Verzicht und Opfer

AUFMERKSAMKEIT FÜR DEN MENSCHEN In seinem Roman "Das Buch der Schicksale" beschreibt der ägyptische Autor Gamal Al-Ghitani den gesellschaftlichen Umbruch in der Ära Sadat

Der "junge Mann", wie er verallgemeinernd genannt wird, hat Politik an der Universität von Kairo studiert. Seine Eltern haben auf vieles verzichtet, um ihrem Sohn eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Er sollte es einmal besser haben, vielleicht sogar als Botschafter Ägyptens im Ausland. Davon zumindest träumen er und seine Eltern.

Aber es kam ganz anders. Mit seinem Hochschulabschluss in der Tasche landet der junge Mann in der Rezeption eines amerikanischen Hotels. Ein Job, an den er nur durch Beziehungen gekommen ist, und bei dem ihm Hoffnungen auf einen Aufstieg gemacht werden. Aber vor allem ein Job, der sehr gut bezahlt wird, besser als der seines Vaters, der als Beamter in der Verwaltung arbeitet, ja sogar besser noch als der eines Botschafters. Um den ihn deshalb viele seiner ehemaligen Kommilitonen beneiden - allerdings ohne zu wissen, welchen Preis er dafür zahlen muss.

So wissen sie nichts von der Dankbarkeit, zu der er seinem Chef gegenüber verpflichtet ist. Wegen des guten Verdienstes und dass er überhaupt Arbeit gefunden hat. Dass er nicht nein sagen kann, als er ihn auffordert, sich bei den Gästen einzuschmeicheln und sie in das schlecht gehende Hotelrestaurant zu locken. Und dabei immer seinen Abschluss in internationaler Politik erwähnen muss, weil das einen guten Eindruck macht. Einem Chef, der mit ihm machen kann, was er will. Ihn am Ende sogar dazu bringt, einer Touristin, die das wünscht, aufs Zimmer zu folgen. Womit die Katastrophe ihren Lauf nimmt.

Gamal Al-Ghitani, der die Geschichte des jungen Mannes erzählt, ist neben Nagib Machfus einer der bekanntesten Autoren Ägyptens. 1945 in einem oberägyptischen Dorf geboren hat er an der Schule für Kunsthandwerk in Kairo studiert und einige Jahre als Teppichdesigner in Kairo gearbeitet. Danach wurde er Journalist und leitete einige Jahre das Feuilleton der Tageszeitung Al-Ahbar. Außerdem ist er Herausgeber der wichtigsten arabischen Literaturzeitschrift Akhbar al-Adab.

Seit Ende der sechziger Jahre veröffentlicht Ghitani Romane und Erzählungen. Bekannt wurde er vor allem durch den satirischen Roman Seini Barakat (1974), in dem er sich einerseits mit dem Untergang der Mamelukenherrschaft auseinandersetzt, andererseits in der Darstellung vom Entstehen und Schwinden politischer Illusionen Kritik an der Herrschaft Nassers (1952-1970) übt. In Das Buch der Schicksale, das 1988 im arabischen Original erschienen ist, orientiert sich Ghitani stark an der Tradition des sozialkritischen Romans, auch wenn orientalische Einflüsse, wie der Erzähler, der sich - so als stünde er auf einem Basar - an seine Zuhörer wendet, nicht zu übersehen sind. Ästhetisch keine besonders spannende Lektüre, zumal es andere arabische Autoren gibt, die in dieser Hinsicht interessanter sind, wie zum Beispiel der 1996 verstorbene Palästinenser Emil Habibi, der experimentierfreudiger die Einflüsse der Moderne mit der arabischen Erzähltradition verschmolzen hat. Manchmal wird in Das Buch der Schicksale auch nicht deutlich zwischen der vereinfachenden Weltsicht der Figuren, die nur dargestellt werden, und der Auffassung des Autors getrennt. Und doch ist es ein wichtiger Text. Denn auch Mohammed Atta, einer der Attentäter von New York, stammte aus dem Kleinbürgertum Kairos. Viel weiß man nicht über ihn, aber er war wie der "junge Mann" ebenfalls Student, wenn auch zuletzt in Deutschland. In Ägypten hätte ihn aller Wahrscheinlichkeit nach ein ähnliches Schicksal erwartet.

Dass Gamal Al-Ghitani in seinem Roman vor allem den gesellschaftlichen Umbruch der Ära Sadat in den siebziger und achtziger Jahre beschreibt, ist dabei weniger wichtig. Denn der Unterschied zwischen Arm und Reich, zwischen denen, die von der gesellschaftlichen Transformation profitieren konnten und denen, die verloren haben, ist seitdem eher größer geworden. Laut einer UN-Untersuchung ist zwar bei einigen Armuts-Indikatoren in der ersten Hälfte der neunziger Jahre ein leichter Rückgang zu verzeichnen gewesen, aber nur 23 Prozent der Armen und 50 Prozent der Nichtarmen antworteten auf die Frage, ob sich ihre Lage in diesem Zeitraum verbessert hätte, mit "ja". Wobei rund drei viertel aller Befragten Arbeitslosigkeit, Inflation und ökonomische Stagnation als Grundlage für ihre Antwort angaben.

Es geht also weniger ums blanke Überleben, als vielmehr um die Verbesserung der armseligen Lebensverhältnisse. Das Buch der Schicksale beschreibt diesen Kampf in lose miteinander verbundenen Geschichten. Ob es der Mann ist, der von Familie und Frau gedrängt, für mehrere Jahre als Gastarbeiter im arabischen Ausland arbeitet, wo er als Paria beschimpft und einsam sein Leben fristen muss oder der pensionierte Offizier, der in den "besten Jahren" einen Neuanfang in einem Kairoer Unternehmen versucht und dort auf Korruption und zwielichtige Geschäfte stößt: Bei allen werden Verzicht und Opfer für Familie und Land von einem Tag auf den anderen fragwürdig. "Gelobt sei der", meint der Erzähler in dem kurzen Vorwort des Buches, "der sich dem Einfluss der Zeit entziehen kann, erhaben ist der, der jeden Tag weiß, woran er ist."

In einem Text, den Gamal Al-Ghitani anlässlich der Verleihung des Nobelpreises an Nagib Machfus geschrieben hat, schreibt er, er hätte von ihm gelernt, "dass die Literatur nicht eine Kapriole ist, sondern dass sie eine große, eine ungeheure Anstrengung erfordert, ständig mit dem Leben der Menschen engsten Kontakt zu halten und ständig dazuzulernen." Ein Literaturkonzept, dass im Westen oft in Frage gestellt wurde: Kann authentisch über andere geschrieben werden? Aber wie oft sind entsprechende Gegenentwürfe belanglos geblieben, weil sie sich letztlich nur um die Person des Autors drehen, der leider von keinem allgemeinen Interesse ist. Der radikale Subjektivismus mag zwar authentischer sein als der Versuch der Einfühlung in Andere, aber auch bei ihm besteht die Gefahr, dass sich für das, was hinter dieser Authentizität steckt, niemand interessiert.

Das Buch der Schicksale ist ein Produkt "Machfusscher" Aufmerksamkeit. Gamal Al-Ghitani hat versucht, sich in die Menschen, die er beschreibt, hineinzuversetzen. Ob ihm das gelungen ist, kann aus der Ferne nicht beurteilt werden. Die sozialen Verhältnisse in Ägypten deuten zumindest auf die Bedeutung der von ihm beschriebenen Probleme hin. Der Islamismus der neunziger Jahre, der zum Glück in fast allen islamischen Ländern auf dem Rückzug ist, hat deutlich gemacht, dass das soziale Elend aber auch die Zerstörung zivilisatorischer Werte und damit der Würde vieler Menschen in ihrer Dramatik weit unterschätzt worden ist. Nach der Lektüre von Gamal Al-Ghitanis Roman lässt sich darüber nicht mehr so leicht hinwegsehen.

Gamal Al-Ghitani: Das Buch der Schicksale, München, C.H. Beck Verlag, München 2001, 406 S., 48.- DM

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00:00 07.12.2001

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