Anke Domscheit-Berg
01.08.2011 | 08:00 5

Viel Glück, Pionierinnen

Quote Qualifiziert sind sie. Deshalb öffnet Personalpolitik mit wirtschaftlichem Augenmaß Frauen die Türen in die Vorstände

Zur Quote für die Erhöhung des Anteils von Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten ist viel gesagt und geschrieben worden. Immer öfter wünsche ich mir, damit sei endlich einmal Schluss, das Thema sollte doch durch sein. Aber noch haben wir sie nicht und solange wird die Auseinandersetzung damit bei BefürworterInnen und GegnerInnen weitergehen. Bis ca. 2013 wird also weiter diskutiert, vermutlich stark polarisierend. Danach kehren hoffentlich Ruhe und ein paar neue Themen ein – so zumindest war es seinerzeit in Norwegen. Auch dort wurden geradezu wortgleiche Bedenken ins Feld geführt, der Untergang des Abendlandes wurde prophezeit, ein Absinken der Qualifikationen in quotierten Aufsichtsräten, ein Abwandern von Unternehmen, das Versagen von überforderten weiblichen Topmanagern, ein ohnehin rein zahlenmäßig gar nicht stillbarer Mangel an geeigneten Frauen und – natürlich – die Vorhersage des Quotenvorwurfs für jede einzelne Frau, die jemals in irgendeine Toppositionen gelangen wird, mit den einhergehenden emotionalen Belastungen für die arme Frau. Ach ja.

Inzwischen wissen wir alle, dass diese Folgen in Norwegen nicht eingetreten sind. Mögen die ersten Frauen noch Quotenfrauen genannt worden sein, so hat sich das Label schnell verschlissen – so wie heute keiner mehr Spitzenpolitikerinnen der Grünen Quotenfrauen nennen würde. Ein erster Blick in die neuen Aufsichtsräte Norwegens zeigt, dass die inzwischen ca. 40 Prozent Frauen im Durchschnitt sogar eine höhere Qualifikation aufweisen als ihre männlichen Kollegen. Offenbar gab es nicht nur zahlenmäßig sondern auch hinsichtlich der Qualifikation genug Frauen. Folgerichtig ist die Wirtschaft Norwegens auch nicht zusammengebrochen. Kaum ein Jahr, nachdem das Gesetz in Kraft trat, ist diese ganze leidige Quotendiskussion, die dort ebenso feurig geführt wurde wie bei uns, aus der öffentlichen Debatte verschwunden. Diesen Prozess haben wir noch vor uns, immerhin besteht Hoffnung.

Bis wir dahin kommen, müssen wir wohl erst durch das argumentative Tal der Tränen. Man kann die merkwürdige Berichterstattung rund um die neuen Frauen in den Vorständen der DAX30-Unternehmen nicht ignorieren. Da ist auch hier im Freitag die Rede von „Quereinsteigerinnen in die Leistungsgesellschaft“, in anderen Medien wird drastisch von einer „zu versorgenden Parteifrau“ geschrieben – gemeint ist Marion Schick, künftiger Personalvorstand der Deutschen Telekom. Eine Führungskraft als „zu entsorgende Amtsträgerin mit ungenügender Qualifikation“ zu bezeichnen, die auf eine fast 30-jährige Karriere zurückblickt, davon genau 14 Monate in einem politischen Amt (Bildungsministerin in Baden-Württemberg), die anderen jedoch in Unternehmen wie Allianz, ADAC, Optische Werke Rodenstock oder in herausragenden Rollen der Wissenschaft – u.a. als Präsidentin der Hochschule München – und vorwiegend mit Schwerpunkt Personalwesen, ist bei freundlicher Beurteilung oberflächlich und falsch. Ohne rosa Brille kann man das jedoch nur als perfide und diskriminierend bezeichnen. Im gleichen Atemzug wird auch noch prognostiziert, diese Art von neuen Vorständen kann ja nur scheitern – mangels Qualifikation.

Verdienstkreuz für Obermann

Ähnliches durfte Christine Hohmann-Dennhardt, neues Vorstandsmitglied bei Daimler, erleben, die zwar als Ex-Bundesverfassungsrichterin hervorragend geeignet ist, ihr Zuständigkeitsgebiet „Integrität und Recht“ auszufüllen, aber der man dennoch mangelnde Kompetenz in Wirtschaftsfragen und damit mangelnde Eignung für eine DAX30-Vorstandsposition vorwarf. Ein weibliches Vorstandsmitglied muss offenbar eine eierlegende Wollmilchsau sein, um den Minimumanforderungen der männlichen Kritiker zu genügen. Wozu man einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften braucht, wenn man als Vorstand für Rechtsfragen agiert, das verstehe ich vermutlich mangels Doktortitel nicht.

Diese Muster sind steinalt. Erst wird uns erzählt, qualifizierte Frauen gibt es nicht, nur weil man sie nicht suchen und finden möchte. Wenn dann doch jemand suchen und finden will und wie die Deutsche Telekom erfolgreich damit ist, dann beschließen die Ewiggestrigen, die klaren Fakten einfach zu ignorieren und ihr Märchen von der mangelnden Qualifikation einfach weiter zu behaupten. Wünschen wir den Pionierinnen, die diese neuen Vorstandsfrauen ja wirklich sind, eine eherne Gelassenheit, diesen Unsinn einfach zu ignorieren. Wünschen wir ihnen eine Teflonschicht, die vor Bullshit schützt.

Widersprüchlich sind jedoch auch diejenigen, die sich (gern auch unter feministischem Schirm) darüber aufregen, dass sich ein Herr Obermann von der Deutschen Telekom nun als Held feiern lässt. Wann und wo genau hat sich denn der Vorzeigevorstand feiern lassen? Das muss mir entgangen sein. Im Übrigen würde ich ihn selbst gern gemeinsam mit seinem Noch-Personalvorstand Sattelberger für das Bundesverdienstkreuz vorschlagen – Gutes soll auch anerkannt werden. Immerhin hat der öffentliche und klare Schritt dieses Unternehmens in Richtung Quote mehr Bewegung für Chancengleichheit von Frauen und Männern in die deutschen Topetagen gebracht, als so mancher feministische Diskurs. Wie kann man jahrelang mehr Frauen in Vorständen fordern und dann ein Haar in der Suppe suchen, wenn ein Unternehmen diese Forderungen umsetzt? Mir ist völlig egal, was die Motivation der Telekom-Führungsspitze ist. Ich bin auch heilfroh, wenn endlich nicht mehr das Ähnlichkeitsprinzip und damit subjektive und Frauen benachteiligende Faktoren sondern der Blick auf die tatsächlichen wirtschaftlichen Effekte der Verwirklichung weiblicher und männlicher Talente bei Besetzungsentscheidungen eine Rolle spielen. Das nämlich öffnet Frauen Tür und Tor in den Vorständen. Qualifiziert genug sind sie, das können sie auch gern beweisen, wenn man sie nur lässt.

Vom Recht aufs Scheitern

Das heißt natürlich nicht, dass Frauen in Toppositionen niemals scheitern. Warum sollte es ihnen da grundsätzlich anders ergehen als Männern? Von solchen liest man täglich in den Wirtschaftsblättern, ganze Bücher befassen sich mit den „Nieten in Nadelstreifen“. Die Wirtschaftskrise wurde auch nicht von einem Heer weiblicher Finanzakrobaten verursacht. Aber wann und wo ist bei einer vorzeitigen Entlassung eines Topmanagers die Rede davon, dass hier ein Mann stellvertretend für alle Männer scheiterte? Warum also soll jede Frau, von der sich zufällig jetzt ein Unternehmen trennt, stellvertretend für alle Frauen stehen und ein Symbol darstellen für das Scheitern der „Quotenfrauen“? Das ist blanker Unsinn. Natürlich können auch Frauen eine Fehlbesetzung sein, natürlich können auch sie scheitern. An dieser schrägen Interpretation, die sich auch in den „Leitmedien“ findet, erkennen wir bestenfalls eins – dass Frauen in Vorständen doch noch nicht normal sind. Dass sie zu wenige sind, zu sehr als „Token“ für alle Frauen wahrgenommen werden. Und auch deshalb brauchen wir die Quote. Mit Masse zieht Normalität ein.

Man sollte auch aus einem anderen Grund vorsichtig sein, wenn man vom Scheitern der einen oder anderen Pionierin liest. Es muss mitnichten an der fachlichen Kompetenz gelegen haben, wenn das „Experiment“ misslang. Ich weiß, wie frau sich fühlt in einer Außenseiterrolle, wenn Mitarbeiter und Führungskollegen einem suggerieren, dass sie nicht glauben, dass man den Job machen kann – obwohl man gerade erst gekommen ist und jede Menge Erfahrung und Kompetenz mitbringt. Ich weiß, wie Männer mauern können, wenn sie auf Eindringlinge keinen Bock haben, wenn sie subtil und weniger subtil mobben, um wieder unter sich sein zu können, weil das einfacher und angenehmer für sie ist. Auf jeder Führungsebene kann man jederzeit effektiv sabotiert werden. Wer von uns weiß, was dort ablief hinter verschlossenen Türen? Und gehören zu einer Beziehung nicht immer zwei? Von außen urteilt es sich leicht, manchmal zu leicht.

Ich mag aber auch nicht mehr lesen vom „gnadenlosen Zickenkrieg“, den Frauen nun, da es mehr von ihnen gibt, in Führungsetagen anzetteln. Ich habe 15 Jahre in verschiedenen Unternehmen gearbeitet, mehr als 10 Jahre davon in verschiedensten Führungspositionen. Ich habe mehr als 1.000 Managerinnen aus Unternehmen jeder Größenordnung geschult und dabei viel von ihren Erfahrungen gelernt. Keine einzige hat jemals von einer Tendenz zum Zickenkrieg erzählt. Nein, Frauen sind nicht die besseren Menschen. Frauen sind auch nicht alle Schwestern. Sie sind Gegnerinnen und Konkurrentinnen, gute und schlechte Vorgesetzte, sie üben Widerspruch und machen das mehr oder weniger konstruktiv. Sie unterscheiden sich darin kaum von ihren männlichen Geschlechtsgenossen. Vom fiesen Strippenziehen, bei dem am Ende ein Konkurrent das Messer im Rücken hatte, habe ich jedoch viel häufiger im Zusammenhang mit Männern gehört. Dennoch hat das kein Mensch je als Krieg der Ziegenböcke bezeichnet. Ich wünsche mir, das diskriminierende „Zickenkrieg“, das nur im Zusammenhang mit Frauen verwendet wird, landet endlich auf dem Friedhof für überflüssige Begriffe, gleich neben der „Rabenmutter“.

Anke Domscheit-Berg, Jahrgang 1968, Gründerin von fempower.me, war bis März 2011 Direktorin bei Microsoft Deutschland. Seit 10 Jahren trainiert sie Frauen in Führungspositionen und berät Unternehmen, die den Frauenanteil im Management erhöhen wollen

Kommentare (5)

Avatar
Ehemaliger Nutzer 01.08.2011 | 16:12

Ist das noch der zeitgemässe Titel für einen Beitrag mit ansonsten doch durchgängig vertretbaren Positionen? Ist es noch zeitgemäß, von " Pionierinnen" zu sprechen? Ich glaube, das ist schon lange nicht mehr notwendig.
Wer es noch tut, stellt für die Frauen das Erreichte nachträglich zur Diskussion. Meist sind bei uns in Deutschland, nicht nur im zitierten Norwegen, die Frauen besser qualifiziert, motivierter, eher fachlich als karriereseitig orientiert und damit oft wirklich die geeigneteren Kandidaten, wenn es darum geht, nach der Kompetenz zu besetzen. Ich habe fast mein ganzes Berufsleben in der Geschäftsführung in Unternehmen mit einem Frauenanteil von rund 80 % gearbeitet und war danach nicht sehr gut in der Lage, mich noch einmal im metallverarbeitenden " Männerbetrieb" mit rechthaberischen, auch wegen ihrer Herkunft und Beziehungen so schrecklich wichtigen und launischen Männern auseinander zu setzen.

Dort spielte es eine viel zu grosse Rolle, wie lange die Burschen schon da waren, wen sie alles kennen und dass sie alles richtig machen, weil sie es schon immer so machen, wie sie es machen, auch wenn sie es manchmal schon dreissig Jahre verkehrt machten. Deshalb schnell zurück, in das sehr viel attraktivere und sachlichere Reich eines " Frauenunternehmens".

Von " Zickenkrieg" kann ich aus 20 Jahren genau so wenig berichten, wie die Autorin. Die Frauen haben jetzt viel besser verstanden, worum es im Berufsleben geht. Pragmatischer als ihre männlichen jungen Kollegen, die " Knäblein" von 20 oder 22 Jahren, wissen sie, dass es um Kompetenz und Erfolg geht und es ist zunächst noch egal, wie viele Vorstände weiblichen Geschlechts es in den DAX - Unternehmen gibt. Quoten sind falsch, das kann man bei Frau Dr. Merkel als doppelte Quote, als "Quotenossifrau" ganz schlimm jeden Tag sehen. Das bringt Schande über's Geschlecht.

Noch besser: Geschlechtsneutrale Bewerbungsverfahren, da könnten alle transparent sehen, wer den Job, vermutlich denke ich, am besten können dürfte, wenn es nach der Papierform gehen sollte. Aber die kann auch so oder so sein....

Maxi Scharfenberg
(KPM)

Calvani 03.08.2011 | 09:29

Wie schade, liebe Maxi, dass Sie "Frauenunternehmen" vorziehen! Mir scheint diese Einstellung kein Stück besser zu sein als die bisherige Reserviertheit mancher Männer gegenüber Frauen in bestimmten Berufen und Positionen. Sie führen für Ihre Präferenz zwar sachliche Gründe ins Feld, weil nach Ihrer Beobachtung Frauen besser qualifiziert und motiviert sind, aber das würden vermutlich auch einige Männer über ihre männlichen Kollegen sagen... Ist das dann nicht genau die Art von Diskriminierung, die wir Frauen doch bei vielen Männern zu bemängeln haben?
Außerdem beklagt Domscheit-Berg im obigen Artikel, dass die Frauen, die es in Spitzenpositionen schaffen, als Pars pro Toto genommen werden, insbesondere wenn sie die an sie herangetragenen Ansprüche nicht erfüllen. Aber genau das tun Sie, liebe Maxi, indem Sie Merkel stellvertretend zur "Quotenfrau" erklären und als Argument gegen die Quote anführen.
Ich frage mich daher, inwiefern Sie sich dem Artikel anschließen und im gleichen Atemzug so konträr zu seinem Inhalt kommentieren können...

zelotti 03.08.2011 | 15:10

Die Idee von "Frauen in Führungspositionen" hat etwas sehr Kleinbürgerliches als Vision, und in der Tat ist es die Comprador Bourgeoisie in Reinkultur.

Wer nämlich für eine Schurkenfirma aus den Ausland den Clown macht, weil sie Frauen als Alleinstellungsmerkmal in ihrer Vertriebs- und Lobbyorganisation fördert, deren ganze Aufgabe darin besteht der Öffentlichkeit und der Politik breit zu erzählen wie toll es ist "als Frau" in einer Führungsposition bei diesem Unternehmen zu sein, der hintergeht ein linkes Projekt und einen emanzipatorischen Zugang zu den streng kontrollierten Produktionsmitteln.

Wer einmal für die Tabklobby der Software arbeitet, der hat bei mir sowieso ausgeschissen! Eine Compradorin steht gegen die Interessen der Arbeiterinnenschaft. Die Idee des weiblichen Führungskults verweist auf eine sehr parafaschistische Note dieser Ideologie.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 03.08.2011 | 18:43

Liebe Calvani, ganz schlüssig konnte und wollte ich nicht sein, sonst hätte ich dem Werk mit zuviel Kritik den Glanz genommen und deshalb diente ich mich vielleicht zu sehr an, so könnte man das deuten. Sie haben es bemerkt und ich sah es leider erst, als ich auf die ENTER Taste gedrückt hatte. Ich bin übrigens nicht aus ideologischer Verbrämtheit der Meinung, dass tendenziell die weiblichen aufstrebenden Karrieristen und das muss nichts Negatives sein, besser zu sein scheinen als die Buben, sondern aus eigener jahrelanger Beobachtung und Überzeugung. Den Buben kann ich nicht dabei helfen, nun ihrerseits für eine Zeit in die unterdrückte Wahrnehmung und permanente Erfolglosigkeit zu geraten, die haben es, fast hätte ich gesagt, nicht besser verdient, nein, ich denke eher, es ist ein Prozess in der Berufswelt im Gange, der erst einmal in die Gegenrichtung führt und Extreme der Ungerechtigkeit vorführt, bis sich die Bemühungen um den Erfolg im Beruf ausgeglichen haben und tatsächlich von einer Chancengleichheit der Geschlechter gesprochen werden kann. Davon sind wir in D noch weit entfernt. Insofern bin ich über jede Thematisierung dankbar und froh, wenn sich zum Beispiel Frau Domscheit-Berg der Thematik widmet. Gleichzeitig bin ich unglücklich damit, wenn daraus Forderungen nach dem geschlechtsspezifischen Bevorzugen der Frauen um ihrer Geschlechtszugehörigkeit willen abgeleitet werden. Das halte ich für falsch und wohin Quoten führen, auch die unausgesprochenen und um der Korrektheit Willen im vorauseilenden Gehorsam gewährten Vorteile durch Quoten, hatte ich schon am Beispiel dargelegt. Da ich schon mit der Überschrift von Domscheit-Berg Probleme hatte und mir auch die Schlussfolgerungen zu kurz kamen, will ich bei Gelegenheit mit einem eigenen Beitrag die Diskussion anregen.

Beste Grüße
Maxi