Viel Glück, Pionierinnen

Quote Qualifiziert sind sie. Deshalb öffnet Personalpolitik mit wirtschaftlichem Augenmaß Frauen die Türen in die Vorstände

Zur Quote für die Erhöhung des Anteils von Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten ist viel gesagt und geschrieben worden. Immer öfter wünsche ich mir, damit sei endlich einmal Schluss, das Thema sollte doch durch sein. Aber noch haben wir sie nicht und solange wird die Auseinandersetzung damit bei BefürworterInnen und GegnerInnen weitergehen. Bis ca. 2013 wird also weiter diskutiert, vermutlich stark polarisierend. Danach kehren hoffentlich Ruhe und ein paar neue Themen ein – so zumindest war es seinerzeit in Norwegen. Auch dort wurden geradezu wortgleiche Bedenken ins Feld geführt, der Untergang des Abendlandes wurde prophezeit, ein Absinken der Qualifikationen in quotierten Aufsichtsräten, ein Abwandern von Unternehmen, das Versagen von überforderten weiblichen Topmanagern, ein ohnehin rein zahlenmäßig gar nicht stillbarer Mangel an geeigneten Frauen und – natürlich – die Vorhersage des Quotenvorwurfs für jede einzelne Frau, die jemals in irgendeine Toppositionen gelangen wird, mit den einhergehenden emotionalen Belastungen für die arme Frau. Ach ja.

Inzwischen wissen wir alle, dass diese Folgen in Norwegen nicht eingetreten sind. Mögen die ersten Frauen noch Quotenfrauen genannt worden sein, so hat sich das Label schnell verschlissen – so wie heute keiner mehr Spitzenpolitikerinnen der Grünen Quotenfrauen nennen würde. Ein erster Blick in die neuen Aufsichtsräte Norwegens zeigt, dass die inzwischen ca. 40 Prozent Frauen im Durchschnitt sogar eine höhere Qualifikation aufweisen als ihre männlichen Kollegen. Offenbar gab es nicht nur zahlenmäßig sondern auch hinsichtlich der Qualifikation genug Frauen. Folgerichtig ist die Wirtschaft Norwegens auch nicht zusammengebrochen. Kaum ein Jahr, nachdem das Gesetz in Kraft trat, ist diese ganze leidige Quotendiskussion, die dort ebenso feurig geführt wurde wie bei uns, aus der öffentlichen Debatte verschwunden. Diesen Prozess haben wir noch vor uns, immerhin besteht Hoffnung.

Bis wir dahin kommen, müssen wir wohl erst durch das argumentative Tal der Tränen. Man kann die merkwürdige Berichterstattung rund um die neuen Frauen in den Vorständen der DAX30-Unternehmen nicht ignorieren. Da ist auch hier im Freitag die Rede von „Quereinsteigerinnen in die Leistungsgesellschaft“, in anderen Medien wird drastisch von einer „zu versorgenden Parteifrau“ geschrieben – gemeint ist Marion Schick, künftiger Personalvorstand der Deutschen Telekom. Eine Führungskraft als „zu entsorgende Amtsträgerin mit ungenügender Qualifikation“ zu bezeichnen, die auf eine fast 30-jährige Karriere zurückblickt, davon genau 14 Monate in einem politischen Amt (Bildungsministerin in Baden-Württemberg), die anderen jedoch in Unternehmen wie Allianz, ADAC, Optische Werke Rodenstock oder in herausragenden Rollen der Wissenschaft – u.a. als Präsidentin der Hochschule München – und vorwiegend mit Schwerpunkt Personalwesen, ist bei freundlicher Beurteilung oberflächlich und falsch. Ohne rosa Brille kann man das jedoch nur als perfide und diskriminierend bezeichnen. Im gleichen Atemzug wird auch noch prognostiziert, diese Art von neuen Vorständen kann ja nur scheitern – mangels Qualifikation.

Verdienstkreuz für Obermann

Ähnliches durfte Christine Hohmann-Dennhardt, neues Vorstandsmitglied bei Daimler, erleben, die zwar als Ex-Bundesverfassungsrichterin hervorragend geeignet ist, ihr Zuständigkeitsgebiet „Integrität und Recht“ auszufüllen, aber der man dennoch mangelnde Kompetenz in Wirtschaftsfragen und damit mangelnde Eignung für eine DAX30-Vorstandsposition vorwarf. Ein weibliches Vorstandsmitglied muss offenbar eine eierlegende Wollmilchsau sein, um den Minimumanforderungen der männlichen Kritiker zu genügen. Wozu man einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften braucht, wenn man als Vorstand für Rechtsfragen agiert, das verstehe ich vermutlich mangels Doktortitel nicht.

Diese Muster sind steinalt. Erst wird uns erzählt, qualifizierte Frauen gibt es nicht, nur weil man sie nicht suchen und finden möchte. Wenn dann doch jemand suchen und finden will und wie die Deutsche Telekom erfolgreich damit ist, dann beschließen die Ewiggestrigen, die klaren Fakten einfach zu ignorieren und ihr Märchen von der mangelnden Qualifikation einfach weiter zu behaupten. Wünschen wir den Pionierinnen, die diese neuen Vorstandsfrauen ja wirklich sind, eine eherne Gelassenheit, diesen Unsinn einfach zu ignorieren. Wünschen wir ihnen eine Teflonschicht, die vor Bullshit schützt.

Widersprüchlich sind jedoch auch diejenigen, die sich (gern auch unter feministischem Schirm) darüber aufregen, dass sich ein Herr Obermann von der Deutschen Telekom nun als Held feiern lässt. Wann und wo genau hat sich denn der Vorzeigevorstand feiern lassen? Das muss mir entgangen sein. Im Übrigen würde ich ihn selbst gern gemeinsam mit seinem Noch-Personalvorstand Sattelberger für das Bundesverdienstkreuz vorschlagen – Gutes soll auch anerkannt werden. Immerhin hat der öffentliche und klare Schritt dieses Unternehmens in Richtung Quote mehr Bewegung für Chancengleichheit von Frauen und Männern in die deutschen Topetagen gebracht, als so mancher feministische Diskurs. Wie kann man jahrelang mehr Frauen in Vorständen fordern und dann ein Haar in der Suppe suchen, wenn ein Unternehmen diese Forderungen umsetzt? Mir ist völlig egal, was die Motivation der Telekom-Führungsspitze ist. Ich bin auch heilfroh, wenn endlich nicht mehr das Ähnlichkeitsprinzip und damit subjektive und Frauen benachteiligende Faktoren sondern der Blick auf die tatsächlichen wirtschaftlichen Effekte der Verwirklichung weiblicher und männlicher Talente bei Besetzungsentscheidungen eine Rolle spielen. Das nämlich öffnet Frauen Tür und Tor in den Vorständen. Qualifiziert genug sind sie, das können sie auch gern beweisen, wenn man sie nur lässt.

Vom Recht aufs Scheitern

Das heißt natürlich nicht, dass Frauen in Toppositionen niemals scheitern. Warum sollte es ihnen da grundsätzlich anders ergehen als Männern? Von solchen liest man täglich in den Wirtschaftsblättern, ganze Bücher befassen sich mit den „Nieten in Nadelstreifen“. Die Wirtschaftskrise wurde auch nicht von einem Heer weiblicher Finanzakrobaten verursacht. Aber wann und wo ist bei einer vorzeitigen Entlassung eines Topmanagers die Rede davon, dass hier ein Mann stellvertretend für alle Männer scheiterte? Warum also soll jede Frau, von der sich zufällig jetzt ein Unternehmen trennt, stellvertretend für alle Frauen stehen und ein Symbol darstellen für das Scheitern der „Quotenfrauen“? Das ist blanker Unsinn. Natürlich können auch Frauen eine Fehlbesetzung sein, natürlich können auch sie scheitern. An dieser schrägen Interpretation, die sich auch in den „Leitmedien“ findet, erkennen wir bestenfalls eins – dass Frauen in Vorständen doch noch nicht normal sind. Dass sie zu wenige sind, zu sehr als „Token“ für alle Frauen wahrgenommen werden. Und auch deshalb brauchen wir die Quote. Mit Masse zieht Normalität ein.

Man sollte auch aus einem anderen Grund vorsichtig sein, wenn man vom Scheitern der einen oder anderen Pionierin liest. Es muss mitnichten an der fachlichen Kompetenz gelegen haben, wenn das „Experiment“ misslang. Ich weiß, wie frau sich fühlt in einer Außenseiterrolle, wenn Mitarbeiter und Führungskollegen einem suggerieren, dass sie nicht glauben, dass man den Job machen kann – obwohl man gerade erst gekommen ist und jede Menge Erfahrung und Kompetenz mitbringt. Ich weiß, wie Männer mauern können, wenn sie auf Eindringlinge keinen Bock haben, wenn sie subtil und weniger subtil mobben, um wieder unter sich sein zu können, weil das einfacher und angenehmer für sie ist. Auf jeder Führungsebene kann man jederzeit effektiv sabotiert werden. Wer von uns weiß, was dort ablief hinter verschlossenen Türen? Und gehören zu einer Beziehung nicht immer zwei? Von außen urteilt es sich leicht, manchmal zu leicht.

Ich mag aber auch nicht mehr lesen vom „gnadenlosen Zickenkrieg“, den Frauen nun, da es mehr von ihnen gibt, in Führungsetagen anzetteln. Ich habe 15 Jahre in verschiedenen Unternehmen gearbeitet, mehr als 10 Jahre davon in verschiedensten Führungspositionen. Ich habe mehr als 1.000 Managerinnen aus Unternehmen jeder Größenordnung geschult und dabei viel von ihren Erfahrungen gelernt. Keine einzige hat jemals von einer Tendenz zum Zickenkrieg erzählt. Nein, Frauen sind nicht die besseren Menschen. Frauen sind auch nicht alle Schwestern. Sie sind Gegnerinnen und Konkurrentinnen, gute und schlechte Vorgesetzte, sie üben Widerspruch und machen das mehr oder weniger konstruktiv. Sie unterscheiden sich darin kaum von ihren männlichen Geschlechtsgenossen. Vom fiesen Strippenziehen, bei dem am Ende ein Konkurrent das Messer im Rücken hatte, habe ich jedoch viel häufiger im Zusammenhang mit Männern gehört. Dennoch hat das kein Mensch je als Krieg der Ziegenböcke bezeichnet. Ich wünsche mir, das diskriminierende „Zickenkrieg“, das nur im Zusammenhang mit Frauen verwendet wird, landet endlich auf dem Friedhof für überflüssige Begriffe, gleich neben der „Rabenmutter“.

Anke Domscheit-Berg, Jahrgang 1968, Gründerin von fempower.me, war bis März 2011 Direktorin bei Microsoft Deutschland. Seit 10 Jahren trainiert sie Frauen in Führungspositionen und berät Unternehmen, die den Frauenanteil im Management erhöhen wollen

08:00 01.08.2011

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