Vertikale Geburt

Ethnologie Das Studium der Bewohner im Norden von Papua-Neuguinea geriet zur wissenschaftlichen Selbstentblößung. Jürgen Kaube über Kiriwina, die Wiege der modernen Soziologie

Was Darwin für die Naturkunde und Robinson Crusoes Más a Tierra für die Geschichte des modernen Romans sind, das ist Kiriwina für die Sozialwissenschaften: die Insel, wo der Mythos vom Ursprung begann. Auf Kiriwina und ihren Nachbarinseln im westlichen Pazifik wurde die berühmteste Feldforschung in der Geschichte der Ethnografie durchgeführt. Am 20. September 1914, sechs Wochen nach Beginn des Ersten Weltkriegs, langte Bronislaw Malinowski, Student der Anthropologie an der London School of Economics, in Port Moresby (Neu-Guinea) an. Er war noch im Frieden aufgebrochen, hatte als Pole einen österreichisch-ungarischen Pass und wurde von den britischen Kolonialherren über Ozeanien als Kriegsgegner dort festgehalten, wohin er sowieso wollte. Eine produktivere Internierung hat es danach nie wieder gegeben. Sein Ziel wurde die nördlichste Inselgruppe der Milne Bay, die Trobriand-Inseln, deren größte Kiriwina ist, und ihre Bewohner. Zwei Jahre, mit einer längeren Unterbrechung, verbrachte er dort.

Zurück kam er mit der Beschreibung einer ganzen Gesellschaft. Malinowski berichtete vom Kult der Yams-Wurzel, den die Eingeborenen betrieben, und von der Magie der sogenannten Korallengärten, in denen mehr und anders angebaut wurde als es das bloße Ernährungsbedürfnis geboten hätte. Für sich selbst seien die Trobriander zuallererst Gärtner, schrieb Malinowski, und sie verwandelten die Landschaft, in der sie lebten, fortwährend in Geschichten. Er beschrieb ihr Geschlechtsleben, vom Mutterrecht, in dem die Frauen die Vorrechte vererben und die Männer sie ausüben, bis zur Art, wie man sich in Melanesien verliebt – „obwohl die Romantik von der sozialen Ordnung nicht begünstigt wird“ – und miteinander schläft: „Vor allem verachten die Eingeborenen die europäische Stellung als unpraktisch und unschicklich.“ Er analysierte den Kula-Tausch als eine Form der Gabenökonomie, die sich Halsketten und Armreifen bediente, um neben dem Austausch lebensnotweniger Güter zeremoniell die gegenseitige Abhängigkeit der Händler zu bekräftigen. Und er überführte all diese Beobachtungen zuletzt in eine Theorie der Kultur, die auf den Beitrag des zunächst Unverständlichen zum Bedürfnishaushalt des Menschen abstellte.

Weshalb aber wurden gerade diese Forschungen und mit ihnen die Trobriand-Inseln legendär? Der wichtigste Grund war nicht der „Funktionalismus“, den er aus seinen Notizen als Lehre davon entwickelte, dass Gesellschaft ein System von Problemlösungen ist. Wichtiger war wohl, dass Malinowski behauptete, eine fremde Welt zu verstehen heiße, in sie einzutauchen. Malinowski war der Sozialpsychologe unter den Anthropologen. Er wollte Gefühle studieren und nicht in erster Linie Verwandtschaftstabellen, Strategien, Diätpläne oder Bedeutungsgewebe. Er gab der Anwesenheit des Forschers somit einen besonderen Sinn, der weit über die Garantie hinaus reichte, alles selbst gesehen und gehört zu haben. Der Ethnologe sollte mehr sein als ein Tourist, dem man zuvor gesteckt hatte, in den Seitenstraßen spiele das eigentliche Leben. Auf Kiriwina gab es nicht einmal Hauptstraßen, und was Malinowski zu erreichen suchte, war nicht nur Ortskenntnis, sondern „Horizontverschmelzung“. Das Erlernen einen neuer Kultur, schrieb er, gleiche dem Erlernen einer neuen Sprache an dessen Ende die vollkommene Ablösung von der ursprünglichen stehe.

Wunsch nach Verschonung

Der erste Aufsatz, den er überhaupt verfasst hatte, galt zehn Jahre vor seiner Pazifikfahrt Friedrich Nietzsches Geburt der Tragödie, die sich mit demselben Problem herumschlug: Wie kann man einer Welt gerecht werden, an der man nicht selber teilhaben kann? Doch, man kann es, meinte Malinowski und unternahm „die paradigmatische Reise zum Paradigma ‚Anderswo‘“ (Clifford Geertz), in eine Welt, von der er im ersten Satz seines kaum zufällig nach der archaischen Legende der Griechen benannten Buches über die Argonauten des westlichen Pazifik 1921 notiert, sie schmelze mit hoffnungsloser Geschwindigkeit einer Wissenschaft weg, die soeben erst bereit sei, sie zu erschließen.

Man könnte die Dörfer, die Malinowski besucht hatte, nach seinen Skizzen, Karten und Fotografien wiederaufbauen, die Riten neu aufführen, die Stammesökonomie erneut in Schwung bringen, fischen wie die Trobriander und heiraten wie sie. Wer heute zu ihnen fährt, dem begegnet eine folkloristische Aufführungskultur, deren Skript Malinowski geschrieben hat. Außerdem darf man diese Melanesier überforscht nennen. Es gibt Monografien über ihre ödipalen Konflikte ebenso wie Studien zu ihrer Höhlenkunst, ihrer Version von Cricket oder zur Linguistik ihrer Mahnreden, und auch „Die vertikale Gebärhaltung am Beispiel der Trobriander“ scheint nach einem Beitrag in Gynäkologische Praxis, Band 9, 1985, geklärt. Nur die im selben Jahr gestellte Frage nicht: „Was soll aus den Inseln der Liebe werden?“, wie der Untertitel eines Beitrags über „Die natürliche Erotik der Trobriander“ lautet, der in Peter Moosleitners interessantes Magazin am 18. Oktober 1985 erschien. Wer die inzwischen mehr als 1.500 Einträge der Bibliografie zu den Trobriandern durchgeht, in dem mag der Wunsch nach Verschonung dieser zwölftausend Leute aufkommen.

Die Tropen haben ihre traurigen Aspekte; das hat auch Malinowski erfahren. 1966 erschien aus dem Nachlass des 1942 verstorbenen Forschers das Tagebuch im strikten Sinne des Wortes, das er neben seinen ethnografischen Notizen führte. Und eine große Verlegenheit ergriff die Wissenschaft. Denn das Tagebuch zeigte, dass in das Bild der ethnografischen Arbeit im Feld mehr gehört als die Trobriander und ihre Gewohnheiten: Die Isolation des Forschers, seine schlechten Launen, die Verachtung für die Eingeborenen, die ihm ebenso wie das Kolonialpersonal auf die Nerven gehen, die Südsee als ästhetischer Trost, seine Erregung durch die halbnackten Wilden, seine Hypochondrie, die Sehnsucht nach den zurückgelassenen Frauen, sein Brüten.

So also war es um die Objektivität bestellt, auf die sich Malinowskis Forschungsethos und der Gründungsmythos einer ganzen Disziplin beriefen. Mittels dieser Legende hatte die Ethnologie geglaubt, sich von den älteren „Schreibtischanthropologen“, den Tylors und Frazers, mit ihren aus der Luft englischer Studierstuben gegriffenen Kon­struktionen endgültig abgewendet zu haben. Und nun dieses Tagebuch, das zeigte, wie ein Objekt entsteht, indem das Subjekt herausgekürzt wird – und wie weit es mit der Horizontverschmelzung war, nämlich gar nicht weit. Seitdem diskutiert die Ethnologie, ob sie eine Forschung ist oder eine Literatur. Die Trobriand-Inseln sind auch insofern ein symbolischer Ort für die moderne Sozialwissenschaft. Denn hier stieß sie zum ersten Mal auf die Frage, ob es teilnehmende Beobachtung im strikten Sinne des Wortes überhaupt geben kann.

Jürgen Kaube ist einer der angesehensten deutschen Wissenschaftsjournalisten. Seinen Beitrag haben wir dem eben erschienen Band Mekkas der Moderne Pilgerstätten der Wissensgesellschaft entnommen. Böhlau, Köln 2010, 424 S., 24,90

15:36 23.05.2010

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