Viel Kalkül

Demonstrativ Die Geiselbefreiung hinterlässt unerwünschte Spuren in der Öffentlichkeit

Die Erleichterung über die Beendigung des Geiseldramas in Moskau ist bedrückend schnell einem allgemeinen Erschrecken über das Vorgehen der russischen Eingreiftruppe gewichen. Jedes Detail, das entgegen der mangelnden Informationspolitik der russischen Stellen darüber an die Öffentlichkeit dringt, scheint den von Präsident Putin so stolz deklarierten "Erfolg gegen den Terror" mit einem bitteren Beigeschmack zu versehen, wenn nicht gar ins Gegenteil zu verkehren. Über diesen merkwürdigen Umweg erfüllt sich etwas, was vielleicht nicht das primäre Interesse der Geiselnehmer war, wohl aber ein zentrales Anliegen derer sein könnte, die sie zu vertreten behaupteten: Mit der Kritik an der Geiselbefreiung ist auch die Art und Weise gemeint, mit der die Russen den Krieg in Tschetschenien führen. Denn im Einsatz der Mittel, im strategischen Kalkül, den Tod Unschuldiger billigend in Kauf zu nehmen und den Tätern keinerlei Rechtsstatus zuzugestehen, gleicht der Eingriff im Musical-Theater Nord-Ost dem militärischen Vorgehen Russlands im Kaukasus.

Der Vergleich legt andererseits auch nahe, dass sich die russische Seite im Tschetschenienkrieg in einem ähnlichen Dilemma befindet wie nun angesichts der Geiselnahme in Moskau - wobei die Funktion der Geiseln dort wechselweise die Zivilbevölkerung, die rechtsstaatliche Ordnung oder ganz allgemein der Frieden einnimmt. Immer gleich bleibt aber die Tatsache, dass zur Demonstration einer Strategie der Stärke auf ihre Kosten Abstriche gemacht werden.

Aus den versprengt bekannt werdenden Details der Geiselnahme lässt sich nur mühsam ein einheitliches Bild der Geschehnisse zusammensetzen. Einiges spricht dafür, dass - so paradox das auch klingen mag - eine gewisse Art Sympathiewerbung eines der Ziele der Terroristen gewesen zu sein scheint. Mit der Freilassung einiger Geiseln zu Beginn, der Erlaubnis zur Handy-Kommunikation mit den Angehörigen und der ausdrücklichen Aufforderung, diese zu Demonstrationen gegen den Tschetschenienkrieg zu bewegen, wollten die Geiselnehmer nicht nur unter Beweis stellen, "keine Unmenschen" zu sein, sondern setzten wohl auch darauf, in ganz Moskau eine Art Stockholm-Syndrom auszulösen. Erste Anzeichen dafür, dass diese Strategie aufgehen könnte, sorgten bei der russischen Regierung zusätzlich für Zeitdruck. In den Reaktionen der Bevölkerung trat nämlich zu Tage, dass ihre Zustimmung zum Krieg in Tschetschenien nur solange gilt, wie verschwiegen und tabuisiert wird, dass dieser Krieg täglich Opfer kostet. Die Bereitschaft, den Tod von Angehörigen hinzunehmen im Kampf um ein Tschetschenien, das den meisten gleichgültig und fern ist, erscheint sehr gering.

Auf der anderen Seite erfüllten die tschetschenischen Geiselnehmer in ihrem Auftreten mit um den Leib gebundenen Sprengsätzen, zum Selbstmordattentat bereit, mehr denn je genau das Bild, das Putin seit seinem Amtsantritt als Premierminister 1999 noch unter Jelzin von ihnen zeichnete: Terroristen, wie sie weltweit agieren. Für Putin war diese Gleichsetzung stets ein wichtiges Argument, um im Ausland der Kritik am Tschetschenienkrieg zu begegnen. Nach dem 11. September 2001 war der Preis, den der Westen für Putins Unterstützung in der Anti-Terror-Allianz zu bezahlen hatte, die Akzeptanz dieses Arguments. Über die tatsächlichen Verbindungen von tschetschenischen Kämpfern zu al Qaida gibt es nur Spekulationen; dass eine Annäherung in Ideologie und Methoden sich jedoch als eine Art selbsterfüllende Prophezeiung vollziehen könnte, darauf gab die Geiselnahme in Moskau einen ersten Vorgeschmack.

Mit der Befreiung glaubte die russische Seite, Stärke und Nichterpressbarkeit zu demonstrieren. Die schrecklichen Details über den Gas-Einsatz, die nun an die Öffentlichkeit dringen, die Nachricht von der gezielten Exekution narkotisierter Terroristen und eine Informationspolitik, deren einziges Interesse zu sein scheint, vermeintliche Militärgeheimnisse zu schützen, selbst wenn dabei die essentiellen Bedürfnisse derer, die man zu schützen vorgibt, verletzt werden - das alles wirft, wie gesagt, ein bezeichnendes Licht auf das russische Vorgehen im Kaukasus.

Die Kritik daran wird nun hoffentlich den Druck auf die russische Seite wieder erhöhen, den einzigen Weg zum möglichen Frieden einzuschlagen: nämlich Verhandlungen zu führen. Auch wenn das Hauptargument Moskaus gegen Verhandlungen stets dasselbe bleibt: es gäbe keine Verhandlungspartner auf der anderen Seite, sondern nur Terroristen. Ein Argument, das aus Nordirland genauso bekannt ist wie aus dem Nahen Osten; wer Frieden will, muss darauf eine Antwort finden.

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00:00 01.11.2002

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