Vertrauen Sie Ihren eigenen Formulierungen!

Sachlich richtig Literaturprofessor Erhard Schütz stellt diesmal Bücher über gefährliche, gelesene und zu schreibende Bücher vor
Vertrauen Sie Ihren eigenen Formulierungen!

Illustration: OTTO

Um einmal nicht mit dem 10. Mai 1933 anzufangen: Gut 200 Jahre vor unserer Zeitrechnung ließ der chinesische Kaiser Qin Shihuangdi alle Schriften verbrennen, in denen das Alte verherrlicht und das Neue herabgesetzt wurde. Nachdem er gestorben war, wurden umgekehrt alle das Neue preisenden Schriften verbrannt.

Werner Fuld stellt in seiner „Universalgeschichte“ der Bücherverfolgungen aber nicht nur von Obrigkeiten und Nachfolgern Verbranntes und Verfemtes, sondern auch das von Autoren, z. B. Kafka oder Nabokov, Verworfene mit dar. Und dabei geht er über Stock und über Stein, geht auf Ovid und Lucky Luke, auf Baudelaire ebenso ein wie auf Remarque (und dessen bundesrepublikanische Verstümmelung), auf den deutschen „Schmutz und Schund“ wie auf die Verfolgung Salman Rushdies oder das Verbot von Maxim Billers Ezra. „Chronik der Siege des Worts über die Macht“ nennt er etwas arg pathetisch sein Werk. Das ist bei aller Verve gegen Diktatur und Zensur doch in bestens lesbarem Stil gehalten. Es ist, zumindest im Kapitel über die sekretierten Erotica, auch amüsant.

Allerdings gerät er bei der DDR derart in Rage, dass die Kontrollwut der Nazis und was sie passieren ließen dagegen fast harmlos wirkt. Zwar sind die Beispiele, etwa der Umgang mit Nico Rost und seinem KZ-Bericht oder dem ­Goethebuch von Hildegard Emmel, tatsächlich Schurkenstücke, aber damit die gesamte DDR-Literatur zu verdammen, ist selbst nicht ohne Verfolgungswut.

Man möchte glauben, hier wolle einer ein Buch verbrennen, mindestens aber in den Giftschrank schließen lassen. So dramatisch der Titel: Ein gefährliches Buch. Nicht einmal gefährlich aber war, sondern nur bescheuert, was Heinrich Himmler mit Tacitus’ Germania, um die es geht, anstellte, indem er sie zum Wahrbuch über das germanische Wesen erhob. Darum beginnt der amerikanische Historiker Christopher B. Krebs effekthascherisch mit dem – freilich vergeblichen – Versuch, der SS den Codex ihrer Überlieferung in Italien zu rauben, um ihn in der zukünftigen Welthauptstadt Germania zur Reliquie zu machen.

Sieht man von solchen Knallern ab, ist das ein durchaus interessantes Buch, weil es die Geschichte der nationalistischen Instrumentalisierungen seit dem Humanis­mus durchaus kundig und lebendig darzustellen weiß. Dass andere Nationen nicht minder närrisch mit Herkunftsantiquitäten waren, macht das nicht besser – aber doch entschieden harmloser als der Titel spektakelt. Das Buch über jenes Germanien, „durch Wälder grausig und durch Sümpfe furchtbar“, kann man zusammen mit Tacitus’ Agricola nun auch preisgünstig selbst lesen.

Gefährliche und gelesene Bücher. „In Wahrheit ist jeder Leser, wenn er liest, der Leser seiner selbst.“ – zitiert Ina Hartwig ein „Prunkzitat“ von Marcel Proust. Mithin liest man, wenn man liest, wie Ina Hartwig sich selbst im Lesen so vieler Bücher las, sich selbst – und kann sich regelrecht dabei zusehen, wie man dabei gescheiter wird. Ina Hartwig war lange Jahre Redakteurin der Frankfurter Rundschau, als die noch nicht der Boulevardklon der Berliner Zeitung war. Das heißt, dort konnte man noch ausführliche, doch nie zu lange Rezensionen lesen.

Aus dieser vergangenen Ära Zeugnisse zu sammeln, liegt nah. Eine Bilanz im berechtigten Bewusstsein längerer Haltbarkeit. Astrid Lindgren, Gudrun Ensslin, Gabriele Goettle, Herta Müller oder Elfriede Jelinek – wie unterschiedlich sie auch sein mögen, die Kritiken heben sie auf die Ebene eines hellwachen, unprätentiös klugen Geistes. Neben der deutschen ist es vor allem die französische Literatur, die Ina Hartwig kundig vorstellt. Ein besonderes Schmuckstück aber ist das Kapitel der Proust-Lektüren. Allein das lohnt schon dieses Buch der Bücher.

Gelesenes Buch zum Bücherselberschreiben. Fachwissenschaftliche jedenfalls: Valentin Groebner, ein, wie man das früher nannte, streitbarer, aber eben auch elegant schreibender Mediävist, hat in ­einem schmalen Bändchen eine Gebrauchsanweisung zum wissenschaftlichen Schreiben geschrieben. Nicht die übliche Ratschläge­rei freilich, nicht Einleitung-Haupt­teil-Schluss oder dergleichen, sondern selbst gut geschriebene Hilfestellungen zum besseren Schreiben. Also etwa: sich in den Leser hineinversetzen, notfalls den eigenen Text sich laut vorlesen. Vor allem aber von den sub­stantivischen Stelzen steigen („Begriffsdrachen“ nennt er es) und: „Vertrauen Sie Ihren eigenen Formulierungen.“ Da beißt sich freilich der Drache in den Schwanz, denn das heißt ja, überhaupt einmal eine eigene Sprache gehabt zu haben. Jedenfalls ist das wohltuend zu lesen. Und gezielt verschenkt ein dezenter Hinweis …

Das Buch der verbotenen BücherWerner Fuld Galiani 2012, 352 S., 22,99 Ein gefährliches Buch. Die Germania des Tacitus und die Erfindung der Deutschen Christopher B. Krebs DVA 2012, 352 S., 24,99 Germania und Agricola Tacitus marix 2012, 192 S., 5 Das Geheimfach ist offen. Über Literatur Ina Hartwig S. Fischer 2012, 335 S., 19,99 Wissenschaftssprache. Eine Gebrauchsanweisung Valentin Groebner Konstanz University Press 2012, 130 S. 16,90

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17:00 20.06.2012

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