Vertreibung aus dem Paradies

Nachruf Zum Tod von Ekkehard Schall (1930-2005)

Ich habe Schall an einem 1. Mai Anfang der neunziger Jahre kennen gelernt. Damals wurde der Kampftag der internationalen Arbeiterklasse noch gefeiert, eine sich langsam in den Abend hineinfressende Sauferei. Von der Maifeier des Deutschen Theaters, draußen vor dem Theater, in das dunkle Herz des Berliner Ensembles - der Kantine. Axel Werner war mit, Castorf, ein paar andere und am Schauspielertisch saß Ekke, wir kannten uns flüchtig, setzten uns und kurze Zeit später beschimpfte Castorf Schall, alles lief auf eine Prügelei hinaus, bei der Castorf wahrscheinlich verloren hätte, aber der Streit wurde verlegt in Schalls Wohnung. Es gab Whisky und Dosenbier - Castorf schlief schnell auf der Ledergarnitur ein - der Abend endete friedlich im Morgen.

In Peter Voigts Film Dämmerung - Ostberliner Boheme der fünfziger Jahre werden auch die verschwundenen Kneipen der fünfziger Jahre abgefahren, der Esterhazy-Keller, die Hajo-Bar, die Koralle und Schall sagt: "Wir nahmen natürlich in Anspruch, dass man mal saufen durfte, wenn man frühmorgens Probe hatte, allerdings nicht vor Vorstellungen." Der Film ist in das warme Licht von Erinnerung getaucht, die Sehnsucht nach einem zurückliegenden Aufbruch bestimmt den Film und eine Stelle bei Kafka: "Wir wurden aus dem Paradies vertrieben, aber zerstört wurde es nicht. Die Vertreibung aus dem Paradies war in einem Sinne ein Glück."

In Berlin - Ecke Schönhauser, einem der schönsten Filme über die fünfziger Jahre, spielte Schall einen Halbstarken, der durch eine unglückliche Verkettung von Zufällen an die Ränder des kriminellen Milieus gerät, ehe er von der DDR wieder an die Brust genommen wird: "Warum kann ich nicht leben, wie ich will. Warum habt ihr lauter fertige Vorschriften. Wenn ich an der Ecke stehe, bin ich ein Halbstarker, wenn ich boogie woogie tanze, amerikanisch, wenn ich das Hemd über der Hose trage, ist es politisch falsch. - Mir braucht keiner zu helfen. Jeder macht seine Erfahrung selber." Ein Text, wie von Schall selber. Er brilliert mit bescheidener Genauigkeit, den Mund auch beim Sprechen kaum öffnend. Ein Gesicht voller Unschuld, in das sich nur manchmal Züge unvorstellbarer Härte einschreiben, dabei immer etwas Stures, Eigenes. Eine andere Figur - Typus bürgerlicher Gegner - äußert sich: "Psychologisch ist der Westen im Vormarsch. Dieses ganze System wird zusammenbrechen. Deutschland ist schließlich nicht Asien." 40 Jahre später weiß man, dass der Gegner Recht behalten hat.

In einem langen Gespräch im Jahr 2000 erzählte Schall über seine Anfänge: "Ich stamme aus einer kleinbürgerlichen Familie, Tabakwarenhändler en gros. Bücher gab es, im Herrenzimmer, Lexika, die üblichen Romane und das Gesundheitsbuch mit der aufklappbaren Frau. Ein bißchen so wie überall." Das Kriegsende war für ihn keine Befreiung, eher "ein Vakuum, ein Abbruch - man erfuhr, das, was gestern war, durfte man nicht mehr vertreten. Begonnen mit dem Theater hat es im Krieg in der Bismarck-Schule. Der Deutsch- und Lateinlehrer Hinze organisierte Schüleraufführungen - ich spielte die Bäuerinnen in den Volksstücken von Hans Sachs, und die Rüpelszenen aus Shakespeares ›Sommernachtstraum‹. ›Gyges und sein Ring‹ von Hebbel im Stadttheater gab endlich den Anstoß: der Vorhang ging auf und hinter einer Säule trat der Schauspieler Romano Merk hervor und sagte als Kandaules: ›Heut´ sollst du sehn, was Lydien vermag‹. Da wusste ich, so imposant möchte ich auch auftreten." Er lernte die Ringerzählung, sprach vor, und lernte am Schauspielstudio Magdeburg neben der Schule, er war 16. Sein Agent vermittelte ihn erst nach Frankfurt/Oder. Später nach einem Vorsprechen an die Neue Bühne, dem späteren Maxim-Gorki-Theater.


Das erste Vorsprechen bei Brecht war schief gegangen. Trotz des Fehlschlags gab er nicht auf, bewarb sich noch einmal, diesmal für die Rolle des José in Die Gewehre der Frau Carrar. Gefordert war ein romanischer Typ, er ließ sich die Haare blau-schwarz färben, und bekam die Rolle, sicher nicht nur wegen der Haare. Die entscheidenden Jahre, Jahre des Lernens bei einer Ausnahmefigur von Range Brechts begannen. Schall bezeichnet sich als ein bisschen verrückt: "Ich ging auf die Bühne wie ein aufgepumpter Pneu, dann zog ich das Ventil raus, pssssssss." Dagegen hat Brecht gearbeitet: Er hat mir den Eindruck vermittelt auch mit geringer Lautstärke ausdrucksstark zu sein. Ich hatte immer wieder Rückfälle, wo ich das vergaß. Einmal schrie mich Brecht, der ziemlich laut schreien konnte, an: Jung-Siegfried, Hofschauspieler. Nach der Probe, trat er im Dunkeln aus dem Hauseingang der Kammerspiele auf mich zu: "Nachher war´s besser." Schall redete auch über Winterschlacht, die Inszenierung Brechts, die ihn krisengeschüttelt zurückließ, obwohl es einen kleinen Zettel gibt: "lieber Schall, wenn ich das sagen darf: ich finde den Hörder jetzt von großer Art, ihr b". Am nächsten Tag wollte er ihn zurückhaben - und das war der Beginn meiner großen Krise, weil ich in der zweiten Vorstellung die Figur, wie er meinte, eigenmächtig verändert hätte."

"Durch die Angriffe aus Ost und West, wusste man nach kurzer Zeit, dass es etwas Besonderes war, am Berliner Ensemble zu spielen. Man kriegte ein Elitebewusstsein." Schall bekannte, dass es ein großes Glück für ihn war mit Brecht zu arbeiten und zugleich ein Unglück: "Die anderen waren alle eine Stufe tiefer. Die Höhe war einfach nicht zu halten, und dadurch wurde es schwieriger mit anderen zu arbeiten."

Weltberühmt gemacht hat Schall die Arturo Ui-Inszenierung am BE; sie lief 584 Mal. Schall setzte sich dafür ein, sie schließlich abzusetzen, "weil ich eines Tages merkte: Ich konnte dem Burschen nicht mehr richtig böse sein". Wochen vorher hatte Heiner Müller eine Vorstellung gesehen und ein Gedicht geschrieben, das in keiner Ausgabe zu finden ist:

Für Ekkehard Schall
Als zum 532. mal auf der Bühne stand
In der Rolle des Arturo Ui der Schauspieler
Ekkehard Schall, verließ der von ihm porträtierte
Adolf Hitler, mit Neugier auf die berühmte Darstellung
(Deren Ruhm sich herumgesprochen hatte
Unter den Toten sogar) heimlich sein Bunkergrab
Und reihte sich ein unter die Zuschauer im Berliner Ensemble
Und es geschah, daß er nicht erkannt wurde
Von dem genaueren Abbild, sondern unbemerkt
Kleiner und kleiner werdend zurückschwand in seine Versenkung
So daß er genannt wurde von nun an
Von den anderen Toten nicht mehr mit seinem
Vorübergehenden Namen
Adolf Hitler, sondern nur noch
Arturo Ui

1969 versuchte Wekwerth, zusammen mit Kurt Hager, Helene Weigel zu entmachten. Der Putsch misslang, die Weigel war nicht nur eine vorzügliche Theaterleiterin und erstklassige Schauspielerin, sondern auch die Inhaberin der Brecht-Rechte. Schall beschreibt seine Differenz mit Ruth Berghaus, der auf Helene Weigel folgenden Intendantin: "Die Schwierigkeit waren die immer mehr zunehmende Choreographien der Aufführung, die Vorgänge wurden zurückgedrängt, es war eine starre mechanische Wiedergabe". Es kam zum Bruch, dann zur Allianz mit Wekwerth. Wekwerth wurde Intendant, Schall sein Stellvertreter. Praktisch hätte er kaum Einflussmöglichkeiten gehabt, künstlerisch wäre die Zeit außer manchen Rollen, wenig ertragreich gewesen.

"Wie man aufwächst, denkt man" sagt Geschonnek in Duell Traktor Fatzer. In Heiner Müllers theatralischem Krebsgang durch die deutsche Geschichte, seiner wichtigsten und zugleich erfolglosesten Inszenierung 1993 am Berliner Ensemble, war die Besetzung exemplarisch: Erwin Geschonnek kehrte nach fast vierzig Jahren an das Berliner Ensemble zurück und spielte sich selbst als alten Genossen. Eine andere Besetzung war Schall. Er trug zusammen mit Geschonnek und Hermann Beyer Müllers theatralischer Auseinandersetzung mit dem 17. Juni 1953 aus. Ich erinnere, wie Geschonnek mühsam nach seinen Stock angelt, sich am Tisch hochziehend, aufsteht und "MADRID DU WUNDERBARE" singt, und an Schall, wie er, nachdem klar ist, dass die russischen Panzer kommen, abgewandten Gesichts nach dem Parteiabzeichen sucht. Er findet das kleine Blechschild und heftet es sich mit einer Mischung aus Renitenz und Unverfrorenheit, fast mechanisch, ans Revers.

Ekkehard Schall ist tot - und wir können nichts tun als unsere Arbeit.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare