Vertreibung vom Limpopo

Südafrikas Versöhnung ohne Gerechtigkeit Die schwarzen Farmer sind die Verlierer von acht Jahren ANC-Regierung. Viele sympathisieren inzwischen mit den Radikalreformen Robert Mugabes in Simbabwe

Acht Jahre sind vergangen, seit Nelson Mandelas African National Congress (ANC) 1994 mit über 60 Prozent der Stimmen als überragender Sieger aus den ersten freien Wahlen in Südafrika hervorging. Die Hoffnung auf eine gerechte Teilhabe an den produktiven Ressourcen des Landes hat sich allerdings für viele Schwarze nicht erfüllt. Der "Marsch der Landlosen" anlässlich des Weltumweltgipfels geriet so zur mächtigsten Demonstration gegen die Politik des ANC seit 1994. Will die Regierung eine Radikalisierung der Landlosenbewegung verhindern, muss sie die Landfrage ernsthaft angehen. In der Luxusferienanlage Aventura bei Messina in der Nordprovinz Limpopo sind schwarze Badegäste nicht von allen gern gesehen. Mitarbeiter einer lokalen Nichtregierungsorganisation müssen verächtliche Blicke über sich ergehen lassen, wenn sie das Thermalbad betreten. Bis vor wenigen Jahren war Aventura einer betuchten weißen Upper-Class vorbehalten, bis heute begegnen die Stammgäste schwarzen Besuchern mit Argwohn.

Das geschätzte Urlaubsrefugium ist von den Plantagen der Orangenfarm Maswiri Boerdery umgeben. In der angrenzenden Siedlung der Farmarbeiter, deren Zugang durch einen Sicherheitsdienst des Eigentümers von unerwünschten Gästen abgeschirmt wird, leben etwa 3.000 Menschen, viele von harter Arbeit und katastrophalen Lebensverhältnissen gezeichnet. Ihr Trinkwasser beziehen sie aus jenem Tank, der auch als Speicher für die Bewässerung der Felder dient. Unter den Kindern, die nicht zur Schule gehen, sondern oft schon mit zwölf auf dem Feld arbeiten müssen, grassieren Infektionen, die nicht geheilt werden, weil es an Medikamenten und ärztlicher Versorgung fehlt.

Weniger als einen Euro verdient hier ein Farmarbeiter pro Tag für zwölf Stunden härtester Feldarbeit. Unfall- oder Krankenversicherung, Mutterschutz oder Urlaub sind unbekannt. Wenngleich alle angeben, einen Vertrag unterschrieben zu haben, verfügt niemand über eine Kopie. Warum auch? Die meisten sind Analphabeten. Der letzte Versuch, höhere Löhne und menschenwürdigere Arbeitsverhältnisse zu erwirken, liegt drei Jahre zurück und endete mit der Entlassung von 300 Gewerkschaftsmitgliedern.

Die Direktorin des Provinzdepartments für Landfragen bestätigt, dass den Betroffenen nach einer Kündigung laut Gesetz auf dem Farmland eine Parzelle zur Eigenbewirtschaftung zugestanden hätte. Gegen den Besitzer Andries Fourie - er war Minister in der letzten Apartheidregierung des Präsidenten de Klerk - habe man diese Auflage aber nicht durchsetzen können. Nur ein Indiz dafür, wie wenig sich für schwarze Farmarbeiter in den Regierungsjahren des ANC geändert hat.

Konzession an den inneren Frieden

Andries Fourie gehört zu den 60.000 weißen Farmern, die bis heute über 80 Prozent der Agrarfläche Südafrikas verfügen. Diese Landkonzentration in den Händen weniger geht - wie auch in anderen Ländern des südlichen Afrika - auf eine systematische Enteignung schwarzer Siedler durch die einstigen Kolonialsysteme oder - wie in Südafrika - das Apartheidregime zurück. Der Lebensraum der Schwarzen (80 Prozent der Gesamtbevölkerung) war seit 1959 auf Bantustans oder Homelands beschränkt, die nur 13 Prozent des südafrikanischen Staatsgebietes umfassten. Der Besitz von Boden blieb Schwarzen bis in die neunziger Jahre hinein untersagt. Dass 1995 etwa zwei Drittel der Südafrikaner, die laut offizieller Statistik ein Dasein unterhalb der Armutsgrenze fristeten, auf dem Lande lebten, war die barbarische Konsequenz einer Politik, die den Homelands keine eigenen ökonomischen Ressourcen zugestehen wollte. Diese Reservate sollten den Weißen allein als beliebig verwertbares Arbeitskräftereservoir zur Verfügung stehen. Ein wohlfeiler Arbeitsmarkt auf Abruf

Nach dem Ende der Apartheid und dem überwältigenden Sieg des ANC (62,2 Prozent) bei der Wahl von 1994 hofften viele Schwarze auf die Vergabe von Land, doch schon die Übergangsverfassung, die vor den Wahlen zwischen Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk ausgehandelt worden war, zementierte zunächst den Status quo bei den Besitzverhältnissen auf dem Lande. Die Politik der nationalen Versöhnung forderte ihren ökonomischen Tribut - ein Wesenszug der Post-Apartheid-Ära, der 1994 bereits der Landreform enge Grenzen setzte. Vorgesehen waren seinerzeit drei Komponenten: die Umverteilung (redistribution) von Land an städtische und ländliche Arme zu Wohnungs- und Produktionszwecken; die Rückgabe (restitution) von Ländereien an Opfer von Vertreibungen seit 1913 sowie eine Reform des Bodenrechts (tenure reform), um die Rechte von Bewohnern kommunaler Ländereien wie von Farmarbeitern zu stärken.

Anspruchsvollste Komponente dabei war die Landumverteilung. Ein staatlicher Zuschuss von 15.000, später 16.000 Rand (etwa 1.500 Euro), pro Haushalt sollte mittellose schwarze Familien in die Lage versetzen, von verkaufswilligen weißen Farmern Land zu erwerben. Der Erfolg dieses Programms, das weitgehend Empfehlungen der Weltbank folgte, blieb aus. Statt wie ursprünglich vorgesehen, bis 1999 ein Drittel der Agrarflächen umzuverteilen, waren es bis zu diesem Zeitpunkt lediglich 1,6 Prozent. Gelernt hat die Regierung aus diesem Misserfolg offenbar kaum. Im Gegenteil, 2001 führte sie eine finanzielle Eigenbeteiligung der Begünstigten von mindestens 5.000 Rand ein und belastete damit die Position der Landlosen erheblich. Zieht man zusätzlich die mit dem Restitutionsprogramm zurück gegebenen Ländereien in Betracht, haben seit 1994 nur knapp zwei Prozent der Agrargebiete Südafrikas den Besitzer gewechselt. Über vier Fünftel der 63.455 Restitutionsanträge, die vor Ablauf der Frist Ende 1998 eingereicht wurden, blieben bisher ohne Entscheidung.

Resignation und Aufruhr

Von einem dieser Anträge hängt das Schicksal von David Sinsulu ab, der mit seiner Familie nur wenige Kilometer entfernt von der Grenze zu Simbabwe lebt. Zusammen mit Tausenden Angehörigen der Gumbu-Gemeinschaft war er in den sechziger Jahren von seinem Land am Grenzfluss Limpopo deportiert worden. Vom Flusswasser und den fruchtbarsten Weideflächen abgeschnitten, harren die Vertriebenen seither in dürftigen Neusiedlungen aus, während das Land ihrer Vorfahren von der südafrikanischen Armee zu Übungszwecken genutzt wird. "Nelson Mandela ist ein Held", sagt David und weist auf ein Bild, das an der Tür seines Hauses hängt, "doch die jetzige Regierung hat uns vergessen."

Wie David fühlen sich immer mehr Schwarze von denjenigen verlassen, die sie im Kampf gegen das alte Regime unterstützt, gewählt und an die Macht gebracht haben. Die Resignation weicht zusehends offenem Aufgebehren. Zum UN-Gipfel in Johannesburg hatte das Landless Peoples Movement (LPM) zum "Marsch der Landlosen" gerufen. Unter dem Banner Social Movement United, zu dem sich LPM und Anti-Privatisierungs-Forum vereint hatten, marschierten am 31. August etwa 15.000 durch das Armenviertel von Alexandra zum Kongresszentrum in Sandton. "Dieser wahrscheinlich größte Protestzug gegen die Regierung seit 1994 zeigt, dass sich der ANC vermeintlicher Heimspiele nicht mehr so sicher sein kann", kommentierte die Wochenzeitung Mail Guardian.

Das LPM - seit der Gründung vor knapp einem Jahr verzeichnet die Bewegung einen beachtlichen Zulauf - ist eine durchaus heterogene Vereinigung und weit davon entfernt, ein konsistentes Landreformkonzept vorzulegen. Ihre Hauptforderung an Präsident Mbeki lautet, "sich vom marktgestützten Ansatz zu verabschieden, der die Macht in den Händen der jetzigen Besitzer belässt". Brachliegendes Land müsse enteignet werden. Kein sonderlich radikaler Ansatz, während die LPM-Basis aus ihrer Sympathie für Robert Mugabe und Simbabwe längst kein Hehl mehr macht. Die südafrikanische Regierung dürfte letztlich entscheiden, wer die Oberhand gewinnt.

Der Autor ist Mitarbeiter der deutschen NGO FIAN.

00:00 20.09.2002

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