Very Christmas

Berliner Abende Man scheut sich, in den Chor all jener einzustimmen, die bejammern, dass Weihnachten jedes Jahr ein bisschen früher anfängt. Aber es ist ja so. Also, ...

Man scheut sich, in den Chor all jener einzustimmen, die bejammern, dass Weihnachten jedes Jahr ein bisschen früher anfängt. Aber es ist ja so. Also, warum nicht klagen. Als die Sonne noch warm vom Himmel schien, öffnete im Kaufhof die Lichterketten- und Christbaumkugeln-Abteilung, lila Weihnachtsmänner gab es bereits Wochen vorher und weihnachtliche Schnäppchenverträge, die man an der eigenen Wohnungstür unterschreiben sollte, werden das ganze Jahr über angeboten. Nordmanntannen sind bereits so lange im Angebot, dass die dritte Generation auf den Wohnzimmerteppich hätte nadeln können, wenn man sie nur ließe. Natürlich hat man im Laufe der marktwirtschaftlichen Jahre seine Strategien entwickelt, wie sich die Dinge hinauszögern lassen. Ab Oktober nicht in Kaufhäuser gehen, die Süßwarenabteilungen in Supermärkten großräumig umlaufen und kein Zwischenstopp in der Autobahnkirche Exter mehr. Man kann es schaffen.

Bis zu dem Zeitpunkt, da der Weihnachtsmarkt öffnet. Dann nehmen die Dinge ihren Lauf und aus Bitten werden Forderungen. Einmal noch, nächstes Jahr nicht mehr, versprochen, lass uns auf den Weihnachtsmarkt gehen, wünscht die süße Plage und man lässt sich breitschlagen. Schon zum neunten Mal in Folge. Allerdings ist mir in diesem Jahr zum ersten Mal wirklich bewusst geworden, dass Weihnachtsmärkte überhaupt nichts mit Weihnachten zu tun haben. Es muss sich ganz einfach um eine Namensgleichheit handeln, die so zufällig ist, wie ein Kollateralschaden im Afghanistankrieg.

Vor meinem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, den ich der Tochter zuliebe auf die Tagesordnung hob, hatte ich von einem Freund erfahren, wie viel Geld die Mädels und Jungs an den Glühweinbuden machen. Viel. Aber nicht mit Glühwein. Sie kaufen Tassen für fünfzig Pfennig pro Stück, auf denen "Weihnachtsmarkt Berlin 2001" steht und nehmen von jedem, der einen Glühwein begehrt, drei Mark Pfand für die ästhetisch wertvolle Keramik. Sagt mein Freund. Nun gibt es Jahr für Jahr Unentwegte, ich nenne sie mal die Bierbüchsensammler der Postmoderne, die sich eine solche Rarität nicht entgehen lassen wollen. Sie klauen die Tasse, für die sie drei ganze Mark hinterlegt haben, und kommen sich dabei wahrscheinlich fürchterlich subversiv, mindestens aber gemein vor, nichtsahnend, dass die blondlockige Glühweinverkäuferin mit dem kleinen Piercing in der linken Augenbraue, auf genau diese seelische Untiefe baut. Sie verdient an jedem schlechten und diebischen Charakter zwei Mark und fünfzig Pfennig. Beim Anblick der zahlreichen Glühweinbuden auf dem Weihnachtsmarkt dachte ich mir also, dass dieses Prinzip unsere Volkswirtschaft retten und uns vor schmählichen 0,7 Prozent Wachstum im kommenden Jahr bewahren könnte. Diebstahl zur Steigerung des Bruttosozialproduktes wäre mindestens eine Gesetzesvorlage wert, die wahrscheinlich mit 24 Gegenstimmen im Deutschen Bundestag durchgepeitscht werden könnte. Die Vertrauensfrage stellte sich nicht, weil der Außenminister und die Verteidigungsexpertin der Grünen in diesem Fall kaum von der Entscheidung betroffen wären. Gut, da ist noch Schily, aber den könnte man ja damit locken, dass künftig jeder, der eine Glühweintasse klaut, automatisch in die Rasterfahndung kommt.

Im Angesicht all dieser Erkenntnisse wurde der Weihnachtsmarktbesuch zumindest für die Tochter zu einer Bildungsreise. Ich erklärte ihr, was Bruttosozialprodukt, Rasterfahndung, Rezession und Wirtschaftsinstitute sind und brachte ihr zugleich auf ganz subtile Art und Weise bei, dass Diebstahl nicht lohnt. Nach dem dritten Glühwein zitierte ich sogar den Satz: Was ist das Ausrauben einer Bank gegen das Gründen derselben. Wörtlich bekam ich das allerdings nicht mehr hin, wusste aber noch, dass ich es nicht aus Harry Potter und der Stein der Weisen hatte.

Später am Abend allerdings, als meine Tochter begann, sich ob der Vorträge zu langweilen, musste ich doch noch bitter büßen. Wir fuhren mit der Achterbahn, die auf den ersten, zweiten und dritten Blick nicht den Eindruck machte, als könnte sie die Sicherheitsexperten begeistern. Zu allem Unglück hatte ich mir eine neue warme Mütze gekauft, die mir bei leisesten Erschütterungen über die Augen rutschte, so auch während der ersten Talfahrt. Von diesem Moment an sah ich nichts mehr, hörte aber umso besser meine Tochter neben mir schreien: "Oh Gott, nicht diese Kurve", oder "Nein, da kommen wir nie runter", oder "Mama, ich will, dass es aufhört".

Wenn sie all diese Sätze auf sicherem Boden gebrüllt hätte, wäre dies für mich die Chance gewesen, ihr auch noch die Begriffe "Minuswachstum", "Nach dem 11. September", "Inflationsrate" und "Nemax" zu erklären. So aber blieb mir nur stummes Entsetzen.

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00:00 21.12.2001

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