Vera Deleja-Hotko
Ausgabe 1317 | 12.04.2017 | 06:00

Vertrauen ist der Anfang von allem

Geld In Österreich entsteht derzeit die Bank für Gemeinwohl – als Gegenentwurf zur Finanzindustrie und ihren Spekulationsgeschäften

Vertrauen ist der Anfang von allem

Wenn die Genossen Gewinn machen, investieren sie ins Gemeinwohl

Foto: Aleksandra Pawloff

Sie tragen Turnschuhe und in ihrer Küche gleicht keine Kaffeetasse einer anderen, alles erinnert ein wenig an eine große WG – aber eine, in der das mit dem Putzplan funktioniert. Persönlich mit Handschlag begrüßt wird hier jede Kundin und jeder Kunde. Nicht nur die, die besonders viel Vermögen auf ihren Konten haben. Denn der nach eigenen Angaben „ersten ethischen Alternativbank Österreichs“ mit Zentrale in Wien geht es nicht um Profit. Vielmehr will sie Geld gesellschaftlichen Sinn geben.

Alles begann in einem Wiener Kaffeehaus. 110 Personen aus den neun österreichischen Bundesländern trafen sich im Jahr 2010, um Alternativen zum bestehenden Finanzsystem zu debattieren. „Anstatt die Verluste von Banken aufzufangen, sollte man diese vergesellschaften und unter demokratische Kontrolle bringen“, hatte der Gemeinwohlökonom Christian Felber 2008 geschrieben und schließlich in Wien ein Vernetzungstreffen initiiert. Das Ziel: eine aus der Mitte der Gesellschaft gegründete und nicht-gewinnorientierte Bank, die regionale Wirtschaftskreisläufe und sozial wie ökologisch nachhaltige Investitionen fördert. Ein Gegenmodell also zu den Spekulationsgeschäften, mit denen heute Finanzkonzerne die Realwirtschaft jederzeit in die Krise zu stürzen drohen.

Aus dem unverbindlichen Treffen entstand der „Verein zur Förderung und Gründung einer Demokratischen Bank“. Drei Jahre später trug sich die verbandsfreie „BfG Eigentümer/innen und Verwaltungsgenossenschaft EG“ in das österreichische Firmenbuch ein. Die Bank für Gemeinwohl (BfG) ist jetzt Realität.

Wer Genosse werden will, muss Anteile im Wert von 200 Euro bis 100.000 Euro kaufen. Unabhängig von der Betragshöhe hat jedes Mitglied gleichwertiges Stimm- und Sitzrecht in den Generalversammlungen. Dort werden mehrmals im Jahr Grundsatzentscheidungen durch systemisches Konsensieren getroffen – jener Lösungsvorschlag mit der geringsten Ablehnung wird umgesetzt. Risikoreich wird es für Mitglieder nur im Falle einer Insolvenz. Dann haften sie mit ihrer Einmalzahlung.

„Mich hat das Bankensystem genervt und was dort alles falsch läuft“, sagt eine der bisher noch wenigen Festangestellten der BfG: Alexandra Scheucher ist seit 2016 im Arbeitskreis „Kampagne und Koordination der Regionalgruppen und Großzeichner/innen“ tätig. „Ich konnte einfach nicht mitbestimmen, was mit meinem Geld passierte, das ich auf der Bank liegen hatte.“

Drei Jahre lang Verluste

Eine Genossenschaft reicht freilich nicht aus, um eine Bank zu gründen. Ausreichendes Startkapital ist die Grundvoraussetzung für den Erhalt einer Banklizenz. In Österreich wie in Deutschland sind das fünf Millionen Euro. Derzeit gibt es knapp 5.000 Mitglieder, die rund 3,5 Millionen Euro Genossenschaftskapital eingezahlt haben. Erst bei 15 Millionen Euro wird die BfG als Vollbank ihr Arbeit aufnehmen. Der Puffer soll als Absicherung in den ersten Jahren dienen. Zwischenzeitlich wird ein Online-Zahlungsinstitut eine alternative Kapitalverwaltung anbieten. Die Bargeldauszahlung erfolgt über die Automaten der Konkurrenz. Anfang 2018 soll dann das Zahlungsinstitut eröffnen.

„Wenn es 19.000 Kunden hat, kommt es in die Gewinnzone. In drei Jahren sollten wir diesen Kundenstock erreichen. Davor schreibt das Institut noch Verluste“, glaubt Fritz Fessler. Er kommt aus der IT-Branche und wurde im Oktober 2016 zum Finanzvorstand der BfG gewählt. Zuvor hatte er das Projekt schon als ehrenamtlicher Mitarbeiter unterstützt. „Die Genossenschaft ist kein gewinnorientiertes Unternehmen. Sollte sie dennoch Gewinn machen, wird das Geld in gemeinwohlorientierte Projekte, nachhaltige Landwirtschaft etwa oder erneuerbare Energie, reinvestiert.“ Das Zahlungsinstitut, und in weiterer Folge die Vollbank, werden vom Genossenschaftskapital vorfinanziert. Sobald die Vollbank sich selbst erhalten kann, wird diese Vorfinanzierung zurückgezahlt. Sollte nach der Rückzahlung weiterhin Gewinn erzielt werden, wird dieser nicht an die Genossenschaftsmitglieder ausgezahlt, sondern auch für die Förderung von ökologisch nachhaltigen und sozialen Projekten verwendet.

Die fortlaufende Finanzierung der Vollbank und des Zahlungsinstitutes erfolgt mittels Kontoführungsgebühren. Für ein privates Girokonto würde man acht Euro monatlich zahlen. Zum Vergleich: Die Sparkasse Österreich verlangt für ein privates Girokonto 5,25 Euro, die Deutsche Bank 7,99 Euro pro Monat. Eine Kreditvergabe und infolgedessen Soll- und Habenzinsen werden erst bei der Vollbank möglich sein. Wie hoch der Zinssatz sein wird, hängt von der gesamtwirtschaftlichen Lage zum Zeitpunkt der Bankengründung ab. Die BfG wird den Kontoinhabern jedoch anbieten, dass der Kapitalertrag ihrer Habenzinsen in gemeinwohlorientierte Projekte investiert wird, anstatt ihn auszuzahlen.

Vision in Orange-Grün

Bevor die Vollbank allerdings einen Kredit vergibt, muss die potenzielle Investition einer Gemeinwohlprüfung unterzogen werden. Einer Vergabe wird nur dann zugestimmt, wenn der gesellschaftliche und ökologische Mehrwert des Projektes erkennbar ist. „Wir wollen uns auf gemeinwohlorientierte Projekte konzentrieren. Wenn jemand privat ein Haus baut, dann ist die Frage: Wie gemeinwohlorientiert ist das wirklich? Ein Co-Housing-Projekt wäre beispielsweise etwas anderes“, sagt Fessler.

Unterstützt wird das BfG-Projekt von 80 ehrenamtlichen, Vollzeit- und Teilzeitmitarbeitern, die in fünf Regionalbüros und 18 -gruppen in Österreich Beratung anbieten. Die Infrastruktur finanziert sich über das Genossenschaftskapital, denn auch eine ethische Bank benötigt Arbeitskräfte. „De facto wird das Genossenschaftskapital jetzt weniger, bis wir mit dem Zahlungsinstitut in die Gewinnzone kommen. Wir haben derzeit fast keine Einnahmen, arbeiten aber damit“, erklärt Scheucher.

Die Vision ist klarer als der Weg. Auf orange-grünen Plakaten grüßt sie von den Bürowänden: „Kann man die Welt durch eine Bank besser machen? Ja, du kannst.“

Vera Deleja-Hotko studiert und arbeitet als freie Journalistin in Wien

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 13/17.