Vertrauen wächst nur langsam

Schuldenkrise Vor zehn Jahren erlebte Argentinien den Staatsbankrott. Was passiert mit einer Gesellschaft, die kein Geld mehr hat? Drei Menschen erzählen

Die Balkontür steht offen. Unten galoppieren Dutzende von Polizisten auf ihren Pferden über den Asphalt. Anwohner haben in der Not begonnen, Supermärkte zu plündern – Handwerker, Firmenchefs, Hausfrauen. Die Argentinier sind wütend auf ihre Politiker. Steine fliegen, Tränengas liegt in der Luft, Autos stehen in Flammen.„Que se vayan todos!“, schreit die tobende Menge in Buenos Aires und anderen Städten. „Haut alle ab!“

So begann in Argentinien das Jahr 2002. Kurz vor Weihnachten hatte die Regierung den Staatsbankrott bekannt gegeben. Alle, die gute Kontakte zu Bankdirektoren haben, waren bereits wenige Tage zuvor informiert worden – und zogen ihr Erspartes rechtzeitig ab. Guillermo Grünewald gehörte nicht zu ihnen – er hatte andere Probleme. Denn auf der Straße entlud sich die Wut. Vom Balkon aus beobachtete er, wie sich berittene Polizisten vor seinem Hauseingang formierten. Seine Frau Alicia und Tochter Tatiana waren noch unterwegs, um Besorgungen zu machen. Via Handy warnte er: „Geht zur Wohnung der Großeltern oder einer Freundin, aber kommt nicht hierher. Unser Stadtteil gleicht einem Schlachtfeld.“

Seit Präsident Fernando de la Rúa am Abend des 21. Dezember mit dem Helikopter aus seinem Amtssitz geflohen ist, rissen die Proteste nicht ab. In der Nacht zuvor hatte die Polizei in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires erste Demonstranten erschossen. In den nächsten Tagen des Volksauftstands erhöhte sich die Zahl schnell auf über dreißig Tote und mehrere hundert Verletzte.

Zehn Jahre sind seitdem vergangen. „Es herrschte damals so viel Gewalt und Unsicherheit, dass ich eine neue Militärdiktatur für möglich hielt“, erinnert sich Grünewald, der heute 43 ist. Er war nicht der einzige: Aus Angst und Perspektivlosigkeit verließen in den Wochen und Monaten nach dem Staatsbankrott tausende Argentinier ihre Heimat in Richtung USA oder Europa. Teils vorübergehend, teils für länger. Auch Grünewald wanderte aus, zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern Tatiana und Gonzalo. Die Familie zog nach Deutschland – das Land ihrer Vorfahren.

Auslöser der Revolte war die Ankündigung des Internationalen Währungsfonds (IWF) Ende November 2001, dem Land keine Kredite mehr zu gewähren – auf die Argentinien, das seit Jahren tief in der Rezession steckte, dringend angewiesen war. Die politische Basis dazu hatte de la Rúas Vorgänger Carlos Menem in den neunziger Jahren gelegt. Während seiner achtjährigen Regierungszeit ­privatisierte er neunzig Prozent der Staatsbetriebe, darunter die Flug- und Bahngesellschaft sowie Telekommunika­­tions­unter­neh­men. Um die Inflation zu stoppen, koppelte Menem zudem 1991 den Peso-Kurs im Verhältnis eins zu eins an den US-Dollar. Die Politik ging kurzfristig auf: Ausländische Firmen strömten ins Land, investierten und die argentinische Mittelschicht machte Urlaub in Übersee.

Doch schon im letzten Amtsjahr Menems 1998 zeigte sich die Kehrseite der Abhängigkeit von fremden Investoren. Dem Staat fehlten die Einnahmen seiner Betriebe, die Auslandverschuldung – unter Menem bereits bei 120 Milliarden Dollar – wuchs bis 2001 sogar noch auf 170 Milliarden an – ähnlich hoch wie jene Griechenlands heute.

„Wir wussten, dass die Blase irgendwann platzen würde“, sagt Pablo Demo, Ingenieur bei VW-Argentinien. „Wir wussten nur nicht wann.“ Wie viele andere Argentinier wollte seine Mutter im Jahr 2000 ihr Bankkonto auflösen. Da der Vater auf Reisen war, begleitete Pablo sie zur Bank. Doch der Bankangestellte bot den beiden anstelle von sechs Prozent Zinsen zunächst acht, dann zehn Prozent. Als sie verneinten, besprach sich der Banker mit seinem Vorgesetzten – und offerierte ihnen schließlich 14 Prozent.

Das große Tauschen

Mutter und Sohn hoben trotzdem alle Ersparnisse ab. Die Bank ging wenige Monate später pleite. Und Pablo zog nach dem Ende seines Studiums 2002 für anderthalb Jahre zu seiner Schwester nach Heidelberg. „Ich sah in Argentinien keine Perspektive mehr“, sagt der heute 36-Jährige. „Es herrschte große Resignation.“ Mangels Alternativen nahmen viele Studienabgänger eine Stelle als Taxichauffeur oder Busfahrer an. Demo hoffte auf eine Stelle in Europa und lernte Deutsch – zusammen mit Kriegsflüchtlingen aus Afghanistan und dem Irak.

Im Laufe des Jahres 2001 – inzwischen war in der ganzen Welt die Rede von Rezession – schwand das Vertrauen der Argentinier in die Banken weiter, sie versteckten ihr Erspartes zuhause oder legten es in Dollar im Ausland an. Um die Kapitalflucht zu verringern, beschloss Wirtschaftsminister Domingo Cavallo Anfang Dezember, dass die Argentinier nur noch 250 Pesos pro Woche abheben dürfen.

Als das System Ende Dezember kollabierte, lag auch der Kleinbetrieb von Guillermo Grünewald, einem Zulieferer für Chemielabore, am Boden. Er und seine Frau verloren ihr ganzes Vermögen, rund 50.000 Euro – wie tausende andere aus der argentinischen Mittelschicht. Auch die Rente war weg – nach gut 20 Jahren gemeinsamer Einzahlung.

Grünewald blieben nur Auto, Wohnung – und die deutsche Staatsbürgerschaft seines Vaters. „Wenn Argentinien irgendwann wieder einmal explodiert“, hatte ihm seine Mutter einige Jahre zuvor auf dem Sterbebett gesagt, „dann habt ihr wenigstens einen Ort, an den ihr gehen könnt.“ Grünewalds Großeltern waren vor dem Zweiten Weltkrieg aus dem niedersächsischen Springe nach Argentinien ausgewandert. Sie hatten selbst mehrere Krisen des Landes miterlebt.

Wenige Tage vor dem Abflug nach Deutschland verkaufte Grünewald Computer, Fernseher, Fahrräder, Geschirr und alles andere, was sich gegen Geld tauschen ließ, auch seinen Renault-Transporter. Die Käufer sammelten sich im Wohnzimmer. Es sind Freunde und Bekannte. Sie zahlen in Dollar. Denn der Peso ist nichts mehr wert.

Mit 12.000 Dollar in der Tasche, aber ohne Deutschkenntnisse und Unterkunft, landeten die Grünewalds im März 2002 in Frankfurt am Main – als Flüchtlinge aus einem eigentlich reichen Land. „Wir waren damals so verzweifelt“, sagt Grünewald, „dass wir keinen anderen Ausweg sahen.“

Vom argentinischen Staat war nach den Chaos-Tagen Ende 2001 nicht mehr viel zu sehen. Innerhalb von zwei Wochen hatten sich insgesamt fünf Präsidenten abgewechselt. Die Arbeitslosigkeit lag inzwischen bei über 20 Prozent. Tausende Firmen waren pleite gegangen. Jeder zweite der knapp 40 Millionen Argentinier lebte unter der Armutsgrenze.

Schon Monate zuvor waren viele Argentinier zu Selbstorganisation übergegangen, um das Überleben zu sichern. Tausende von Arbeitern, denen Massenentlassungen drohte und Lohnausfall, besetzten ihre Fabriken und nahmen sie in Eigenregie wieder in Betrieb. Sie ernten dafür große Sympathie. 90 Prozent dieser Korporationen funktionieren bis heute. Ihr Ziel ist nicht die Gewinnmaximierung, sondern die Selbsterhaltung.

Zudem begannen die Bewohner ganzer Stadtteile, sich in sogenannten Asambleas, direktdemokratischen Zusammenkünften, zu treffen, nicht nur, um Demonstrationen zu organisieren, sondern auch um soziale Projekte wie Volksküchen und die Gesundheitsversorgung in die Hand zu nehmen. Im ganzen Land entstanden darüber hinaus Tauschbörsen und damit eine informelle Wirtschaft, die noch zwei Jahre bestehen sollte, inklusive eigener Währungen und Schuldscheinen.

Aktiv wurde in dieser Zeit auch die Gensoja-Industrie. Diese hatte während der Menem-Regierung tausende Quadratkilometer fruchtbaren Lands gekauft und bewirtschaftet. Anfang 2002, nur wenige Wochen nach dem Staatsbankrott, zog sie mit dem Programm „Soja Solidaria“ durchs Land. Soja wurde als Nahrungsmittel gegen die Krise gepriesen – entgegen den bisherigen Essgewohnheiten der Argentinier.

Freiwillige erklärten in den Armenvierteln, wie man Soja zu Milch, Brei oder Schnitzel verarbeitet. Auch Angelita Bianculli (74) beteiligte sich an dem Programm – als Betreiberin eines Bio-Restaurants und langjährige Ernährungsberaterin ganz gegen ihre eigentliche Überzeugung. „Aber wenn du im Fernsehen Kinder siehst, die mangels Nahrung Erde essen, treten die eigenen Ideale in den Hintergrund“, sagt sie. Den Menschen wurde tonnenweise genmanipuliertes Soja geschenkt – dasselbe Soja, das in China und Europa als Tierfutter dient.

Das Misstrauen bleibt

Heute, zehn Jahre danach, hat sich Gensoja zu einer der wichtigsten Einnahmequelle des Landes entwickelt. Aufgrund der niedrigen Anbaukosten und der starken Nachfrage – vor allem aus dem asiatischen Raum – werden mittlerweile auf fast zwei Drittel der gesamten Anbaufläche jährlich knapp 50 Millionen Tonnen produziert.

Mit dem Soja-Boom ist Argentiniens Wirtschaft mittlerweile wieder auf die Beine gekommen. In den letzten Jahren wuchs sie durchschnittlich um acht Prozent. Die Arbeitslosigkeit ist nach offiziellen Angaben auf rund sieben Prozent geschrumpft. Argentiniens kürzlich wiedergewählte Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner führt den Weg ihres im Oktober 2010 verstorbenen Mannes und Amtsvorgängers Néstor fort. Das Land soll weiter industrialisiert und die Staatsbetriebe von einst sollen rückverstaatlich werden; mit den Wasserwerken und der Fluggesellschaft Aerolíneas Argentinas ist dies bereits passiert. Vom „nationalen Kapitalismus“ ist die Rede und der Emanzipation vom IWF. Seine Schulden hat Argentinien inzwischen zurückbezahlt.

Trotz der Aufbruchstimmung und der Wachstumseuphorie: Die sozialen Unterschiede sind geblieben, die Armenviertel rund um Buenos Aires und andere Städte wachsen. Ein guter Teil der Menschen, die hier leben, sind Bauern, deren Existenzgrundlage von der Soja-Wirtschaft zerstört worden ist.

Geblieben ist das Misstrauen in die eigene Währung. Wer Erspartes hat, legt dieses entweder in Dollar an, hortet es weiterhin bei sich Zuhause oder kauft sich Auto oder Wohnung – Dinge, die ihren Wert nicht so leicht verlieren können. „Man ist in ständiger Alarmbereitschaft, dass alles wieder zusammenbricht“, sagt Pablo Demo. Er spricht den Argwohn gegenüber Politik und Staat an, der in weiten Teilen der argentinischen Mittelschicht geblieben ist. Er selbst kam im Laufe des Jahres 2003 zurück, eine Baufirma hatte ihm einen Job angeboten.

Um die Armut zu reduzieren hat die Kirchner-Regierung ihre Subventionen erhöht, etwa für den öffentlichen Verkehr, für bestimmte Lebensmittel oder Nebenkosten für Strom, Gas und Wasser. „Viele Leute haben sich schon so daran gewöhnt“, kritisiert Angelita Bianculli, „dass sie gar nicht mehr arbeiten gehen.“ In Krisensituationen sei Stütze zwar der richtige Weg. „Aber irgendwann müssen die Menschen versuchen, wieder selbstständig zu sein.“

Guillermo Grünewald hat die Entscheidung auszuwandern nie bereut; trotz anfänglicher Schwierigkeiten. Er und seine Frau arbeiten inzwischen als Spanischlehrer in Weiden in der Oberpfalz. Eine Rückkehr nach Argentinien kommt für beide nicht infrage. „Ich genieße es, in einem Land zu leben, das funktioniert“, sagt Grünewald.

Er beobachtet heute, was in Griechenland passiert – lässt sich das mit Argentinien vergleichen? „Ja und Nein“, sagt Grünewald. Der Unterschied sei, dass hinter Griechenland die EU stehe, die notfalls aushelfen könne. „Uns half 2001 niemand.“

Kai Behrmann und Romano Paganini sind freie Reporter in Buenos Aires

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09:00 08.01.2012

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