Videothek

Berliner Abende Bei meinen Freunden Tanya und Rob steht in der Mitte des Wohnzimmers ein Beamer auf einem Tisch. Zwei Matratzensofas sind auf das gegenüberliegende ...

Bei meinen Freunden Tanya und Rob steht in der Mitte des Wohnzimmers ein Beamer auf einem Tisch. Zwei Matratzensofas sind auf das gegenüberliegende Bücherregal ausgerichtet, vor dem sich jederzeit ein Laken herunterrollen lässt. Neben dem Beamer steht meist eine Schale mit Weintrauben, die auch gegessen werden, wenn es keinen Film zu sehen gibt. Überhaupt habe ich in diesem Zimmer noch nie einen Film gesehen, die Gespräche drehen sich hier dennoch fast immer um Filme und Film. Meist werden sie ausgelöst durch die Frage, ob man sich nicht gemeinsam einen Film ansehen sollte.

Tanya und Rob haben sechs Jahre lang in Los Angeles gelebt, bevor sie nach Europa ausgewanderten, erst nach Paris und dann nach Berlin, wo sie nun bereits seit acht Jahren leben.

Als ich Tanya und Rob neulich besuchte und wir uns auf den Matratzensofas fläzten, kamen wir nach den freundschaftlichen Preliminarien über die Arbeit und den U-Bahn-Streik schon bald auf Filme zu sprechen. Den imaginären Hintergrund all dieser Gespräche bildet eine Videothek mit einem unerschöpflichen Reichtum an Filmen aller Länder und Zeiten. Eine Videothek, in der nicht nur alle Filme aufbewahrt werden, die jeder von uns gesehen hat, sondern darüber hinaus alle, von denen einem von uns einmal erzählt wurde, von denen wir gelesen haben oder denen in Filmen, die wir kennen, eine Referenz erwiesen wird. Eine recht umfangreiche Videothek also, wie es sie kaum in Berlin und wahrscheinlich nirgends auf der Welt gibt. Warum also rausgehen und sich einen Film ausleihen? Ohnehin würde keine DVD, auch wenn sie noch so viele "Extras" böte, unser Interesse an einem Film befriedigen können. Die Missverständnisse, Fehlurteile und Verwechslungen fehlten, aus denen in unseren Köpfen erst der Film, den wir sehen wollen, entsteht.

Eine gute Stunde sprachen wir über die unterschiedliche Darbietung von Catherine Deneuve in Polanskis Ekel und Godards Verachtung, ein spannendes Gespräch, das auch keinen Schaden nahm, als uns ein Blick ins Lexikon daran erinnerte, dass die vermeintliche Deneuve in Verachtung in Wirklichkeit Brigitte Bardot war. Partout wollte uns anschließend der Name des männlichen Parts in Bonnie Clyde nicht einfallen. "Irgendwie dekadent, ein Beau, aber nicht wirklich gut aussehend", meinte Tanya, und Rob kam schließlich auf Warren Beatty. Nicht, weil ihm plötzlich der Film wieder vor Augen gestanden hätte, sondern weil Tanyas Beschreibung ihn an den echten Warren Beatty denken ließ, in dessen Badezimmer er einmal ein Schloss ausgetauscht hatte. Robs Beziehung zu Filmen geht oft den direkten Weg über Erinnerungen an Los Angeles, wo er in der Zeit, als die beiden dort lebten, zuerst als Hilfskoch und später als "Locksmith", als Schlosser, gearbeitet hat. Von einigen Hollywoodstars weiß Rob, ob sie ihren Burger mit oder ohne Zwiebeln essen. Bei anderen war er zuhause, hat Schlösser an Toren und Türen ihrer Villen in Beverly Hills repariert oder ausgewechselt, wurde zur Unzeit gerufen, um eine verklemmte Minibar zu öffnen, oder eben bei Warren Beatty einen zusätzlichen Riegel an die Badezimmertür zu montieren. Warren Beatty saß lesend am anderen Ende des immensen Schlafzimmers in einem weißen, Fell besetzten Bademantel. Kein Wunder, dass Rob zu Filmen seine eigenen Geschichten hat. Wie der Protagonist in David Lynchs Lost Highway: "Ich erinnere mich an die Dinge lieber auf meine Weise, nicht unbedingt, wie es passiert ist." Wie heißt der noch gleich?

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