Verwickelt abgewickelt

Sachbuch Norbert F. Pötzl will allzu harsche Kritik an der Treuhandanstalt ad acta legen. Doch die Akten erheben Einspruch
Verwickelt abgewickelt
„Wer sich in Zukunft zur Treuhand äußern will, muss dieses Buch lesen, weil es die erste Darstellung ist, die auf Akteneinsicht beruht“, wirbt der DDR-Bürgerrechtler Richard Schröder auf dem Umschlag

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Bücher über die Treuhandanstalt sind bereits reichlich erschienen – mehr als ein halbes Dutzend gewiss. Was sollte den am Umbruch in Ostdeutschland nach 1990 interessierten Leser veranlassen, auch zu diesem Buch zu greifen?

„Wer sich in Zukunft zur Treuhand äußern will, muss dieses Buch lesen, weil es die erste Darstellung ist, die auf Akteneinsicht beruht“, wirbt der DDR-Bürgerrechtler Richard Schröder auf dem Umschlag von Norbert Pötzls Der Treuhand-Komplex. Und hat damit recht: Nach Ablauf der 30-jährigen Sperrfrist, die die Bundesrepublik für Akten aus staatlichen Archiven vorsieht, ist Akteneinsicht nun möglich, und Pötzl macht in zwei der acht Kapitel seines Buches auch reichlich Gebrauch davon.

Der Autor, gelernter Journalist, über 40 Jahre Redakteur beim Spiegel, hat zur Thematik prominente Zeitzeugen befragt, wie Birgit Breuel, Wolfgang Thierse oder Gerd Gebhardt. Er hat auch die Memoiren der zur Wendezeit aktiven bundesdeutschen Politiker von Theo Waigel bis Wolfgang Schäuble (und natürlich die von Helmut Kohl) studiert. Außerdem hat er sich die Mühe gemacht, die Zeitungen des Jahres 1990 nach relevanten Beiträgen zu durchforsten – auch viele regionale, die den Enthusiasmus und die Betroffenheit, die im Wendejahr in den Bürgermeistereien und Betrieben herrschten, besonders plastisch und ausführlich geschildert haben.

Es handelt sich bei diesem Treuhandband zweifellos um ein sorgfältig recherchiertes Buch, dessen Studium besonders für diejenigen aufschlussreich sein wird, die sich für einzelne Seiten und Momente der stürmischen Entwicklung des Jahres 1990 interessieren. Zum Beispiel wenn Pötzl das sogenannte Schürerpapier nicht als Bankrotterklärung abtut, sondern in erster Linie als Reformprogramm. Wenn er exakt schildert, wie das Modrow’sche Treuhandprojekt zum Kohl’schen wurde. Wenn er darüber schreibt, wie der erste bundesdeutsche Treuhandpräsident, Detlev Rohwedder, die ostdeutschen Betriebe mit Vorsicht zu privatisieren gedachte.

Doch sieht der Autor in der Vermittlung bisher wenig beachteter Tatsachen über die Treuhandanstalt nicht den eigentlichen Sinn seiner Buchpublikation. Eigentlich geht es ihm – das wird im Untertitel des Bandes angedeutet – um die Widerlegung jener „Legenden“ über die Treuhand, die nach Pötzls Meinung in den vergangenen drei Jahrzehnten über die Tätigkeit der Privatisierungsinstitution verbreitet wurden – und die in weiten Kreisen der ostdeutschen Bevölkerung negative Emotionen über die Westdeutschen und deren Kapitalismus hervorgerufen haben. „Positive Entwicklungen werden kaum zur Kenntnis genommen“, moniert er. Das will er ändern. Sein Buch wolle „den Legenden mit nachprüfbaren Fakten“ entgegentreten, schreibt er. Und weiter: „Anhand von zum Teil erst seit Kurzem zugänglichen Dokumenten wird aufgezeigt, was man heute wissen kann, wenn man es wissen will.“ Allerdings hat Norbert Pötzl sich von der Absicht, mit seiner Publikation dem Trend zur negativen Interpretation der Entwicklung in den neuen Bundesländern etwas entgegenzusetzen, regelrecht gefangen nehmen lassen.

So widerspricht er beispielsweise jenen, die (gestützt auf eine Studie der Universität Leipzig aus dem Jahre 2016) verbreiten, an der Spitze der 100 größten ostdeutschen Unternehmen ständen nur 25 Prozent ostdeutsche Firmenchefs, 60 Prozent seien Westdeutsche, 15 Prozent Ausländer. Stattdessen beruft er sich auf einen Soziologen, der diese Angaben stark anzweifelt und stattdessen von einer „signifikanten ostdeutschen Minderheit“ in den Führungspositionen der Unternehmen in den neuen Bundesländern spricht. Auf dessen Urteil vertraut Pötzl uneingeschränkt. Offensichtlich vor allem, weil es seine Meinung über die erfolgreiche ostdeutsche Transformation, die Treuhandtätigkeit eingeschlossen, bestätigt. Um sein Ziel beim Leser zu erreichen, ist sich Pötzl auch nicht zu schade, unseriös zu argumentieren: Wenn er etwa der generell deutlich höheren Arbeitslosigkeit im Osten seine Faktenzusammenstellung entgegensetzt: „In Sachsen und Brandenburg sind die Arbeitslosenquoten von Mai 1994 bis Mai 2019 auf 5,4 beziehungsweise 5,7 Prozent gesunken, in Bremen, dem Bundesland mit der höchsten Arbeitslosigkeit, sind zehn Prozent der Erwerbspersonen ohne Job.“

Wie im Falle der zitierten Leipziger Studie zweifelt Pötzl die Untersuchungsergebnisse derjenigen Forschungsinstitutionen an, die die Entwicklung in Ostdeutschland vor und nach der Wende untersucht haben. Und zwar wenn sie, mit Statistiken jeweils belegt, für die Entwicklung der DDR bis 1989 zu positiven und für das, was in den neuen Bundesländern in den ersten Jahren danach geschah, zu negativen Einschätzungen gekommen sind. Was die seiner Meinung nach zu positiven Aussagen über die DDR-Wirtschaftsentwicklung vor 1989 betrifft, so hat Pötzl dafür eine einfache Erklärung: Die Forscher derjenigen Wirtschaftsinstitute der Bundesrepublik, die sich mit der DDR beschäftigten – namentlich bezieht sich Pötzl auf Doris Cornelsen, Leiterin der Abteilung „DDR und Osteuropa“ beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Westberlin in den 1980er-Jahren –, hätten jahrzehntelang die gefälschten offiziellen Statistiken der DDR einfach übernommen und seien „von einer starken DDR-Wirtschaft“ ausgegangen. Und das, obwohl „alle Einzelphänomene, denen man begegnete, sichtbar das Gegenteil belegten“.

Als Beweis für vorgenommene Fälschungen führt Pötzl einen vagen Satz im 1990 aufgelegten letzten Band des Statistischen Jahrbuchs der Deutschen Demokratischen Republik an, in dessen Vorwort der langjährige Präsident der Statistischen Zentralverwaltung (SZS), Arno Donda, davon spricht, dass bei seiner Arbeit „in der Vergangenheit der Einfluss der Agitation nicht zu übersehen war“. Als der Band im Juni 1990 veröffentlicht wurde, hätte kein Honecker Donda mehr daran hindern können, konkret davon zu sprechen, dass die DDR-Führung die Redaktion des SZS-Jahrbuchs bei brisanten Themen zu Fälschungen gezwungen habe. Das aber können die meisten Leser nicht wissen – und darauf spekuliert offensichtlich Pötzl, wenn es ihm darum geht, seine Pleite-Version der DDR glaubhaft zu machen.

Das Fälschungsargument ist für Pötzl insofern sehr wichtig, denn er verkündet seine Meinung über den Zustand der DDR-Wirtschaft vor ihrem Ende nicht nur, nein, er stützt sich stets auch auf Aussagen von Wissenschaftlern und Politikern, die eine ähnliche Meinung wie er selbst vertreten – und mit angeblich beweiskräftigem Zahlenmaterial argumentieren.

Einäugig unter den Blinden

Um sein Ziel zu erreichen, argumentiert Pötzl auch heftig gegen jene Politiker und Wissenschaftler, die in ihren Publikationen hinsichtlich der ökonomischen und sozialen Lage im Osten und dem Abstand zum Westen zu dem Schluss kommen, dass der Osten auch drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung abgehängt ist und eine vollständige Rekonvaleszenz bei einem „Weiter-so“ in der Politik nicht in Aussicht ist.

So kritisiert er ganze Passagen in dem 2018 erschienenen, bisher umfangreichsten Band über die Alltagspraxis der Treuhandanstalt von Markus Böick. Leidenschaftlich argumentiert Pötzl gegen Petra Köppings 2018 erschienene Streitschrift für den Osten; besonders heftig wahrscheinlich deshalb, weil dieser das Transformationsgeschehen im Osten anklagende Band zum Bestseller geworden ist. Pötzl wirft der heutigen sächsischen Integrationsministerin „Einäugigkeit“ vor und vermutet, dass Petra Köpping, die die „Eliteschule des SED-Regimes“ absolviert habe und deren „Biografie 1990 einen Knick bekam“, mit ihrem Buch ihre anfänglichen persönlichen Schwierigkeiten, wieder Fuß zu fassen, auf den Osten insgesamt projiziert habe. Mit einigen anderen ostdeutschen Politikern sei sie in einen Wettstreit getreten, „Menschen in ihrem Selbstmitleid zu bestärken, statt sie zu ermutigen und zu eigenen Anstrengungen anzuspornen“.

Dass Pötzl Letzteres mit seinem Buch beabsichtigt, mag man ihm zuguteschreiben. Mit den Mitteln aber, die er gewählt hat, um Mut zu machen, mit der Charakterisierung des Umbruchs als von der Bevölkerung Ostdeutschlands gewollter, von ihr mitgetragener und überwiegend auch zu ihren Gunsten realisierter Transformation, kann er den Anforderungen an eine seriöse historische Darstellung des Umbruchs generell und der Treuhandaktivitäten speziell – ungeachtet des Zitierens aus Treuhandakten – wiederholt nicht gerecht werden.

Info

Der Treuhand-Komplex. Legenden. Fakten. Emotionen. Norbert F. Pötzl kursbuch.edition 2019, 200 S., 22 €

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Dieser Beitrag ist Teil unserer Wende-Serie 1989 – Jetzt!

06:00 22.10.2019
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