Vertuschungskünstler

Bilanz zum Weltalphabetisierungstag In Deutschland gilt einer von 17 Erwachsenen als funktionaler Analphabet. Tendenz steigend

Straßenschilder, Formulare, Gebrauchsanweisungen - in unserer Gesellschaft gilt es als selbstverständlich, mit Schrift umgehen zu können. Bereits in der Grundschule wird Lesen, Schreiben und Rechnen vermittelt, doch das bedeutet nicht, dass die späteren Schulabgänger diese elementaren Fähigkeiten auch souverän beherrschen. 90.000 Jugendliche verlassen jährlich die Schule ohne Hauptschulabschluss, viele von ihnen können nicht richtig lesen und schreiben. Am 8. September wird der UN-Weltalphabetisierungstag begangen, um an das weltweite Bildungsproblem zu erinnern. Von vier Millionen Analphabeten in Deutschland geht der Bundesverband Alphabetisierung aus, man bezeichnet sie als funktionale Analphabeten. "Diese Menschen können ein bisschen lesen, etwas schreiben. Totale Analphabeten gibt es in den Industrienationen kaum," erklärt Uta Jaehn-Niesert, Geschäftsführerin des Berliner Vereins Arbeitskreis Orientierungs- und Bildungshilfe (AOB).

Als alphabetisiert gilt heute, wer sich an sämtlichen Aktivitäten seiner Umwelt beteiligen kann, bei denen lesen, schreiben und rechnen erforderlich sind. Dazu gehören beispielsweise das Ausfüllen von Formularen und der Umgang mit Bedienungsanleitungen. Einer von siebzehn Erwachsenen hat Schwierigkeiten, einfachste Texte zu verstehen. Zwei Drittel der Betroffenen haben keinen Schulabschluss. "Für Erwachsene gibt es keine gesicherten empirischen Daten. Diejenigen, die man ermitteln möchte, würden sich einer solchen Untersuchung entziehen, meint Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbands Alphabetisierung. "Diese Menschen empfinden ihre Defizite als so gravierend, dass sie alles daransetzen, diese nicht offenbar werden zu lassen."

Erklärungen für das Zustandekommen von Analphabetismus gibt es viele. "Schule versucht eher die Mitte zu treffen. Die Flügel, also Kinder mit erhöhtem Förderbedarf und Hochbegabte, werden in unserem System nicht ausreichend berücksichtigt," sagt Hubertus. "Doch auch ein Schulabschluss ist kein lebenslanger Garant für ausreichende Lese- und Schreibkompetenz. Denn schriftsprachliches Handeln kann man, ebenso wie Schreiben und Rechnen durch Nichtnutzung wieder verlernen.

Andere Fachleute sehen die Hauptursache für Analphabetismus im übermäßigen Konsum visueller Medien und einem unzureichenden Kontakt mit gedruckten Texten. "Angesichts von durchschnittlich 17,5 Wochenstunden Fernsehrezeption von Kindern, lohnt es sich darüber nachzudenken, ob wir noch oder erst vier Millionen Analphabeten zählen", warnt das Portal "Zweite Chance" vom Deutschen Volkshochschulverband.

Nur gute Freunde wissen Bescheid

Helle, freundliche Räume nutzt der Arbeitskreis Orientierungs- und Bildungshilfe in einem Kreuzberger Hinterhof. Seit 1977 haben Geschäftsführerin Jaehn-Niesert und ihr Team 5.000 Menschen betreut - als erster Verein in Deutschland, der sich ausschließlich mit dem Thema Alphabetisierung befasst. Einer, der regelmäßig hierher kommt, ist Stefan Gerber*. Ein Spätzünder, wie der Vierzigjährige sich selbst bezeichnet. In der Sonderschule habe er sich wie in der Hühnermastanstalt gefühlt. Dort und auch später habe er sich für Schriftkram immer Hilfe gesucht, Einzelfallhelfer zum Beispiel. In seiner Wohnung steht ein Großbildfernseher, daneben ein Regal mit Büchern und Bildbänden. "Die sind nur Tarnung, Dekoration", erklärt der gelernte Zierpflanzengärtner. Seit ein paar Monaten kommt Gerber zwei Mal die Woche für insgesamt vier Stunden ins AOB. Der schlaksige Berliner hat schon unterschiedliche Berufe ausgeübt: als Küchenhilfe gearbeitet, im Wachdienst, als Jugendbetreuer auf dem Kinderbauernhof. "Man kann auch ohne Lesen und Schreiben klarkommen", meint er, "aber dann muss man ne große Klappe haben." Zwischendurch war er immer wieder arbeitslos. Heute arbeitet er als Haushandwerker einer Einrichtung für psychisch Kranke. "Handwerklich mache ich alles. Nur das Schreiben geht nicht." Mit Anfang vierzig wolle er da ein bisschen ernster rangehen. "Verheimlichen und roter Kopf, das ist nicht mehr meins. Mein Ziel ist es, die Leute nicht mehr zu brauchen."

Beim selben Berliner Alphabetisierungsverein lernt Sibylle Berg* seit acht Monaten richtig schreiben. Nur gute Freunde wissen von ihrem Problem. Für die 38-jährige Horterzieherin war die Schule eine Qual. "Diktate schreiben fand ich schrecklich. Die Angst vor der sechs. Bauchschmerzen, brechen und Stress. Wenn dann wieder alles rot angestrichen ist... Doch unbewusst habe ich auch gemerkt, wo meine Stärken sind." Verbal sei sie sehr stark, konnte mündlich viel rausreißen. "Ich habe mich fleißig beteiligt, Referate gehalten und Gedichte gelernt." Jetzt aber dürfe und wolle sie richtig lesen und schreiben lernen. "Die erklären hier mit einer Engelsgeduld." Sibylle Berg ist eine sehr energische Frau, sie kann ihre Unsicherheit gut hinter resolutem Auftreten verbergen. "Ich möchte, dass mir nicht mehr die Schweißperlen kommen, wenn ich in eine öffentliche Behörde gehe und ein Formular ausfülle. Viele können sich das gar nicht vorstellen: sich hundeelend fühlen, Herzrasen und Blackouts." Für Elternabende bereitet sie Zettel vor, die sie an die Tafel klebt. Doch wenn man sie auf Fehler anspricht, kann es ihr immer noch den Boden unter den Füßen wegziehen. Dabei kennt sie durchaus Schreibfreude. Manchmal verfasst sie "Reimchen und Gedichte".

Kursteilnehmer werden immer jünger

"Den typischen Analphabeten gibt es nicht," sagt Jaehn-Niesert. "Alle möglichen Berufe haben wir hier, vom Angestellten einer Reinigungsfirma bis zum Manager. Auch Studierte sind dabei. Lesen können die. Aber was sie beim Schreiben für Fehler machen!" Zurzeit betreut der Verein 100 funktionale Analphabeten. Maximal drei Jahre können die Leute hier lernen, auf Wunsch auch mit begleitender Psychotherapie. Computerkurse und kreatives Schreiben hat der Verein ebenfalls im Programm. Die meisten Teilnehmer sind zwischen zwanzig und dreißig, sie werden allerdings immer jünger und immer mehr. 60 Prozent der Klienten sind Männer, 40 Prozent Frauen, zwei Drittel sind Deutsche.

Analphabeten verwenden viel Energie darauf, dass ihre Schwäche geheim bleibt. "Die Angst vor der Entdeckung ist enorm. Dafür wenden sie jede Menge Tricks an, weiß die Psychologin Jaehn-Niesert. Und sie haben oft ein gutes Gedächtnis. "Was andere sich notieren, lernen Analphabeten auswendig." Sie erzählt, dass ein Klient, der in einem Klinikum arbeitete, verantwortlich war für die Pillenverteilung. Dazu hat er sich an Farben und geometrische Muster der Verpackung orientiert. Um ihr Manko zu vertuschen verbinden manche sich den Arm, bevor sie eine Behörde betreten. Andere geben an, ihre Brille vergessen zu haben.

Abhilfe schaffen soll neben Volkshochschulkursen und Alphabetisierungsvereinen auch das vom Bundesbildungsministerium geförderte Online-Portal "Zweite Chance", auch unter dem Namen Apoll (Alfa-Portal Literacy Learning) bekannt. Es wurde vor zwei Jahren ins Leben gerufen und ist weltweit ein einzigartiges Experiment. Die Anonymität des Netzes biete einen niedrigschwelligen Zugang und zugleich den Gewinn neuer Medienkompetenz, liest man in der Selbstdarstellung. Die Lernenden könnten Ort, Zeit und Lernpensum selbst bestimmen. In Verbindung mit den erfolgreichen Alphabetisierungskursen der Volkshochschulen sei das Portal ein Instrument, um das Ziel der Weltalphabetisierungsdekade der UNESCO - die Verringerung des Analphabetismus um 50 Prozent - zu erreichen. Jaehn-Niesert findet das sinnvoll: "Auf dem Land, da kennt einen jeder, wenn man zum VHS-Kurs Alphabetisierung geht." Kursteilnehmerin Berg dagegen würde ein Online-Portal nicht nutzen. Sie arbeite schon genug am PC. Ausgerechnet ein mit Buchstaben gespicktes Medium wie das Internet als Lernhilfe für Analphabeten zu entwickeln, wirkt erst einmal kurios. Doch immerhin 10.000 "Kunden" sind derzeit registriert.

*Name geändert.


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00:00 08.09.2006

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