Versichertes Schäferstündchen

Dominique war schon immer alles, was ich nicht war: eine Frau, erfolgreich und schön. Vor allem aber hatte sie sich eines bewahrt: die kindlich naive ...

Dominique war schon immer alles, was ich nicht war: eine Frau, erfolgreich und schön. Vor allem aber hatte sie sich eines bewahrt: die kindlich naive Freude an Dingen, die man kaufen kann. Sie konnte sich viel kaufen, denn sie hatte Geld und verstand, damit umzugehen. Nachdem ich eine kleine Arbeit für die von ihr geführte Versicherungsagentur erledigen durfte, hatte sie mir drei Drinks lang erlaubt, in einer billigen und damit auch für mich erschwinglichen Bar ihr Begleiter zu sein. Seitdem sind viele Jahre ins Land gegangen, und in jedem haben wir uns einmal getroffen. Den Rest der Zeit erfüllte mich die Vorfreude auf Dominiques aristokratisches Lächeln, das sie mir an jedem unserer Abende schenkte, während sie verträumt in ihrem Drink rührte. Die Hoffnung, dass Dominique am Ende eines solchen Abends mit in meine bescheidene Wohnung kommen würde, hatte ich längst begraben.

Doch letztes Mal war plötzlich alles anders. Nicht nur, dass Dominique mir nicht entfloh, wenn ich es hin und wieder wagte, auf ihre sachten Annäherungen zu reagieren. Im Gegenteil, je weiter ich von ihr abrückte, desto näher kam sie mir. Anders als sonst rief sie sich nach den obligatorischen drei Drinks kein Taxi, sondern trat mit mir auf die Straße, reckte ihr Näschen in die Frühlingsluft und sagte: "Wir haben die gleiche Richtung."

Zärtlich begleitete das Klacken ihrer Absätze das dezente Schlurfen meiner Schritte. Dominique kaute auf ihrer Unterlippe, richtete ihre marineblauen Augen auf mich, und ein scheues "Darf ich mich bei dir unterhaken?" entfuhr ihren Lippen. Ich erschauerte, als ich ihre Hand an meiner Seite fühlte. "Würdest du mich noch ein Stückchen begleiten? Ach bitte!" sagte sie am Abzweig zu meiner Straße. Als wir vor ihrem Haus standen, hinderte mich ein verheißungsvoller Aufschlag ihrer Augen daran, artig zu verschwinden. Ihre Lippen öffneten sich und hauchten ein leises: "Ich würde mich freuen, wenn du heute Nacht das Lager mit mir teilst."

"Setz dich bitte", schickte mich Dominique in ihr Wohnzimmer, "ich besorge uns derweil was zu trinken." Ein wenig irritierte mich, dass ihre Wohnung so aussah, als ob sie darin immer nur das Allernötigste erledigte. Ein Tisch, zwei Stühle und eine kleine Couch bildeten das Mobiliar. Bei dem mit ihr zu teilenden Nachtlager handelte es sich offensichtlich um die mausgraue Auslegeware, die den Boden bedeckte.

Mittels einiger wohldosierter Handgriffe vermochte Dominique, auch diesem Ort einen ordentlichen Schuss Romantik einzuhauchen: Leise Klaviermusik aus einem tragbaren CD-Player, der Schein einer Altarkerze statt des kalten Glühbirnenlichts - und schließlich ihr Auftritt! Dominique erschien in einem engen, roten Samtkleid, das sich um ihre schlanken Kurven schmiegte und die Makellosigkeit ihres wohlgepflegten Raubkatzenkörpers so sehr zur Geltung brachte, dass es vor Sehnsucht zerrte in meiner Brust. Die zwei mit einer roten Flüssigkeit gefüllten Senfbecher wurden in ihren Händen zu kostbaren Pokalen. Mit den Getränken schwebte sie geradewegs auf mich zu und landete neben mir auf der Couch, die so eng war, dass wir gar nicht anders konnten, als einander zu berühren. Unsere Knie machten den Anfang. Es folgte das leise Klirren der Senfgläser und ein Schluck warmer Erdbeersaft benetzte meinen Gaumen. Nun berührten sich unsere Schenkel, dann unsere Schultern und endlich unsere Lippen. Dominique schenkte mir einen wahren Hauch von Kuss. Ihre Lippen und der Duft ihres Parfüms waren das wirksamste Aphrodisiakum, das je meine Sinne verwirrte.

Als ich wieder denken konnte, saßen wir noch immer zusammen auf der Couch. Überglücklich, dass das Ganze kein Traum war, wollte ich mich Dominique zärtlich nähern, da gewahrte ich einen ernsten Zug um ihre eben noch so verlangenden Lippen. Die steife Falte auf ihrer Stirn verriet mir unmissverständlich, dass etwas nicht stimmte.

Dominique deutete auf den Tisch. Dort standen unsere beiden Gläser, das heißt, eines stand, das andere lag. Etwas von der sich in ihm befindlichen roten Flüssigkeit hatte sich über die Tischplatte ergossen. Die kleine rote Pfütze befand sich bedrohlich nahe der Kante. "Lass, es ist zu spät!" brachte Dominique meine nach vorn schnellende Hand zum Stehen, und der erste Tropfen Erdbeersaft tränkte den Teppichboden.

"War ich das?" fragte ich schüchtern, Dominiques Nicken ging mir durch und durch.

"Diese Flecken werde ich nie wieder herausbekommen", kommentierte sie mit ersterbender Stimme den nächsten nach unten fallenden, blutroten Tropfen. Dominiques marineblauen Augen entschlüpfte eine Träne, und ich allein war Schuld daran! Ein zartes Lächeln huschte über ihr Gesicht: "Du hast doch sicher eine Haftpflichtversicherung?"

Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich im ersten Augenblick glaubte, mich verhört zu haben. Vielleicht war diese Wendung der Geschichte einfach nur zu viel für meine verwirrten Sinne - jedenfalls hatte ich wohl so etwas wie ein Grienen auf den Lippen, als ich den Kopf schüttelte.

"Das ist ganz und gar nicht komisch!" begehrte Dominique weinend auf. "Mit hoch zu mir wollt ihr alle, nicht wahr? Sie schüttelte angewidert den Kopf. "Sich gebärden wie wildgewordene Ochsen, das könnt ihr. Und dann stehe ich allein da mit dem Schaden!"

Obgleich es mir einen kleinen, wütenden Stich versetzte, dass sie Ochse gesagt hatte, nicht Stier oder Bulle, fühlte ich mich erkannt - und in allen Punkten der Anklage schuldig. Ich musste etwas tun, und ich wusste auch schon, was. Mein demütiges: "Wie kommt man denn zu so einer Versicherung?" brachte den Fluss ihrer Tränen zum Versiegen und zauberte sogar das Lächeln auf Dominiques Gesicht zurück.

"Warte", sagte sie nach einem letzten Schluchzer, verschwand ins Nebenzimmer und kehrte mit einem grünen Mäppchen zu mir auf die Couch zurück. Dem Mäppchen entnahm sie einen Stapel Papiere.

"Hier!" reichte sie mir das oberste Blatt. "Ich hab schon alles Nötige ausgefüllt, du musst nur noch unterschreiben." Ihr sorgfältig manikürter Fingernagel deutete auf eine dünn gestrichelte Linie, während mir ihre andere Hand den Kugelschreiber reichte. Mit einem eleganten Schwung entriss sie mir das unterschriebene Blatt. "Ach, guck mal hier - eine super-günstige Variante für deinen Hausrat!" Verzückt deutete sie auf das nächste Formular. Ihr Parfüm und ihr Blick wirkten jetzt noch betörender als vorhin, besonders, als ich zur Unterschrift ansetzte. So ging es weiter, und ehe ich mich versah, hatten wir den ganzen Stapel durchgearbeitet. Von Unterschrift zu Unterschrift wurden ihre Blicke immer lasziver, ekstatischer, verruchter. Nun war ich gegen Unfälle und Umweltkatastrophen aller Art versichert, und nicht nur ich selber - auch meine Kinder, Ehefrauen, Wochenendgrundstücke, Segelyachten, Agenturen und Mietshäuser. "Auch wenn du manches von dem noch nicht dein eigen nennst - der Markt ist sehr beweglich!" seufzte Dominique, während sie mir den Kuli entriss und in die Ecke schleuderte. Kaum hatte sie den Papierstapel wieder in dem grünen Mäppchen verstaut, warfen sich ihre Lippen fordernd auf meine. Mit zärtlicher Gewalt gruben sich ihre Fingernägel in meinen Rücken. Wie gern hätte ich ihr jetzt genügt, doch musste ich so sehr daran denken, wie viel Zeit, Geld und Mühe es mich kosten würde, all die soeben versicherten Besitztümer zu erlangen oder wenigstens die Policen zu begleichen, dass ich zu nichts anderem fähig war, als mich sanft aber bestimmt aus Dominiques Umarmung zu lösen und verschämt das Weite zu suchen.


00:00 13.02.2004

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