jeden Mittwochmorgen mit anderen Kindern vor die Schulklasse getreten und habe ein Gedicht aufgesagt, von der 2. bis zur 8. Klasse – jedes Jahr ein anderes. Sie wurden immer am Ende des Jahres mit dem Zeugnis übergeben. Deswegen hießen sie „Zeugnissprüche“. Der Klassenlehrer wählte sie aus, individuell für jedes Kind, manchmal dichtete er oder sie selbst.

Worum ging es da? Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Baum, der tief wurzelt und sich in die Höhe streckt. Womöglich etwas über Ruhe und Neugier? Auf der einen Seite ein hehrer Wunschtraum meiner Lehrer, auf der anderen eine bis heute starke Facette meiner Persönlichkeit? Jedenfalls: Die Zeugnissprüche sollten uns eine Weile lang begleiten. Auf einer Schule welchen Typus’ ich war? Das dürfen Sie selbst herausfinden. Leander F. Badura

06:00 20.05.2018

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