Viel Qualm

Raucher in der Ecke Schröder will ja nicht teilen und ganz allein genießen, was ihm den Blick auf die Realitäten vernebelt

Meine persönliche Bilanz der ersten und vielleicht einzigen Regierung Schröder fiele vielleicht anders aus, hätte der Kanzler mir eine seiner Zigarren abgegeben - auch ich rauche meine, allerdings so viel billigeren Stumpen und ob ich nicht vielleicht doch auch korrumpierbar wäre, diesen Test müsste ich erst noch bestehen. Aber Schröder wollte ja seine dicken Dinger mit den Bossen zusammen in schlechte Luft auflösen, und so bleibt mir nichts anderes übrig, seine Regierung an dem zu messen, was er selbst vor der Wahl vorgegeben hat: daran, ob es ihm gelänge, die Arbeitslosigkeit deutlich zu verringern. Das ist ihm nun nicht gelungen, und so wird er sich wahrscheinlich mächtig darüber ärgern, dass er dem noch hinzugefügt hat, ganz zu Recht wieder abgewählt zu werden, wenn er darin keinen Erfolg haben sollte. Wir Wähler wissen zwar mittlerweile alle, was von Wahlversprechen zu halten ist, doch hilft hier der Zynismus allein nicht weiter und selbst, wenn mir Schröder noch durch seinen Fahrer eine seiner besten kubanischen Zigarren schickte, könnte ich ihm nicht mehr helfen, wenn ihn nun das selbst prophezeite Schicksal ereignen sollte, abgewählt zu werden. Und das ja dann auch noch, nach eigener Wertung, zu Recht. Musste er das denn sagen? Warum so rumtönen? Warum so omnipotent erscheinen wollen?
Wahrscheinlich musste er und wenn nicht dies, dann etwas Vergleichbares sagen, was den Menschen, die nicht so viele teure Zigarren rauchen können, mehr bedeutete, als das Versprechen, vieles besser machen zu wollen - besser als Kohl wohlgemerkt. Auch wenn Schröder sich gegen seine eigene Partei und deren Funktionärsschicht profiliert hat, so musste der Wähler dann eben doch sein Kreuzchen bei der SPD machen, der Sozialdemokratischen Partei. Verflixter Name das: sozial und demokratisch und wie ich Schröder kenne, hätte er seine Partei wahrscheinlich lieber in Mittige Partei der Mitte umbenannt - aber, was soll man machen, die Deutschen sind halt so strukturkonservativ. Dumm auch, dass den Leuten das langsam dämmert, dass sich hier eine politische Klasse herausgebildet und von uns, die wir sie auch noch wählen und bestätigen sollen, abgesondert hat. Und nun aber wird es dann doch noch ganz Ernst, gerät damit doch die repräsentative Demokratie in eine Legitimationskrise, wenn wir Wähler davon ausgehen müssen, dass die, die uns repräsentieren sollen, vielmehr sich selbst und eine eigene Klasse repräsentieren. Zumindest mit dem Selbstverständnis des Systems kollidiert dies und die vielen Illusionen, mit denen wir es immer zu tun haben, wenn von der hehren Demokratie die Rede ist, die kratzt es an. Hier hälfe sicher eine gute Zigarre weiter, hinter deren Qualm wir uns in Zynismus üben könnten - doch Schröder will ja nicht teilen und das ganz allein genießen, was ihm den Blick auf die Realitäten vernebelt. Eine strukturelle Blindheit ist das (wenn man sich darunter etwas vorstellen kann), daran liegt es jedenfalls nicht, dass sie etwa böswillige Ignoranten wären oder komplette Idioten, diese Politiker, wenn ihnen immer wieder aus dem Blick gerät, was das Leben der vielen Andern ausmacht. Die Lebenssituation eines Arbeitslosen ist eben für diese Leute, die soviel arbeiten wie Politiker dies tun müssen, wollen, dürfen, irgendwann nicht mehr nachvollziehbar. Wer für so wichtig genommen wird, versteht das eben irgendwann nicht mehr, was es bedeutet, überflüssig zu sein, sich ungebraucht zu fühlen, unnütz und nichts mehr wert, einfach nur unwichtig - der Eindruck kommt doch nicht von Ungefähr, dass sich die Politiker nicht wirklich darum kümmern, etwas gegen die Arbeitslosigkeit zu tun, die ihnen nur ab und an mal wieder einzufallen scheint, deren verheerende emotionale, geistige Auswirkungen für die Gesellschaft als Ganzes der Politik gar nicht wirklich bewusst sind, die sich so sehr mit sich selbst beschäftigt. Man sieht ja auch immer nur die Politiker im Lichte, die Vielen im Dunkeln, die sieht man nicht. Die Einen haben eine Stimme, die Einen finden Aufmerksamkeit, ihnen ist es vergönnt, agieren, sich zu Wort melden zu können - vielen, vielen Andern aber nicht. Es ist, als existierten sie gar nicht, sie interessieren nur als Stimmvieh, Manipulationsmasse. Aber sie wollen es nicht sein und gehen sie noch wählen, dann wählen sie ab. Natürlich ist diese Legitimationskrise des demokratischen Systems ganz besonders eine, die sich auf linke Parteien auswirkt und dann einem Arbeitslosen-Kanzler doch noch zu schaffen macht. Hier wächst eine Enttäuschung, die sich nicht mehr mit dem Hinweis auffangen lässt, wie schwer steuerbar heutzutage wirtschaftliche Prozesse sind. Und es reicht auch nicht, die Leute darauf hinzuweisen, dass die politischen Gegner vielleicht sogar richtig reaktionär sind. Fast könnte man ja schon sagen, dass dort, wo linke Parteien regieren, die Gefahr von Rechts am stärksten wächst - oder ist das jetzt ein bisschen zu gemein von mir? Verdammt: der Schröder hätte eben doch mal um des sozialen Friedens willen eine Zigarre mit mir rauchen sollen. Nun ist er vielleicht selber bald seinen Job los.

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00:00 31.05.2002

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