Vertraut der Jury

Buchmesse Preise und Nominierungen, braucht man die? Vielleicht nicht immer. In Leipzig ist Verlass auf sie. Eine Übersicht über die Nominierten zum Preis der Leipziger Buchmesse

So viele Bücher! Jahrein, jahraus, wer will da den Überblick behalten? Leserinnen und Leser sind heutzutage – wahrscheinlich war’s immer schon so – auf Instanzen angewiesen, die ihnen helfen, aus der ungeheuren Menge an Gedrucktem, das die Buchbranche jedes Jahr auf sie loslässt, das herauszufischen, was man wirklich gelesen haben will. Weil es relevant ist, einen neuen Blick auf die Welt und die Gesellschaft, in der man lebt, erlaubt, weil es für Gesprächsstoff unter den Menschen, denen man sich nahe fühlt, sorgt. Oder einfach, weil es verdammt gute Bücher sind. Doch wo sind diese Instanzen, denen man vertrauen kann? Wer sagt mir, was zu lesen sich lohnt und was eher nicht?

Vertrauen heißt das Zauberwort. Der Soziologe Niklas Luhmann definierte Vertrauen einmal ein wenig technisch als „Zutrauen zu den eigenen Erwartungen.“ Eigentlich ist das ein recht simpler Gedanke. Es gibt da Jemanden, von dem ich, aufgrund früherer Erfahrungen mit ihm oder ihr, erwarte, dass er meine Erwartungen nicht enttäuscht. Und dieser Person vertraue ich dann. Ich kann mich, bis zu einem gewissen Grad, auf sie verlassen.

Schaut man sich die Nominierten zum Preis der Leipziger Buchmesse der letzten Jahre an, schaut man auf die Gewinnerinnen und Gewinner der Auszeichnung, so ist das Bild, das sich bietet, durchaus vertrauenserweckend. War es nicht die Leipziger Jury, die letztes Jahr mit Anke Stellings Schäfchen im Trockenen den Roman zur Diskussion um bezahlbaren Wohnraum und Mietpreisbremse in unseren Städten prämiert hat?

Und hat sie nicht, wenn man ein wenig zurück geht, 2014 mit Saša Stanišićs Vor dem Fest den zweiten Roman eines Schriftstellers gekürt, der dann im letzten Jahr mit dem wundervollen Buch Herkunft auch die Jury jenes anderen Preises einer deutschen Buchmesse überzeugte? Und noch ein wenig weiter zurück und in eine andere Kategorie gesprungen: Hat die Jury des Leipziger Buchpreises nicht auch 2010 eine sichere Hand bewiesen, als sie mit Ulrich Blumenbach den Übersetzer von David Foster Wallaces Opus Magnum Unendlicher Spaß auszeichnete, für eine Arbeit also, von der wir nicht wissen können, ob sie ein Spaß war, aber dass sie schier unendlich gewesen sein muss, leuchtet sofort ein. Die Liste der vertrauensstiftenden Maßnahmen seitens der Leipziger Jury ließe sich fortsetzen, sie wäre zu ergänzen durch Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzer und ihre Titel, die vielen Leserinnen und Lesern vielleicht nicht sofort eingeleuchtet haben, ihnen vielleicht sogar unbekannt waren. Denn auch, dass Nominierte und Ausgezeichnete in Leipzig häufig einmal solche sind, die sich nicht im grellen Rampenlicht des Literaturbetriebs befinden, ist ein Vertrauensfaktor. Beim Preis der Leipziger Buchmesse kann man eben auch darauf vertrauen, einmal überrascht zu werden. Meistens gut, und wenn’s mal ungut ist, dann gibt’s zumindest Anlass zur Diskussion. Und wovon lebt denn Literatur eigentlich, wenn nicht von den Debatten, manchmal vom Streit derjenigen, denen sie so wichtig ist, dass sie dafür zu streiten bereit sind?

Die Jury, der die Leserinnen und Leser vertrauen können, deren Entscheidungen sie überraschen, manchen nerven, aber voraussichtlich niemals kalt lassen werden, besteht in diesem Jahr übrigens aus vier Literaturkritikerinnen und drei Literaturkritikern. Geleitet wird sie vom 1966 in Leipzig geboren SZ-Redakteur Jens Bisky, der – auch Kontinuität ist vertrauensfördernd – diesen Job zum wiederholten Mal macht. Genauso wie der freie Literatur- und Musikkritiker Tobias Lehmkuhl, Jahrgang 1976, Welt-Redakteur Marc Reichwein, 1975 geboren, die 1977 geborene Literaturkritikerin Wiebke Poromka, und schließlich die 1974 geborene Redaktionsleiterin des trimedialen Ressorts „Literatur, Film, Bühne“ bei MDR Kultur, Katrin Schumacher.

Unübliche Verdächtige

Neu dabei – weil zu viel Kontinuität ja auch langweilig wäre – sind in der Jury dieses Jahr die 1977 geborene freie Kritikerin Katharina Teutsch, die manch einer aus dem Studio LCB am Berliner Wannsee, wo sie regelmäßig Literaturveranstaltungen moderiert, kennen wird, und mit der 1985 geborenen Katharina Herrmann erstmals auch eine Kritikerin, die sich nicht wie ihre Jurykolleginnen und -kollegen vorrangig einen Namen in den Printmedien gemacht hat, sondern aus der Sphäre der Literaturblogs zur Jury gestoßen ist. Dass Herrmann, soviel soll verraten sein, in der wirklichen Wirklichkeit als Lehrerin an einem Gymnasium arbeitet, ist erfrischend, schaut man auf diese Liste von alt und älter gedienten Figuren aus dem Literatur- und Kritikerbetrieb. Denn auch zu viel Homogenität kann Vertrauen untergraben, wirkt das doch schnell so, als ob hier die üblichen Verdächtigen ihr Süppchen kochten.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, weiß das Sprichwort. Damit Sie sich also selbst ein erstes Bild machen können, welche Titel, Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzer die Leipziger Jury in diesem Jahr nominiert hat, seien sie Ihnen auf den folgenden drei Seiten vorgestellt und zwar nach den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung. Sie können sich darauf verlassen, irgendwas an der Auswahl der Jury wird Ihnen nicht einleuchten, Sie vielleicht sogar ärgern. Dann erst einmal lesen? Denn ohne Leser ist sie nichts, die Literatur. Da hilft weder ein Preis noch eine Liste oder eine Jury. Viel Spaß!

Belletristik

Ausnahmezustand

Was ist ein Dorf ohne seine Kinder? Verena Günter wagt ein Gedankenexperiment

Das 11-jährige Mädchen Kerze lebt in einem von Wald und Feldern umgebenen 200-Seelen-Dorf. Ihre selbstbewusste Art lässt die Menschen ihres Dorfes Rat und Hilfe bei ihr suchen: „Sie glaubt schon sehr lange daran, dass sich die Welt ihrem Willen beugen wird. Es ist nur eine Frage der Zeit.“ Als der Hund Power ihrer Nachbarin Hitschke verschwindet, verspricht Kerze ihr, das Tier wiederzufinden. Der Suche schließen sich immer mehr Kinder an. Als sie im Wald verschwinden, erklärt die Dorfgemeinschaft den Ausnahmezustand. „Was beginnt wie ein ungewöhnliches Kinderbuch, wird schnell zu einer Parabel über den Zustand unserer Gesellschaft“, schreibt der Kölner Stadtanzeiger über Verena Güntners zweiten Roman Power. In ihm erzählt die Berlinerin die Geschichte einer Radikalisierung und davon, was mit einer Gemeinschaft geschieht, die den Kontakt zu ihren Kindern verliert. Dabei schichtet die 1978 in Ulm geborene Autorin fernab jeglicher Klischees in zarter und sicherer Sprache Ebene auf Ebene und demontiert dabei gängige Geschlechterzuschreibungen.

Verena Günther studierte am Mozarteum Salzburg und war festes Ensemblemitglied am Bremer Theater. Seit 2007 ist sie als freischaffende Schauspielerin tätig. 2012 erreichte sie mit einem Auszug aus dem Roman Es bringen (Kiepenheuer & Witsch 2015) die Finalrunde beim OpenMike in Berlin. 2013 gewann sie den Kelag-Preis.

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Power Verena Güntner Dumont 2020, 250 S, 22 €

Gesamtkunstwerk

Maren Kames’ lunatisches Langgedicht ist eine poetische Reise von Schiller bis Bowie

Luna Luna ist ein bis in die Buchgestaltung hinein genre- und grenzüberschreitendes Gesamtkunstwerk. Das poetisch-musikalische Langgedicht der in Berlin lebenden Lyrikerin Maren Kames ist eine Ode an den Mond, die sich hinter der großen Tradition der lunatischen Dichtung und der lyrischen Anrufung des Nachthimmels von Johann Gottfried Herder bis Rainer Maria Rilke nicht zu verstecken braucht: „Die vollends überschätzte präsenz meines silbern/ schimmernden raumanzugs schlagartig begreifend,/ stehe ich, somehow verloren,/ an der monstergroßen fensterfront vor dem rollfeld/ in london, die vereinzelt blinkenden lichter/ bestätigen das, im dunkel hinter mir schnarcht/ ein scheich.“ Kames’ zweiter Gedichtband nach Halb Taube halb Pfau (Secession, 2016) für den sie mit dem Anna-Seghers-Preis ausgezeichnet wurde, nimmt Leserinnen und Leser mit auf eine poetische Reise zum Erdtrabanten als Collage von Sounds und Anspielungen, von der Klassik Friedrich Schillers mit seiner Ode an die Freude bis zu David Bowies Pop und seiner ebenfalls bereits klassischen Frage „Is there Life on Mars?“

Maren Kames wurde 1984 in Überlingen im Bodensee geboren und studierte zunächst Kulturwissenschaften, Philosophie und Theaterwissenschaft, dann Literarisches Schreiben in Hildesheim. 2019 war sie Stipendiatin der Villa Aurora in Los Angeles.

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Luna Luna Maren Kames Secession 2019, 108 S., 35 €

Love Love Love

Leif Randt rückt unserer virtuosen Social-Media-Performance auf die Pelle

Eine Fernbeziehung: Sie ist erfolgreiche Berliner Autorin. Doch die Idee für’s nächste Buch will einfach nicht kommen. Und sie wird bald 30. Er, fünf Jahre älter, ist auch so ein Kreativer, Webdesigner, und hat sich im Bungalow der Eltern irgendwo zwischen Frankfurt und Hanau eingenistet. Meditiert oft, versucht das Leben als spirituelle Einkehr zu begreifen. Sie besuchen sich häufig, öfter aber kommunizieren sie über allerlei digitale Kanäle.

Ein Modell, das so viel unbeschwerter wirkt als das leidgeplagte Leben von Freunden und Verwandten. Aber ist Germany’s next Lovestory von Dauer? Der 1983 in Frankfurt am Main geborene Leif Randt erzählt von einer fast normalen Liebe im Zeitalter der Selbstkuratierung. Und darüber, wie sie sich verändert, zwischen Messengerdiensten, Psychohygiene und Wellness-Drogen. Mit Witz und Präzision rückt er nicht nur unserer neurotisch-virtuosen Social-Media-Performance auf die Pelle.

Leif Randt hat 2009 den Roman Leuchtspielhaus (Berlin Verlag) veröffentlicht, außerdem die Utopien Schimmernder Dunst über Cobycounty (Berlin Verlag, 2011) und Planet Magnon (KiWi, 2015). Er wurde 2016 mit dem Erich-Fried-Preis ausgezeichnet und erhielt Aufenthaltsstipendien in Japan (2016) und Irland (2019). Seit 2017 co-kuratiert er das PDF- und Video-Label tegelmedia.net.

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Allegro Pastell Leif Randt Kiepenheuer & Witsch 2020, 88 S., 22 €

Kippmoment

Ingo Schulzes Blick auf Verwirrungen im Dresdner Bürgertum hat keine einfache Antwort

Ist das noch statthafte Empörung oder schon Wutbürgertum? Reaktion oder Revolte? Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, wirft einen Blick auf ideologische Verirrungen im Bildungsbürgertum seiner sächsischen Heimatstadt. Ob Ähnlichkeiten mit real lebenden Persönlichkeiten zufällig sind oder nicht, mag dabei die Leserin oder der Leser selbst entscheiden: Norbert Paulini ist ein hoch geachteter Antiquar, bei dem Bücherliebhaber Schätze und Gleichgesinnte finden. Auch in den neuen Zeiten, als die Kunden ausbleiben, versucht er, seine Position zu behaupten. Doch plötzlich steht ein aufbrausender, unversöhnlicher Paulini vor uns, der beschuldigt wird, an fremdenfeindlichen Ausschreitungen beteiligt zu sein. In seinem ebenso gegenwärtigen wie politisch wesentlichen und spannenden Gesellschaftsroman hat Ingo Schulze, der bereits 2007 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, keine einfachen Antworten parat.

Ingo Schulze lebt in Berlin. Nach seinem Studium der klassischen Philologie arbeitete er unter anderem als Schauspieldramaturg. 1995 erschien sein erstes Buch 33 Augenblicke des Glücks; mit Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz (1998) wurde er international bekannt. Zuletzt erschien von ihm 2017 Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst.

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Die rechtschaffenen Mörder Ingo Schulze S. Fischer 2020, 320 S., 21 €

Möglichkeitsraum

Lutz Seilers Ich-Erzähler traumwandelt durch die Nachwendezeit in Berlin

Stern 111 ist der Name eines Kofferradios, das in Ostberlin gefertigt wurde.Wahrscheinlich war man im Stern-Radiowerk ähnlich erfindungsreich, wenn ein Einzelteil fehlte, wie im VEB Großbäckerei, wo die Mutter von Lutz Seilers Ich-Erzähler arbeitete, vor 1989, wenn eine Zutat nicht zur Hand war: „Statt Mandeln zum Beispiel Apfelkerne. Und grüne Tomaten statt Zitronat und so weiter. Im vergangenen Jahr hatte man auch den Begriff ‚Ersatz‘ ersetzt, jetzt hieß es ‚Austausch‘.“

Dann kommt die Wende. Zwei Tage nach Fall der Mauer sind Inge und Walter Bischoff weg, hinterlassen dem Sohn Wohnung und Garten. Carl Bischoff will von alledem nichts wissen. Flieht auch. Nach Berlin, lebt auf der Straße, bis er an eine Gruppe junger Leute gerät, die dunkle Geschäfte, einen Guerillakampf um leer stehende Häuser und eine Kellerkneipe betreibt.

Die kunstvolle Erzählung des 1963 in Gera geborenen Seiler zieht in den Bann des Möglichkeitsraums Berlin nach 1989. Sie ist literarische Geschichtsschreibung zwischen Traumwandeln und Hausbesetzen.

Lutz Seiler lernte Baufacharbeiter und arbeitete dann als Zimmermann und Maurer, bevor er Germanistik studierte. Seit 1997 leitet er das Literaturprogramm im Peter-Huchel-Haus. Er erhielt mehrere Preise für sein literarisches Werk, etwa den Ingeborg-Bachmann-Preis, den Bremer Literaturpreis, den Uwe-Johnson-Preis und 2014 den Deutschen Buchpreis. Er lebt in Berlin und Stockholm.

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Stern 111 Lutz Seiler Suhrkamp 2020, 528 S., 24 €

Sachbuch, Essayistik

Fühlen

Bettina Hitzer erforscht historische Zusammenhänge zwischen Krankheit und Emotion

Es ist die Diagnose, vor der wir uns am meisten fürchten: Krebs, der „König aller Krankheiten“. Früher bedeutete diese Diagnose fast ein sicheres Todesurteil, noch heute löst sie bei Patienten und Patientinnen Angst und Schrecken aus. Mit dem Krebs sind Emotionen verbunden, Schuld, Furcht, Scham oder auch Hoffnung.

Die Wahrnehmung dieser Gefühle hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Gerade Empathie und Hoffnung spielen heute eine größere Rolle, Patienten und ihre Angehörigen lassen sich ein auf die Emotionen, die die Erkrankung auslöst.

Diese Revolution der Gefühle hat die Medizin und die deutsche Gesellschaft erstaunlich gewandelt. Die Berliner Historikerin Bettina Hitzer verfolgt in ihrem Buch Krebs fühlen etwa auch, wie in beiden deutschen Staaten das Recht von Patientinnen und Patienten auf Informationen zu ihrem Gesundheitszustand eingeschätzt wurde. Hitzer schildert kulturhistorische Zusammenhänge zwischen Krankheit und Gefühl, die bisher kaum beachtet wurden.

Bettina Hitzer lehrt an der FU Berlin. Seit 2014 leitet sie eine Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, die sich mit Krankheit als Emotionsgeschichte beschäftigt. Ihre Arbeiten zur Wissens- und Wissenschaftsgeschichte sowie zur Migrations- und Religionsgeschichte wurden 2016 mit dem Walter-de-Gruyter-Preis ausgezeichnet.

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Krebs fühlen. Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts Bettina Hitzer Klett-Cotta 2020, 540 S., 28 €

Singen

Michael Martens erzählt vom Leben des großen jugoslawischen Epikers Ivo Andrić

Mit seiner Višegrader Chronik Die Brücke über die Drina und historischen Romanen wie Wesire und Konsuln setzte Ivo Andrić seiner bosnischen Heimat große literarische Denkmäler. Er ist Sänger und Chronist dieses multi-ethnischen, multi-religiösen, von Okkupation und Fremdherrschaft gebeutelten, wilden, abergläubischen Landes, das noch heute die wahrscheinlich schicksalsbeladenste ehemalige Teilrepublik Jugoslawiens ist. Für „die epische Kraft, mit der er Motive und Schicksale aus der Geschichte seines Landes gestaltet“, erhielt Ivo Andrić 1961 den Literaturnobelpreis.

Der 1973 in Hamburg geboren FAZ-Korrepondent und Buchautor Michael Martens zeichnet in der ersten deutschsprachigen Biografie einen außergewöhnlichen Lebensweg nach: Über das Attentat von Sarajevo 1914 und die Zeit als Diplomat in Hitlers Berlin bis ins okkupierte Belgrad, wo Andrić jene Romane schrieb, die ihm Weltruhm einbringen sollten. Es ist ein Buch auch über die europäische Geschichte des Balkans, anschaulich, aktuell und selbst für informierte Leser voller Überraschungen.

Martens lebt nach Stationen in St. Petersburg, Kiew, Belgrad, Istanbul und Athen seit 2019 in Wien. Sein Buch Heldensuche. Die Geschichte des Soldaten, der nicht töten wollte (Zsolnay) über Josef Schulz, der sich 1941 bei Belgrad weigerte, einen Partisanen zu erschießen, erschien 2011.

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Im Brand der Welten. Ivo Andrić. Ein Europäisches Leben Michael Martens Zsolnay 2019, 496 S., 28 €

Rechnen

Armin Nassehi entdeckt das Digitale bereits in einer Welt ganz ohne Computer

Haben wir die Digitalisierung schon verstanden? Und geht es dabei lediglich um neue Technologien, die die Art, wie wir miteinander kommunizieren, arbeiten oder lieben, revolutionieren? Der Münchner Soziologe Armin Nassehi, Jahrgang 1960, ist für solch einfache Antworten nicht zu haben. Digitalisierung, das sei nichts, das von außen zu unserer modernen Welt hinzukomme, meint der Kursbuch-Herausgeber. Und auch nichts, was erst mit dem Computer Einzug in unser Leben gehalten habe. Die moderne Gesellschaft sei schon eine digitale gewesen, meint Nassehi, lang bevor wir wie selbstverständlich am Rechner saßen, auf unsere Smartphones schauten, im Netz surften. Digitalisierung entstehe da, wo eine Gesellschaft sich mit dem Phänomen wiedererkennbarer Muster auseinandersetze. Das passiere seit dem 19. Jahrhundert mit Sozialstatistiken, die Verhaltensmuster und Regelmäßigkeiten sichtbar machen und so die Welt „verdoppeln“. Der Computer habe das alles zwar einfacher gemacht, allerdings da, wo es zu Störungen komme, auch komplizierter, ist Nassehi sich sicher.

Armin Nassehi ist seit 1998 Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Hauptarbeitsgebiete sind soziologische Theorie, Kultursoziologie, politische Soziologie sowie Wissenssoziologie.

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Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft Armin Nassehi C. H. Beck 2019, 352 S., 26 €

Sehen

Julia Voss erzählt von einer Frau, die nicht nur mit dem Pinsel ihrer Zeit voraus war

Schon vor dem Russen Wassily Kandinsky oder dem Holländer Piet Mondrian schuf die Schwedin Hilma af Klint (1862 – 1944) abstrakte Werke, die durch ihre Farben und Formen zutiefst beeindrucken. Ihre über 1.000 Gemälde, Skizzen und Aquarelle haben die Malerei revolutioniert. Und sie war eine Frau von großer Freiheit und Zielstrebigkeit, die sich bewusst den Regeln des männlich dominierten Kunstbetriebs entzog. Doch „die Erinnerung an diese Werke wurde nach ihrem Tod gelöscht und es hat fast ein Jahrhundert gebraucht, sie zurückzubringen“, schreibt nun Julia Voss, die auf Basis umfangreicher Recherchen vom Leben einer ebenso eigenständig malenden wie lebenden Frau vor dem Hintergrund ihrer Zeit erzählt. Die Kunsthistorikerin und FAZ-Redakteurin zeichnet damit zugleich das Bild einer Epoche, in der die weltpolitischen Umbrüche nicht nur die Malerei revolutionierten.

Julia Voss, geboren 1974, studierte Neuere Deutsche Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie. Für ihr Buch Darwins Bilder (S. Fischer, 2007) bekam sie die Otto-Hahn-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft. 2009 erhielt Julia Voss den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa, 2013 folgte der Luise-Büchner-Preis für Publizistik.

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Hilma af Klint – „Die Menschheit in Erstaunen versetzen“: Biographie Julia Voss S. Fischer 2020, 600 S., 25 €

Zeigen

Am Jahr 1990 lässt sich lernen, in der Geschichte das zu sehen, was noch möglich war

Das Jahr 1990 lasse sich ungleich schwerer auf einen Nenner bringen als das Wendejahr 1989, schreibt Jan Wenzel ganz zu Beginn seiner Materialcollage 1990 freilegen. Aber stimmt das? „War der Mauerfall wirklich das prägende Ereignis des 1989er Herbstes? Oder hatte die Lizenzvergabe für den Aufbau eines digitalen Mobilfunknetzes an das Unternehmen Mannesmann durch das Bonner Postministerium wenige Tage nach Öffnung der Mauer letztlich nicht viel weitreichendere Folgen?“ fragt er nämlich auch.

Der Leipziger Verleger, Autor und Künstler, der 2001 zusammen mit Markus Dreßen und Anne König Spector Books gegründet hat, hat mit seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen Bild- und Textdokumente sowie Geschichten aus den Archiven des Schlüsseljahrs 1990 hervorgeholt. Sie beschenken die Leserin und den Betrachter mit unglaublichen Leseerfahrungen und (Wieder-)Entdeckungen. Nicht zuletzt erschließen sich Zusammenhänge, die erst im Nebeneinander offenbar werden. So werden auf kluge, nicht belehrende Weise jüngste Erfahrungen mitteilbar und ein unverstellter Blick auf ein Jahr möglich, in dem noch fast alles offen war.

Jan Wenzel erhielt 2018 den Sächsischen Verlagspreis und 2019 den Deutschen Verlagspreis. Er hat an zahlreichen Buchprojekten mitgearbeitet, etwa mit Olaf Nicolai, Alexander Kluge und Erik van der Weijde.

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1990 freilegen Jan Wenzel (Hrsg.), Spector Books 2019, 592 S., 36 €

Übersetzung

Wiederentdeckung

Pieke Biermann übersetzt den Wortwitz eines zeitgenössischen Meisterwerks kongenial

Als „übermütiges Meisterwerk, ungelogen einer der wunderbarsten, komischsten, intelligentesten Romane, der mir in den letzten Jahren untergekommen ist“ pries Paul Auster diesen zuerst 1974 erschienenen, ersten und einzigen Roman von Fran Ross. Die wurde 1935 als Tochter eines jüdischen Vaters und einer schwarzen Mutter geboren – wie ihre Heldin Christine, genannt Oreo. Lange war der gleichnamige Roman, in dem sich eine 16-Jährige in New York auf die Suche nach ihrem Vater macht und dabei unter anderen einen „Reisehenker“, der Manager feuert, und einen Radio-Macher, der nicht spricht, trifft, vergessen. 2000 veröffentlichte die Autorin und Literaturwissenschaftlerin Harryette Mullen Oreo erneut.

Das Mädchen Oreo überlebt ihre Abenteuer übrigens nur dank ihres selbsterdachten Kampfsports „Witz“. Den Wortwitz dieses temperamentvollen Textes voller jiddischer Anleihen und Südstaaten-Slang wiederum übersetzt die 1950 geborene Berlinerin Pieke Biermann so kongenial ins Deutsche, dass es ein einziger Genuss ist.

Pieke Biermann studierte Deutsche Literatur bei Hans Mayer und Anglistik und Politikwissenschaft in Hannover und Padua. Seit 1976 ist sie freie Schriftstellerin und Übersetzerin, etwa von Stefano Benni, Andrea Bajani, Dacia Maraini, Agatha Christie und Dorothy Parker. Sie wurde drei Mal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet.

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Oreo Fran Ross Pieke Biermann (Übers.), Max Czollek (Nachwort), DTV 2019, 288 S., 22 €

Gehauchte Kürze

In Louis Rubys Übertragung der Prosa Clarice Lispectors schmilzt die Sprache dahin

Für konzentrierte Kurzprosa war Chaja Lispector, die 1920 als jüngste Tochter russisch-jüdischer Eltern in der damals sowjetischen Ukraine geboren wurde und 1977 im brasilianischen Rio de Janeiro als Clarice Lispector starb, berühmt. In ihren Erzählungen lotet die Autorin, die auch Romane, Kinderbücher und journalistische Kolumnen schrieb und die Nobelpreisträger Orhan Pamuk für „eine der geheimnisvollsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts“ hält, die Paradoxien des Daseins und die Grenzen des Sagbaren aus, wenn sie das Innerste ihrer nur auf den ersten Blick alltäglichen Figuren nach außen kehrt. In ersten Band ihrer sämtlichen Erzählungen „rumort im Untergrund etwas Existenzielles. Manchmal kann es auch eine Henne sein, die mit Apathie und Schreckhaftigkeit über eine gesamte Familie herrscht“, meint Maike Albath im Deutschlandfunk. Louis Rubys Übersetzung liest sich so schnörkellos und unmittelbar wie das Original, bewahrt aber auch den Schmelz der wie hingehauchten Passagen.

Der 1970 in München geborene Ruby übersetzt aus dem Spanischen, Portugiesischen, Italienischen und Englischen, unter anderem Roberto Bolaño, Rafael Cardoso und Niccolò Ammaniti. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem Bayerischen Kunstförderpreis, dem Münchner Literaturstipendium und mit einem Exzellenzstipendium des Deutschen Übersetzerfonds.

Info

Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau Clarice Lispector Louis Ruby (Übers.), Benjamin Moser (Hrsg.), Penguin 2019, 416 S., 24 €

Kein Wort zuviel

Andreas Tretner übersetzt mit großerErfindungsgabe eine literarische Sensation

Schreiben kann dieser Angel Igov, und wie!, möchte man rufen, so begeistert sich Tobias Lehmkuhl für den Roman Die Sanftmütigen. Das Buch des 1981 geborenen Bulgaren war bei Erscheinen eine kleine Sensation, weil es ein historisches Tabu aufgreift, dem die bulgarische Literatur lang ausgewichen war: Die „Volksgerichte“ von 1944/45, die die früheren Machthaber in Schauprozessen nach Moskauer Vorbild aburteilten. Mit viel Witz erzählt Igov, wie ein proletarischer Jungpoet aus der Provinz erst zum Mitläufer, dann zum Kader und schließlich zum eilfertigen Ankläger im Dienste des neuen Terrorregimes wird.

„Von dem Schwung dieser Prosa, ihrem Witz, dem Gespür auch fürs rechte Maß lässt sich allerdings nur schwärmen, weil Andreas Tretner Die Sanftmütigen mit großer Erfindungsgabe und Liebe fürs semantische wie rhythmische Detail ins Deutsche gebracht hat. Kein Wort ist zu viel“, so feiert Lehmkuhl auch den Übersetzer. Der wurde 1959 in Gera geboren und übersetzt aus dem Russischen, Tschechischen und Bulgarischen. Nach dem Studium war Andreas Tretner Industrie-Fachübersetzer und Lektor für slawische Literatur. Seit 1985 übersetzt er Literatur, unter anderem von Viktor Pelewin, Vladimir Sorokin und Jáchym Topol. 2001 wurde er mit dem Paul-Celan-Preis geehrt, 2011 mit dem Internationalen Literaturpreis des HKW in Berlin.

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Die Sanftmütigen Angel Igov Andreas Tretner (Übers.), eta 2019, 216 S., 17,90 €

Schullektüre in spe

Melanie Walz trifft den Ton und bringt George Elliots Ironie in ein frisches Deutsch

Von wenigen Romanen kann gesagt werden, „dass sie eine neue Zeitrechnung eingeläutet haben“, meint Jan Ehlert im NDR. Und Middlemarch von Mary Ann Evans, die sich das (männliche) Pseudonym George Elliot gab, sei so einer. 2019 hätte die Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin den 200. Geburtstag gefeiert, was Melanie Walz’ Neuübersetzung der ab 1871 in acht Fortsetzungen erschienenen Geschichte einer fiktiven Kleinstadt in den Midlands Anfang des 19. Jahrhunderts und ihrer Einwohner, die an ihren eigenen Wünschen und Erwartungen scheitern, gebührend feiert. Die 1953 in Essen geborene Übersetzerin trifft dabei Ton und Rhythmus von Elliots vorletztem Roman, bringt die Ironie der Erzählerin in ein frisches Deutsch, genauso wie die Umgangssprache des viktorianischen Zeitalters. In Großbritannien ist Middlemarch Schullektüre, in Deutschland wird Walz’ Übersetzung dieser über tausend Seiten langen Studie über das Leben in der Provinz dafür sorgen, dass Elliot zahlreiche neue Liebhaber findet.

Walz hat Jane Austen, Honoré de Balzac, A. S. Byatt, Charles Dickens, Michael Ondaatje, Robert Louis Stevenson und Virginia Woolf übersetzt. 1999 wurde sie mit dem Zuger Übersetzer-Stipendium, 2001 mit dem Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet. 2006 erhielt sie das Literaturstipendium der Stadt München.

Info

Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz George Elliot Melanie Walz (Übers.), Kristian Wachinger (Hrsg.), Rowohlt 2019, 1.264 S., 45 €

Hauptwerk

Simon Werles Baudelaire ist auf Augenhöhe mit Stefan George und Walter Benjamin

Die Trinker, Bettler, Huren und Tagelöhner des zweiten französischen Kaiserreichs bevölkern die Werke Charles Baudelaires (1821 – 1867). Am bekanntesten sind wohl seine Blumen des Bösen, die Fleurs du mal. Sie hat Simon Werle 2017 neu ins Deutsche übersetzt (Rowohlt) und erhielt im Erscheinungsjahr 2017 den Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis dafür.

Werle hat nun die zweite große Gedichtsammlung übertragen: Le Spleen de Paris. Hier tritt Baudelaire mit den Petits Poèmes en Prose und frühen Dichtungen nicht nur als Lyriker, sondern in der Novelle La Fanfarlo auch als Erzähler auf. Zahlreiche frühere Gedichte erscheinen erstmals in deutscher Sprache, ebenso wie das Fragment gebliebene Drama Idéolus. Das klangvolle Deutsch, in das Werle Baudelaires Hauptwerk gebracht hat, sichert dem 1957 in Freisen im Saarland geborenen Übersetzer, der Romanistik und Philosophie in München und Paris studiert hat, seinen Platz neben großen Baudelaire-Übersetzern wie Walter Benjamin und Stefan George.

Simon Werle ist seit 1985 freier Übersetzer aus dem Französischen, Englischen und Altgriechischen. Er ist Autor von Erzählungen, Romanen und Theaterstücken und erhielt unter anderem den Johann-Heinrich-Voss-Preis (1992).

Info

Le Spleen de Paris. Der Spleen von Paris. Herausgegeben und neu übersetzt von Simon Werle. Gedichte in Prosa und frühe Dichtungen Charles Baudelaire Rowohlt 2019, 512 S., 40 €

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