Versöhnung nur im Kino

Eindrücke aus Sarajevo und Vrnjacka Banja Was die neuen Filme aus Serbien und Bosnien-Herzegowina über den vergangenen Krieg und die Gegenwart zu erzählen haben

Fährt man mit dem Bus von Belgrad nach Sarajevo, ist die Reise am Rande jener Hügel zu Ende, die die Grenze zwischen der Serbischen Republik und dem Kanton Sarajevo markieren. Der Weg ins Tal, wo sich die bosnisch-herzegowinische Hauptstadt erstreckt, muss per Taxi zurückgelegt werden. Von den Bergen schossen vor zehn Jahren die serbischen Truppen ihre tödlichen Granaten in die multikulturelle Metropole, heute bildet die natürliche Barriere zugleich eine mentale Grenze, deren Überwindung noch einige Jahre in Anspruch nehmen wird.

Im filmischen Bereich ist die Annäherung bereits vorangeschritten: Mit Pjer Zalicas Gori Vatra (Kurzschluss) hat auf dem Filmfestival in Sarajevo ein bosnisch-herzegowinischer Film gewonnen, an dessen Ende ein Handschlag zwischen einem serbischen und einem bosnischen Feuerwehrmann steht - und zwar insgesamt sechs von neun vergebenen Auszeichnungen, darunter den Haupt- und den Publikumspreis. Das serbische Kino dagegen wirft seinen Blick vorrangig auf das eigene Land, Filme mit multiethnischer Thematik gehören dort zur Ausnahme.

So stammt der momentan interessanteste serbische Film von einem Toten: Als Zivojin Pavlovic im November 1998 starb, hatte er gerade die Dreharbeiten von Das Land der Toten abgeschlossen. Die Geschichte eines slowenischstämmigen Offiziers der jugoslawischen Volksarmee, der nach Beginn der Kriegshandlungen im ehemaligen Jugoslawien mit seiner mazedonischen Ehefrau nach Belgrad zieht, um dort in einem Flüchtlingslager dem Zerfall seiner Familie zuzugucken, ist exemplarisch für die zahllosen Mischfamilien, die mit dem Auseinanderdriften des ehemaligen Jugoslawien ihre Heimat verloren. Der Film, im Nachhinein von Dinko Tucakovic fertiggestellt, beobachtet den Niedergang eines Menschen, der sich mit den monoethnischen Selbstdefinitionen der neuen Staaten nicht identifizieren kann und so zum Kämpfer wider Willen wird.

Pavlovic, der zu den wichtigsten Vertretern der jugoslawischen "Schwarzen Welle" gehörte, deren düstere Visionen Ende der sechziger Jahre in krassem Gegensatz zu den optimistischen Parolen der Kommunistischen Partei standen, erhielt 1968 für seinen Klassiker Die Ratten erwachen in Berlin den Goldenen Bären. Ljubisa Samardzic, ebenfalls ein Veteran der serbischen Filmszene, begann seine Karriere in den sechziger Jahren als Darsteller in Partisanenfilmen, mit denen zu jener Zeit der titoistische Befreiungskampf heroisiert wurde. Während des Krieges profilierte er sich als Produzent zahlreicher regimekritischer Filme. Seit drei Jahren arbeitet er nun selbst als Regisseur. Mit Brachland wagte er sich ebenfalls an das Thema der multiethnischen Mischehen. Der Film über einen Jungen aus Neu-Belgrad, der von seinen Altersgenossen nicht akzeptiert wird, weil seine Mutter Kroatin ist, wird in Serbien sehr kritisch beurteilt. Was nicht nur an seinen inszenatorischen Schwächen liegen dürfte, sondern auch daran, dass die Suche nach dem eigenen kollektiven Anteil an der Verantwortung für den letzten Balkankrieg noch immer weitgehend tabuisiert wird.

Im Gegensatz zu den Machtverhältnissen unter Milosevic übrigens, die im Themenkanon des serbischen Films mittlerweile einen prominenten Platz gefunden haben. Goran Markovic, der zuletzt mit seinen Dokumentationen über die Anti-Milosevic-Demonstrationen reüssierte, kommentiert die gesellschaftliche Entwicklung nun in Der Kordon. Sein Film zeigt einen Tag und eine Nacht während der Massenproteste gegen das Regime im Frühjahr 1997 aus der Perspektive eines Polizeibusses. Hinter den beschlagenen Scheiben entwickeln sich angesichts von Übermüdung und Anspannung schnell Konflikte, die sich zunächst gegen einen Kollegen vom Lande richten, um, sobald sich die Tür des Mannschaftswagens öffnet, an Passanten ausgetragen zu werden. Obwohl oftmals überdramatisiert, gelingt es Markovic, die klaustrophobe Atmosphäre zur Metapher für den damaligen Zustand seiner Gesellschaft werden zu lassen. Am Ende des Einsatzes verlässt die Tochter des Kommandanten ihren Vater aus Protest gegen die Prügelorgien; sein Stellvertreter findet keine Zeit für den leukämiekranken Sohn, und ein Kollege verpasst den Termin zur künstlichen Befruchtung: Eine Generation verprellt ihre Kinder.

Auffällig ist, dass es in Serbien ausschließlich die älteren Regisseure sind, die sich politischen Themen widmen. Dabei interessiert der Krieg sie kaum noch, dieses Thema wurde bereits in den zum Teil äußerst kritischen Filmen aus der Milosevic-Zeit bearbeitet, die im übrigen nie einer staatlichen Zensur unterlagen und sich in einigen Fällen sogar zu Box-Office-Hits entwickelten. Ging es damals, etwa in Srdjan Dragojevics Schöne Dörfer brennen schön, der den Krieg als Jugendphänomen des Hooliganismus mit anderen Mitteln erklärte, oder in Gorcin Stojanovics Vorsätzlicher Mord, einer Liebesgeschichte zwischen einem Soldaten und einer Belgrader Friedensaktivistin, um die Frage nach dem "Warum?" des Krieges, so werden heute vor allem Wunden geleckt. Die Opfer jenseits der Grenzen Serbiens interessieren dabei kaum, im Fokus steht der Verlust eines Staates und der damit verbundenen gesellschaftlichen Heimat.

Ein Teil der serbischen Regisseure hat jedoch das Interesse an derartigen Aufarbeitungen ganz verloren. So sucht Zdravko Sotra sein Heil in einer rückwärtsgewandten Heile-Welt-Projektion, deren Atmosphäre an die deutschen Heimatfilme der fünfziger Jahre erinnert. Sein Film Zamfirova Zone, eine im ausgehenden 19. Jahrhundert, kurz nach dem Ende der Besetzung Serbiens durch die Türken, angesiedelte Seifenoper, traf das Bedürfnis der heimischen Kinozuschauer wohl sehr genau und konnte bisher 1,3 Millionen Besucher verbuchen.

Vor allem aber der jungen Filmemachergeneration sind kaum noch Kommentare zu entlocken zur Großwetterlage in dem - wie der Mord an Premierminister Zoran Djindjic auf tragische Weise bestätigte - politisch noch immer nicht vollkommen stabilen Land. Ende der sechziger Jahre geboren, haben sie ihr Land ausschließlich im Verfallsstadium kennen gelernt, sind geprägt von ethnischer Propaganda, Sanktionen, Bombenalarmen und Visumszwang. Nach diesen Erfahrungen sehnt man sich offenbar nach Normalität und einem komfortablen Lebensstil, wie ihn etwa Milos Petricic in Eine vollkommen total normale Geschichte beschreibt. Einem Eskapismus frönt auch Dejan Zecevic. Eine Kleine Nachtmusik, seine letzte Arbeit, ist eine schrille Transvestiten-Komödie, die den grauen Alltag mit Aufgeregtheit im MTV-Format wegzuspülen versucht.

Die junge Filmemachergeneration in Bosnien-Herzegowina hat den Krieg Anfang der neunziger Jahre aus nächster Nähe mitbekommen. Die Regisseure der dieses Jahr vorgestellten Langspielfilme verbrachten den Krieg als Mitglieder der Sarajevo Group of Authors, deren Dokumentationen und Reflektionen aus der belagerten Stadt damals um die Welt gingen. Lange Zeit blieb die Kriegsthematik denn auch das wichtigste Sujet. Ademir Kenovic, der heute zu den einflussreichsten Produzenten in seinem Land gehört, porträtierte in dem fatalistischen Der perfekte Kreis das Elend während der Belagerung, und in Danis Tanovics No Man´s Land fanden sich die Soldaten einer serbischen und einer bosnischen Patrouille in einer Situation schicksalhafter gegenseitiger Abhängigkeit wieder.

Auch zwei der drei in diesem Jahr erschienenen bosnischen Filme beschäftigen sich mit der multiethnischen Konstellation ihres Landes, ohne dabei in Schuldzuweisungen zu verfallen. Remake skizziert die Wiederholung der tragischen ethnischen Konflikte auf dem Balkan unter anderen Vorzeichen: Während der junge Drehbuchautor Tarik Anfang der neunziger Jahr als Muslim von den Serben verfolgt wird, kam sein Vater während des Zweiten Weltkriegs fast in einem Arbeitslager der faschistischen kroatischen Ustascha um - damals der Kollaboration mit Serben und Juden verdächtigt. Weniger plakativ führt der bereits erwähnte Gori Vatra in die unmittelbare Vergangenheit zurück: Regisseur Pjer Zalica beschreibt mit leiser Ironie die Verwandlung eines abgelegenen Schmugglernestes an der Grenze zwischen der bosnischen Föderation und der Serbischen Republik in einen zivilisierten Vorzeigeort. Die neue Zeit kündigt sich an, als über den Köpfen der Bewohner des Dorfes die amerikanische Präsidentenlimousine einschwebt: Bill Clinton hat seinen Besuch in Tesanj angemeldet, und so muss der Handel mit illegalen Zigaretten, Prostituierten, kurdischen und chinesischen Flüchtlingen eingestellt und - auf Anordnung der SFOR - eine gemeinsame Feuerwehrpatrouille mit den serbischen Nachbarn gebildet werden.

Der dritte Film der bosnischen Jahresproduktion widmete sich der Gegenwart in den zerbombten Hochhaussiedlungen am Rande von Sarajevo: In Srdjan Vuletics Der Sommer im goldenen Tal lässt sich der 16-jährige Fikret, um die Schulden seines verstorbenen Vaters zu begleichen, auf den Komplott zweier korrupter Polizisten ein, die die Tochter eines Neureichen kidnappen. Vuletics Verwirrspiel über Perspektivlosigkeit und die Suche nach dem privaten Glück macht dabei auch vor dem derben Balkan-Humor nicht Halt, deren pistolenstarrende und sexualsprachliche Derbheit hier in krassen Gegensatz zu der sensiblen Inszenierung des sympathischen Hauptdarstellers gerät.

Ein weiteres Zeichen der Annäherung zwischen Serben und Bosniern lässt sich aus der Besetzungsliste von Vuletics Spielfilm ablesen: Mit Svetozar Cvetkovic spielt hier nämlich einer der populärsten serbischen Schauspieler eine Hauptrolle. Auf der buchstäblich anderen Seite tritt der nicht minder populäre Bosnier Branko Djuric - als Chiki in No Man´s Land auch in Deutschland bekannt geworden - in der skurrilen serbischen Komödie Kleine Welt auf. Normalisierung in einer noch immer gespaltenen Region.

00:00 29.08.2003

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