Verteidigung des Scheinesystems

Zahlungsmittel Warum Schurken, Hochstapler und wahre Demokraten das Bargeld lieben
Verteidigung des Scheinesystems
Auch im Sinne der Raumausstattung unschlagbar: Bargeld hat viele Vorzüge

Foto: Fox Photos/Getty Images

Die Abschaffung des Bargelds scheint in Deutschland in weiter Ferne zu liegen. Laut der Bundesbank-Studie „Zahlungsverhalten in Deutschland 2017“ werden drei von vier Einkäufe noch immer bar bezahlt. Durchschnittlich 107 Euro trägt der Deutsche im Portemonnaie mit sich herum, daran hat sich in den vergangenen Jahren wenig geändert. In anderen europäischen Ländern ist das bargeldlose Bezahlen wesentlich beliebter – oder gar alternativlos. In den Niederlanden etwa können oft Parktickets oder Busfahrkarten nur noch elektronisch bezahlt werden und immer mehr Supermärkte nehmen keine Scheine und Münzen mehr an.

In Zeiten von Covid-19 hat sich diese Tendenz verstärkt – aus Angst vor Ansteckung. Bereits im März wurde laut Guardian an britischen Geldautomaten halb so viel Bargeld abgehoben wie sonst. Die deutschen Sparkassen verzeichnen seit Ausbruch der Pandemie deutlich mehr Transaktionen über ihre Apps als zuvor. Global betrachtet, befand sich das Bargeld jedoch schon vor Corona auf dem Rückzug. 63,5 Prozent aller elektronischen Transaktionen weltweit finden in China statt. Die Chinesen zahlen allerdings kaum mit EC- oder Kreditkarte, stattdessen nutzen sie ihr Smartphone und greifen dabei in erster Linie auf zwei Dienste zurück: Alipay und Wechat Pay.

Inzwischen bieten deutsche Banken ebenfalls das Zahlen mit dem Handy an, auch können kleinere Beträge mit den neuen EC-Karten kontaktlos, also ohne das Eingeben der PIN-Nummer und ohne eine Unterschrift leisten zu müssen, an der Kasse beglichen werden. Das hat sich in Zeiten der Pandemie bewährt – einerseits. Da die Funktion bei den meisten Karten automatisch freigeschaltet ist, könnte sie andererseits für Kriminelle mit entsprechenden Lesegeräten eine neue Geldquelle sein. Wer das befürchtet, muss eine Sperrung bei der Bank vornehmen lassen. Diese Strategie ist im Überwachungskapitalismus allenthalben anzutreffen: Wer nicht alle Ausspähapplikationen von Smartphones oder Social-Media-Plattformen haben möchte, muss aktiv werden. Datenschutz wird jedem selbst aufgebürdet, spekuliert wird auf die Bequemlichkeit der Bürger.

Auf diese hofft auch Facebook. Das Silicon-Valley-Unternehmen startet mit der geplanten Digitalwährung Libra einen schweren Angriff auf das Bargeld, wenngleich es dieses schöne neue Geld doch schwerer als gedacht haben könnte. Nicht nur der Vorstand der Bundesbank und viele Politiker warnen vor Libra, selbst einige angekündigte Kooperationspartner wie Mastercard, Visa und Ebay sind inzwischen ausgestiegen.

Ein Halbtagsphilanthrop namens Gates

Gestorben ist das Projekt damit aber keineswegs – und wenn nicht von Mark Zuckerbergs Konzern, der viel – für Geldverkehr jedoch unabdingbares – Vertrauen verspielt hat, so möglicherweise von einem anderen Anbieter. Libra wird sicherlich nicht die einzige Digitalwährung bleiben, dafür sind die technischen Möglichkeiten und die Bequemlichkeit sowie Sorglosigkeit der Verbraucher zu groß. In einem Land, in dem es keine Proteste gibt, wenn Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die sensibelsten Daten überhaupt, die Behandlungsdaten von Kassenpatienten (die Privatpatientenelite bleibt davon freilich unbehelligt) für die Forschung freigeben will, was früher oder später zu einer kommerziellen Nutzbarmachung führen wird, in einem solchen Land dürfte auch eine den Bürger völlig transparent machende Digitalwährung leicht durchsetzbar sein.

Wer jedoch vor einer Abschaffung des Bargelds warnt, wird rasch als Fortschrittsfeind oder Verschwörungstheoretiker hingestellt oder als Deutscher Michel verlacht. Was daran aber fortschrittlich sein soll, dass jeder Einkauf Daten produziert, regelmäßig die Kontoauszüge überprüft werden müssen und der Bürger seiner Geheimnisse beraubt wird, erklären die Verfechter des bargeldlosen Bezahlens nicht. Auch ist nicht zu leugnen, dass es Kreditkartenunternehmen wie Visa und Mastercard sind, die, unterstützt von dem Halbtagsphilanthropen Bill Gates, seit Jahren mit einer aggressiven Lobbyarbeit Scheine und Münzen zurückdrängen wollen. Auf den ersten Blick scheint nur der Verdacht der Deutschtümelei berechtigt zu sein.

Die Angst vor dem Ende dessen, was Fjodor Dostojewski „geprägte Freiheit“ nannte, treibt vor allem die Rechten um. Seit einer Weile hat die AfD das Thema aufgegriffen; kürzlich forderte sie sogar im Bundestag, das Bargeld im Grundgesetz zu schützen. Dabei hat keine der im Bundestag vertretenen Parteien konkret vor, Scheine und Münzen durch Kreditkarten zu ersetzen.

Ein Vorbild für die AfD könnte jedoch ihr Pendant in Österreich sein, denn die FPÖ wollte im vergangenen Jahr den Satz „Die Verwendung von Bargeld unterliegt keinen Einschränkungen“ in die Verfassung aufnehmen lassen, was jedoch vertagt wurde. Auch der österreichische neokonservative Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) präsentiert sich als Verfechter des Bargelds: „Der Einsatz von Bargeld ist für viele Menschen, gerade für die ältere Bevölkerung in Österreich und im ländlichen Raum, eine Grundbedingung für ein selbstbestimmtes Leben.“

Dem Kapitalismus gefällt das

So gesehen, hat das Bargeld nicht gerade den besten Leumund, doch das sollte nicht zu dem albernen Umkehrschluss führen, dass die, die die Barzahlung abschaffen wollen, auf der richtigen Seite stehen. Im Gegenteil: Gerade Linke müssten ein besonders hohes Interesse daran zeigen, dass sie nicht bei jeder Transaktion überwacht werden. Wir leben nolens volens in einer Konsumgesellschaft. Der Einkaufszettel verrät viel über das, was wir denken und sind. Ob wir gerade etwas zu viel trinken oder rauchen, was wir essen, ob wir Sex haben (falls wir dafür bezahlen: mit wem), und wo wir politisch zu verorten sind. Daten, die auch den Gesundheitsminister oder Versicherungen und Geheimdienste interessieren könnten. Im Zuge der immer totaler werdenden Überwachungspolitik seitens des Staates und der Privatwirtschaft geht es um die lückenlose Kontrolle des Bürgers. Wer bar zahlt, so lautet der Generalverdacht, könnte etwas verheimlichen wollen.

Als die Europäische Zentralbank 2018 den 500-Euro-Schein abschaffte, sahen dies manche als Anfang vom Ende. Die Begründung, der Schein – eine Million Euro wiegt in der Portionierung gerade einmal 2,2 Kilogramm – sei für Kriminelle ideal, um hohe Summen zu schmuggeln, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Seit 2017 sind außerdem Barzahlungen von mehr als 10.000 Euro nur noch mit der Vorlage des Ausweises möglich.

In der EU wurde bereits darüber diskutiert, nur noch Bargeldzahlungen bis 5.000 Euro zuzulassen – selbstverständlich sind es stets hehre Ziele, die solche Maßnahmen rechtfertigen sollen: Kampf gegen Terrorismus und Geldwäsche. Letzteres ist jedoch, wie die „Panama Papers“ offenbart haben, auch bargeldlos recht problemlos möglich. Und Terroristen mögen zwar ein steinzeitliches Weltbild haben, moderne Bezahltechnologien kennen und nutzen sie aber durchaus.

Dass das Bargeld in die Nähe von kriminellen Machenschaften oder zumindest Hochstapelei gerückt wird, ist nicht neu; das Kino ist daran nicht unschuldig, wie die Komödie Sein größer Bluff von 1954 mit Gregory Peck beweist. Der auf Mark Twains Erzählung Die Eine-Million-Pfund-Note basierende Film erzählt die Geschichte eines Hochstaplers. Zwei englische, schwerreiche Gentlemen statten einen mittellosen Amerikaner mit einem Eine-Million-Pfund-Schein aus, um zu sehen, wie weit er in der Londoner Gesellschaft mit diesem verheißungsvollen Stück Papier kommt. Spoiler: sehr weit. Bald avanciert er nicht nur zum Salonlöwen, sondern wird überdies Berater in diversen finanziellen Angelegenheiten. Allein das Vorzeigen der Note genügt, und schon öffnet sich jede Tür.

In Twains Vorlage kommt es zu einer bemerkenswerten Szene bei einem Herrenausstatter. Der frischgebackene Millionär will sich einen Anzug zulegen, doch der Schneider kann den großen Schein unmöglich wechseln. Es könne lange dauern, meint der Amerikaner, bis er den Schein irgendwo gewechselt bekommt, was jedoch den Schneider keineswegs beunruhigt – er könne warten, zur Not „auf ewig“. Der Geldschein wird hier zum Versprechen auf die Zukunft. Mit anderen, Hans Magnus Enzensbergers Worten aus dem Wirtschaftsroman Immer das Geld! formuliert: „An das Geld muss man schon glauben, sonst funktioniert es nicht.“ Ketzerei entwertet es, und das Wirtschaftssystem wird instabil.

Weisheit des Kinos

Im antiken Griechenland war das nicht anders. Zwar war die Münze aus Silber im Gegensatz zu den Euro-Münzen oder -Scheinen kein reines Zeichengeld, sondern hatte einen intrinsischen Wert, entscheidend aber war der Prägestempel auf ihr. Nicht nur gab der Stempel Auskunft über das Gewicht und den Feingehalt des Geldstücks, „er verbürgte seine Akzeptanz, und zwar auch dann und gerade weil, wie im Altertum schon aus technischen Gründen unvermeidlich, zwischen Nominal- und ‚faktischem‘ Wert Differenzen bestanden“, schreibt der Soziologie Axel T. Paul in seinem Buch Theorie des Geldes zur Einführung. Dem Staat also muss vertraut werden, dass die Münze das wert ist, was ihre Prägung verspricht. „Die Münze“, erklärt Paul, „war damit in zweifachem Sinne eine gemünztes Stück Glauben: Glaube daran, dass es so etwas wie Wert an sich überhaupt gibt, und Glaube daran, dass andere ihn teilen“.

Der Barzahler ist also ein Staats- und Institutionengläubiger? Ja und nein. Interessanterweise lösten viele libertäre Staatskritiker und -feinde ihr während des Bitcoin-Hypes gewonnenes Kryptogeld nicht primär in Bargeld, sondern in Gold ein – weil es einen inneren Wert hat und nicht auf die Stabilität und Vertrauenswürdigkeit staatlicher Institutionen angewiesen ist. Vertrauensseligen Bürgern wäre eine solche Denkweise fremd.

Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit, wie wiederum das Kino zeigt. Große Scheine oder Geldbündel kommen im Film eigentlich nur dann ins Spiel, wenn im Western Kopfgeldjäger bezahlt und im Heist-Movie Banken ausgeraubt werden oder Ganoven in verrauchten Hinterzimmern pokern. Der Schurke liebt das Bargeld. Aber was, wenn es das Gebot der Stunde ist, uns alle angesichts der Ausweitung des Überwachungsapparats als schurkische Existenzen, zu denen wir de facto gemacht werden, zu begreifen? Sollte uns nicht mehr denn je daran gelegen sein, unsere Spuren zu verwischen? Dabei gilt der vielzitierte Satz von Edward Snowden: „Zu argumentieren, dass Sie keine Privatsphäre brauchen, weil Sie nichts zu verbergen haben, ist so, als würden Sie sagen, dass Sie keine Meinungsfreiheit brauchen, weil Sie nichts zu sagen haben.“

Und vergessen werden sollte nicht, dass die Gegenwart vielleicht zu wenig über unsere Zukunft sagt. Wenn noch drei Viertel aller Käufe bar vollzogen werden, heißt das nicht, dass sich das in wenigen Jahren durch noch praktischere, das heißt totalere, Technologien nicht radikal wandeln kann – zumal unter dem beschleunigenden Einfluss der Corona-Pandemie. Selbst Anfang der 2000er-Jahre behaupteten viele, sich niemals ein Handy anschaffen zu wollen. 2007 kam dann das iPhone.

Paypal und Kreditkarte statt Scheine und Münzen? Warum das die Armen besonders trifft, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Freitag (32/20) – in unserem Wochenthema rund um das Bargeld

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06:00 07.08.2020

Ausgabe 48/2020

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