Vertrauter Hafen, festverzinslich

Besitzen I Frauen investieren vorsichtig. Ihr Umgang mit Geld trägt immer noch die Spuren von patriarchaler Bevormundung

Die schöne Müllerstochter bekam zwar den Prinzen. Doch von dem Gold, das sie spann, blieb ihr nichts. Noch bis 1958 ging es bundesdeutschen Frauen kaum anders. Mit der Eheschließung fiel ihr Besitz dem Ehemann zu. Eine kluge Frau, die nicht auf Ehe und Familie verzichten wollte, investierte daher in einen Partner, der ihr zu wunschgemäßem Prestige verhalf. So "eigen" das weibliche Verhältnis zu Geld auch erscheint, es hat Frauen schon immer interessiert. Wie aber sollten sie rankommen, ohne Mann ...?

Seit 50 Jahren scheint alles anders zu sein. Seit 50 Jahren sind Frauen frei, über ihr eigenes Geld zu verfügen und es nach eigenem Ermessen zu investieren. Theoretisch. In Wirklichkeit ist Armut nach wie vor weiblich. Drei Viertel aller Frauen befassen sich nicht gern mit ihren privaten Finanzen. 50 Jahre sind, historisch gesehen, eine verdammt kurze Zeit. Ein Wimpernschlag, der dennoch einiges bewegt hat. Frauen haben sich bewegt. Sie investieren in ihre Ausbildung und die ihrer Töchter. Sie wollen, auch wenn sie Familie haben, berufstätig sein. Doch nur 14 Prozent gehen souverän mit ihren privaten Finanzen um. "Viele Frauen verdrängen ihre persönlichen Geldangelegenheiten regelrecht", klagt der Marktforscher Wolfgang Plöger.

Wer sich nicht gern mit Geld beschäftigt, hat meistens keins. Schon gar nicht für Investitionen. Finanzberater Norbert Drews hält gleichwohl große Stücke auf das Finanzverhalten von Frauen. "Frauen gehen anders mit Geld um, sie denken mehr an die Zukunft der Kinder." Seine Website liest sich wie der Aufruf zu einer finanziellen Frauenrevolution. Kein Wunder, liegt doch der Anteil von Frauen in seiner Kundschaft bei 70 Prozent. Gezielt für das weibliches Klientel bietet Norbert Drews Investmentfonds an, die ökologisch-ethische Kriterien berücksichtigen. Kernenergie oder Kinderarbeit scheiden von vornherein aus. Seine Erfahrung: "Frauen scheinen sich bei Investitionen nachhaltiger, aber auch vorsichtiger zu verhalten."

Das vergleichsweise höhere Sicherheitsbedürfnis von Frauen wird von zahlreichen Studien belegt. Traditionell zu sparsamen Hausfrauen erzogen, bewegen sich Frauen bis heute am liebsten im vertrauten Hafen festverzinslicher Sparbücher. Vor finanziellen Drahtseilakten scheuen sie zurück. Wagen sie sich aber doch auf´s freie Meer der Börse hinaus, weisen sie, wie es im Fachjargon heißt, eine "bessere Performance" auf. Frauen verfahren nach dem Motto: Erst Sicherheit, dann Risiko. Hemmungslos mit fremden Geldern zu operieren, schreckt sie ab. Die einen bewerten das als Mangel an Risikofreude, die anderen als weitsichtiges Kalkül.

Auch beruflich sind Frauen weniger draufgängerisch. Während sich zwölf Prozent aller Männer selbstständig machen, wagen nur halb so viele Frauen diesen Schritt. Nur jedes vierte Unternehmen wird von einer Frau gegründet. Existenzgründerinnen neigen dazu, etwaige Risiken und Folgekosten stärker als Männer zu berücksichtigen. Krediten gegenüber sind sie zurückhaltender. Der Prozentsatz weiblicher Kundschaft, die sich etwa bei der Volksbank Raiffeisenbank Mainz-Kinzig eG um einen Kredit bemüht, liegt bei unter 20 Prozent. Das hat seinen Grund. Für einen Unternehmenskredit werden neben Businessplänen grundsätzlich finanzielle Sicherheiten verlangt. Da Frauen insgesamt über weniger Geld und Vermögen verfügen, ist ihnen der Zugang zu Krediten objektiv erschwert.

Während Geld traditionell als sichtbarer Beweis männlicher Potenz gilt, wurde Frauen gelehrt, den Besitz eigenen Geldes negativ zu konnotieren. Grundsätzlich haben sie eine bestenfalls pragmatische, oft aber auch abwertende Haltung zu Geld. Auch erwerbstätige oder vermögende Frauen neigen in Sachen Geld zu bescheidenem Verzicht, sei es zu Gunsten von Kindern oder Familie oder den Projekten des Partners. Dieser Verzicht ist nicht genetisch bedingt. Der Umgang mit Geld wird erlernt.

Dass Frauen etwa bei Geldanlagen besonderen Wert auf Flexibilität und Liquidität legen, liegt an Lebensverhältnissen, in denen weibliche finanzielle Autonomie bis heute häufig ein Fremdwort ist. Wenn es ums Geld geht, haben Männer gerne die Hosen an, auch privat. Je mehr sie verdienen und je traditioneller sie eingestellt sind, desto wichtiger ist ihnen diese Machtposition. Jede zweite Frau weiß nicht einmal, wie viel ihr Partner verdient.

Das patriarchale Verbot für Frauen, eigenverantwortlich mit Geld umzugehen, ist strukturell bis heute wirksam. Eine Studie des Münchener Arbeitsamtes aus dem Jahre 2002, die sich mit der Entwicklung von Unternehmen befasste, die fünf Jahre zuvor gegründet worden waren, kam zu einem Ergebnis, das die Problematik allzu rascher Bewertungen anschaulich macht: In wesentlichen Punkten konnten keine geschlechtsspezifischen Unterschiede festgestellt werden, vor allem was den zahlenmäßigen Fortbestand der Unternehmen betraf. Frauen führten ihre Betriebe nicht öfter, aber auch nicht seltener in den Konkurs. Auch bei der Art des Startkapitals gab es keinen signifikanten Unterschied zwischen Männern und Frauen: Drei Viertel aller Unternehmen finanzierten sich ausschließlich durch Eigenkapital. Ausschließlich Fremdkapital nahmen nur vier Prozent in Anspruch. Eine leichte Differenz lag in der Betriebsform. Während die überwiegende Mehrheit aller Gründer/innen als "Einzelkämpfer/in" mit der Form des Einzelunternehmens begann, gingen Männer etwas häufiger als Frauen als GmbH oder Aktienunternehmen an den Start. Diese Entwicklung verstärkte sich in den folgenden Jahren. 2002 finden sich bei den Männern dreimal so viel GmbHs wie bei den Frauen. Häufiger als Frauen haben sie inzwischen nachinvestiert. Jeder fünfte Unternehmer nahm hierfür einen Bankkredit in Anspruch, aber nur jede zehnte Unternehmerin. Die von Männern gegründeten Unternehmen beschäftigen häufiger Mitarbeiter/innen als Frauen und sind finanziell deutlich erfolgreicher. Hierfür sorgt die wirtschaftsnahe Ausrichtung der Betriebe mit höherem Gewerbeanteil als bei den Frauen. Alles in allem scheinen Männer stärker am finanziellen Ertrag ihrer Unternehmen interessiert und deren Entwicklung energischer als Frauen voranzutreiben. Deren Zufriedenheit ist interessanterweise weitgehend unabhängig von ihrer Einkommenslage.

Das vergleichsweise zögernde unternehmerische Engagement von Frauen ist wieder nur zu verstehen vor dem Hintergrund ihrer familiären Lebenssituation. Das Zeitbudget selbstständiger Frauen ist kleiner, ihre Familienorientierung größer. Bei einer Geschäftsaufgabe geben sie weitaus häufiger als Männer private oder familiäre Gründe wie Elternschaft und Kinderbetreuung an. Moralischen Rückhalt erfahren selbstständige Frauen nicht unbedingt.

Da sie überdies häufiger als Männer nicht aus der direkten Arbeitslosigkeit in die Selbstständigkeit gehen, sind sie von Förderleistungen des Arbeitsamtes (Überbrückungsgeld) strukturell ausgegrenzt. Auch Lohnkostenzuschüsse für Angestellte werden von Frauen seltener in Anspruch genommen.

Finanzielle Förderleistungen zielen auf das Ideal des Full-time-Unternehmers, der Kredite nicht scheut. Sie lassen die besondere Lebenslage von Frauen außer acht. "Bemerkenswert ist, dass Männer, obwohl sie häufiger als Frauen erfolgreich Bankkredite bekommen, trotzdem viel häufiger als Frauen darüber klagen, von Banken keinen Kredit zu bekommen." Kredit- und Rückzahlungskonditionen orientieren sich nicht an den Bedürfnissen von Frauen, die mit dem Wort "Schulden" meist eine auch moralische "Schuld" assoziieren, die sie psychisch belastet. Die hohe weibliche Zahlungsmoral wird von den weltweiten Mikrokredit-Projekten, mit deren Hilfe Frauen ökonomisch gestärkt werden sollen, bestätigt. Frauen zahlen Kredite zuverlässig zurück. Und sie fühlen sich unter Druck, selbst wenn die Schulden keine eigenen sind. Im Fall derartiger "Beziehungsschulden" leisten Frauen, oft genug unberaten und gegen ihren Willen, Unterschriften unter Kredite und Bürgschaften ihrer Partner. Oder sie werden als Strohfrauen für Unternehmen benutzt, um insolvente Geschäftsführer zu entlasten oder Unterhaltsverpflichtungen abzufedern. In jedem Fall folgen sie dem latent immer noch wirksamen Gebot, der eigentliche Auftrag von Frauen sei, in Männer und deren Projekte zu investiere.

Von K. Schäfer erscheint im Frühjahr 2005 das Buch Bis das Geld euch scheidet, Orlanda-Verlag.


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00:00 10.12.2004

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