Viel deutsches Theater

Sommerfestivals in Aix und Avignon Die Folgen des letztjährigen Streikausfalls sind wenig offensichtlich, aber doch zu bemerken

Nun spielen sie wieder. Die französischen Sommerfestivals, die im letzten Jahr einem Konflikt zwischen dem Bühnenpersonal und der konservativen Regierung zum Opfer fielen, finden in diesem Jahr ausnahmslos statt. Dabei ist der Konflikt, um den es ging, nur verschoben, aber keineswegs gelöst: Die Bühnenarbeiter, in Frankreich nur selten durch Dauerverträge gesichert, finanzieren ihren Lebensunterhalt regelmäßig über ihre Arbeitslosenversicherung. Das kommt teuer, birgt Missbrauchsmöglichkeiten und schien der rechten Regierung Raffarin ein idealer Ort, um Entschiedenheit beim Sozialabbau vorzuführen, ohne die eigene Klientel zu verärgern, denn das bunte Bühnenvölkchen wählt, wenn überhaupt, dann nicht die blassen, konservativen Männer im grauen Anzug in ihrem immergleichen Spiel ohne Höhepunkt und ohne Ende. Nun hat aber diese Regierung und mit ihr ein bisschen auch der Präsident jüngst die Regional- und die Europawahlen hoch verloren. Etwa aus den gleichen Gründen wie Schröder in Deutschland, nur nicht so hoch. So etwas macht weich, wenn auch nicht klug. Also wird der Minister ausgetauscht, das Problem verschoben und Kompromissbereitschaft signalisiert. Das Ganze heißt dann Politik und keiner mag sie. Schlechtes Theater.

Aber jedenfalls konnten deshalb die Sommerfestivals stattfinden, die Minister in der ersten Reihe sitzen und die Bühnenarbeiter Manifeste verlesen, wenn es den Betrieb nicht störte. Die Festivals - das heißt in Südfrankreich schon lange nicht mehr nur "Aix" und "Avignon". Montpellier hat in den letzten Jahren ein eigenes auf die Beine gestellt und seit kurzem kann sogar Marseille ein durchaus achtbares vorweisen (mit einem schönen Mozart-Stück von de Keersmaeker zum Beispiel). Dennoch sind das Opernfestival in Aix und das weltweit größte Theaterfestival in Avignon unvergleichlich. Nicht nur, weil sie die längste Tradition haben, sondern vor allem, weil sie während des Monats Juli "ihre" Städte verwandeln, sie gleichsam zu einem einzigen großen Theater machen. In Aix geht es geplanter und seriöser zu. Da sind es die Studenten des Konservatoriums und die von der Festivalleitung geförderten, von berühmten Lehrern geleiteten Sommerkurse für junge Musiker, die die Innenstadt am Frühabend in viele kleine Open-Air Konzertsäle verwandeln. Immerhin geht die Kunst hier in Schwarz und Weiß, wenn auch ohne Rock und Binder.

In Avignon hingegen ist sie bunt und vermittelt immer erneut die schöne (manchmal auch nur laute) Illusion, die Grenze zwischen Stadt, Künstler und Publikum sei für ein paar Wochen aufgehoben. Das stimmt natürlich nicht. Aber es stimmt doch ein bisschen, denn wenn in eine eher behäbige provenzalische Stadt, die man in einer Stunde durchschlendert hat - den viel zu großen Papstpalast immer im Blick - Hunderte von Theatertruppen aller Prominenzstufen einfallen, wenn die Schulen und Rathaussäle sich alle in kleine Theater verwandeln, dann ist überall Theater. Man hat es ja immer gewusst: "Sur le pont d´Avignon, l´on y danse." Das geht nicht in Großstädten wie Montpellier oder Marseille. Dort geht man ins Theater und die Städte scheren sich nicht darum, eher schon um die Boules-Weltmeisterschaften.

The show must go on - aber untergründig sind die Folgen des Totalausfalls im letzten Jahr durchaus spürbar. In Aix vor allem im Programm. Bergs Wozzeck, der gar nicht zur Aufführung kam, wurde unterdes anderen Orts aufgeführt (in Lyon zum Beispiel), wo sich zeigte, dass Aix da ein großer Wurf verloren gegangen ist. Der Verschnitt von Einaktern de Fallas, Stravinskys und Schönbergs, den Grüber inszenierte, Boulez dirigierte und unter anderem Anja Silja gegen den Topfdeckelkrach der protestierenden Bühnenarbeiter immerhin einmal hinreißend sang (siehe Freitag 30/2003), kam nicht wieder. Anders La Traviata in der Inszenierung von Mussbach. Auch Violetta sang im letzten Jahr nur einmal, gestört vom lärmenden Volk. Aber dann sang sie in Berlin und anderen Orts. Aber La Traviata, wie moribund auch immer, stirbt nicht. Und so kam sie wieder und tat so, als sei es das erste und letzte Mal und alle, nicht nur die Männer, wollten es glauben und machten das Stück zum Publikumsrenner des Festivals. Bei der Premiere, die nur so tat, als sei sie eine, saßen die Kultusminister Tasca (der abgewählten sozialistischen Regierung), Aiguilhon (der im letzten Jahr für die Absage verantworlich sein musste), also die Kultusminister, die keine mehr sind, neben dem gegenwärtigen Kultusminister Vabre de Donnadieu in der ersten Reihe. Violetta lieben alle.

La Traviata kennen alle, sogar Julia Roberts in Pretty Woman. Wer je ein Wunschkonzert im Radio hörte, hat die Arien im Ohr. Der dramatische Konflikt freilich - eine junge, schöne Frau mit schlechtem Ruf aus der Pariser Bohème findet Alfredo, ihre große Liebe, verzichtet ohne dessen Wissen aus Rücksicht auf die Ehre seiner Familie auf diese Liebe und stirbt daran - wirkt doch arg wie von vorgestern. Mussbach verzichtet auf radikale Aktualisierungen à la "Türkin liebt einen schwäbischen Unternehmersohn", verwandelt Violetta in eine von Anfang an moribunde Person, in ein schönes weibliches Opfer, das auf jeden Fall sterben muss. Auf gewiss nicht eben dezente Weise evozieren die blonde Perücke das Schicksal Marylin Monroes und die endlosen Autobahntunnelfahrten, die auf das Netz vor der Bühne (Erich Wonder) projiziert werden, das Schicksal von Lady Di im Tunnel unter der Pariser Pont d´Alma. Mireille Delunch in der Hauptrolle ist von sehr weißer, sehr überirdischer Schönheit. Alfredo, im letzten Jahr etwas mindernicklich besetzt, ist nun auch schön und singt wie ein Gott (Rolando Villazon). Und Daniel Harding, von Tradition und Natur nicht eben ein Verdi-Dirigent, zeigt, dass er auch das kann.

Das eigentliche diesjährige Aixer Opernereignis ist aber zweifellos Händels Herkules. Das Stück, Oratorium mehr denn Oper im Sinne des 19. Jahrhunderts, wird selten aufgeführt und das hat seinen guten Grund: Die obligaten, manchmal endlos scheinenden Reprisen verlangsamen die Handlung auf das Äußerste und stellen die Regie vor harte Probleme. Aber Barock ist Mode. Und so hat Stéphan Lissner, dessen Direktion das Aixer Festival seit sechs Jahren seine künstlerische Renaissance wesentlich verdankt, Luc Body zu einer Herkules-Inszenierung überredet. Der nimmt die Vorlage aus mit christlichem Vanitas-Denken überformtem antik-mythologischem Material über den Tod des Herakles, um eine nicht nur im Dekor zeitgenössische Geschichte zu erzählen beziehungsweise singen zu lassen: Herkules besiegt Eurytos nicht um irgendwelcher höherer Dinge willen, sondern um dessen Tochter Iole zu rauben und heimzuführen an seinen Herd, wo seine treue Frau Deianeira schon lange wartet. Sie riecht den Braten, wird schier wahnsinnig vor Eifersucht, besinnt sich des Nessoshemdes, das nach den listigen letzten Worten des Erschlagenen die Liebe zurückbringen soll und überredet Herkules, es anzulegen. Der stirbt qualvoll, die Gattin bereut, der Sohn heiratet Iole, die eigentlich den Vater liebte. Wie im Leben eben. Und selbst Herkules´ Himmelfahrt wird mit einem geglückten szenischen Augenzwinkern unterlaufen. Durchweg eine glückliche Besetzung, Camilla Tilling als Iole ist und singt zum Sofort-hundert-Rosen-ins-Hotel-schicken.

Daneben sieht Philippe Calvarios Inszenierung von Prokofievs Die Liebe der drei Orangen doch ein bisschen mutwillig nach Gay Pride aus. Und die Welturaufführung von Hanjo, Auftragsproduktion des in Europa lebenden Toshio Hosokawa auf der Grundlage eines Textes von Mishima, inszeniert von Keersmaeker und aufgeführt vor kleinem Publikum? Ein bisschen Beckett, ein bisschen Kyoto, ein bisschen Donaueschingen in minimalistischem Dekor. Schön, aber manchmal für mein Gefühl in der Nähe des Kunsthandwerklichen. Aber vielleicht habe ich auch nichts gehört und nichts verstanden. Aber da wäre ich dann nicht der einzige gewesen.

Und Avignon? Auch in Avignon ist das letzte Jahr nicht folgenlos geblieben, vor allem im Bereich des unübersehbaren "Off-Programms". Da haben sich nun zwei Lager (und zwei Assoziationen) gebildet, die in etwa die letztjährigen Streikbefürworter und Streikgegner organisieren. Und man hatte den Eindruck, dass die Besucherzahlen doch ein wenig abgenommen haben. Sonst aber: Unübersehbar viele Aufführungen, viele unerträglich dilettantisch und dann wieder kleine, schöne Überraschungen.

Das In-Programm, das offizielle, hat eine neue, junge Direktion. Und die hatte die Idee, jedes Jahr einen Gastregisseur einzuladen, der mit seinen eigenen Arbeiten vertreten ist, vor allem aber auch die Einladungspolitik weitgehend mitbestimmt. Der "Gastdirektor" war in diesem Jahr Thomas Ostermeier, Direktoriumsmitglied der Berliner Schaubühne. So gab es denn Ostermeier satt. Nora, Woyzeck, Disco Pigs. Weniger massiv vertreten, aber bis auf Schlingensief denn doch, die anderen Großkopfeten des gegenwärtigen deutschen Regietheaters. Sasha Waltz (Impromtus), Christoph Marthaler (Groundings), René Pollesch (Pablo im Plusmarkt), Frank Castorf (Kokain). Es war schon eine kleine Revolution, dass das Festival mit einer deutschen Produktion eröffnet wurde, dass zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals die Sprache auf der Hauptbühne im immensen Innenhof des Papstpalastes Deutsch war, Deutsch vor einem überwiegend französischen Publikum, das die eingeblendeten Untertitel verfolgte.

Für dieses Publikum boten die Deutschen, vom Woyzeck im Berliner Plattenbau auf der Bühne bis zu den Regisseuren selbst im Interview, ein seltsames, manchmal höflich, manchmal sogar begeistert beklatschtes Spektakel. Ein bisschen zu wild, ein bisschen zuviel Wasser auf der Bühne, ein bisschen zuviel "Scheiße" und sonstiger Sturm und Drang, ein bisschen zuviel Lust am Untergang. Aber das kennt man ja von den Deutschen, dafür hat man sie ja. Sie und Rodrigo Garcia, der auch die ersten Zuschauerreihen mit Wasser, Blut und Milch bespritzen ließ. Den Witz findet man freilich nicht immer witzig, vor allem, wenn noch Marthalers Schweizer ins Spiel kommen.

Die jungen und nicht mehr so ganz jungen Wilden des deutschen Theaters haben auf allen Bühnen und allen Kanälen Tacheles geredet. Von Woyzeck, dem ersten Sozialfall auf der Bühne. Von der Globalisierung. Vom politischen Theater, das man mache, jawoll. Und man hat Kraft gezeigt beim Willen zum Untergang. Aber die einzige Revolution blieb denn doch, dass das Eröffnungspektakel auf Deutsch war. Wenn man das eine Revolution nennen will. Man fürchtet manchmal, dass es den starken Männern die gegenwärtigen deutschen Bühne so gehen könnte wie dem Hofmeister des Stürmers und Drängers Lenz. Mangels anderer Möglichkeiten schneidet er sich den Schwanz ab. Wäre es ihre Schuld? Wohl nicht. Keine Gefahr jedenfalls. Es ist ja alles nur Theater.


00:00 30.07.2004

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