Viel, viele Diven

Trauer Von Hannelore Elsner zu C. J. Haupt: Die Ära der Megastars geht zu Ende, eine neue Nachruf-Kultur entsteht

Der Tod von Hannelore Elsner löste eine Welle von Trauerbekundungen aus. Mit ihrem Tod ging nicht nur Elsners Leben, so schien es, sondern die Ära der Großpersönlichkeiten zu Ende. „Die letzte Diva“, so war ihr Nachruf im Spiegel betitelt. Einer der wenigen deutschen Stars sei sie gewesen, hieß es mehrfach. Nie wieder wird jemand so bekannt und bedeutsam sein, das schwingt in diesen Lamentos mit. Dieses geradezu apokalyptische Bedauern bestimmt seit Beginn der Moderne anlässlich von öffentlichkeitswirksamen Todesfällen immer wieder den öffentlichen Diskurs. Dass die Moderne den langsamen Abschied von den „großen Erzählungen“ und ihrer stabilisierenden Wirkung auf eine scheinbar allgemeingültige Werteordnung bedeutet, ist mittlerweile ein Allgemeinplatz. Interessant ist, wie der Prozess sich von den weitreichendsten bis in die kleinsten „großen Narrative“ fortsetzt. Erst starb mit Nietzsche unser Gott, mit dem Ersten Weltkrieg dann das Deutsche Kaiserreich – und jetzt auch noch Hannelore Elsner.

Chart-Erfolge? Erst posthum

Stimmt? Nein, stimmt nicht. Wer das behauptet, kommt vielleicht einfach nur aus einer Zeit, in der das Wort „Diva“ nur in der Einzahl vorkam. Als es nicht halb so viele Filme und Serien gab wie heute und man leichter den Überblick behalten konnte. Heute gibt es eben „Diven“, und zwar richtig viele. Weil die Medien, die wir konsumieren, nicht mehr nur massenfähig sind wie vormals das Kino und das Fernsehen. Sondern auch individuell, vielfältig und differenziert. Das wird von vielen als Hierarchieverflachung in der Kulturlandschaft gefeiert. Andere hingegen haben Zweifel. Wie soll man bei all der „Kultur“, die so entsteht, den Überblick behalten? Ist Kunst so noch ein gemeinsamer Nenner, über den sich die Identität einer Gemeinschaft konstituieren kann?

Diese Frage hat nicht nur mit Mechanismen der Gegenwartsbewältigung zu tun, sondern mit der Zukunft. Wenn es nämlich keine allgemein anerkannten kulturellen Instanzen mehr gibt, dann muss sich zwangsläufig auch unser „kollektives Gedächtnis“ verändern. Der Begriff des Soziologen Maurice Halbwachs meint eine Art Gruppenerinnerung, auf die jedes Gruppenmitglied zugreifen kann, auch wenn es nicht Zeuge des ursprünglichen Ereignisses gewesen ist. Das bekannteste deutsche Akademiker-Ehepaar Aleida und Jan Assmann hat diese Idee noch vertieft. Sie sprechen vom sogenannten „kulturellen Gedächtnis“ als einem Speicher aller Texte, die sich im Laufe der Geschichte durch Wiederholung in unseren Köpfen festsetzen. Durch diese Verfestigung wissen wir Tausende Jahre nach der Entstehung des Alten Testaments noch von der Vertreibung aus dem Paradies, 400 Jahre nach Shakespeare noch von der Liebe zwischen Romeo und Julia. Die Angst macht sich breit, dass es bald keine so einschlägigen Geschichten und Personen mehr geben wird. Und dass sich unser kulturelles Gedächtnis in der Folge langsam entleert.

Vielleicht tritt deswegen heute ein Genre in den Vordergrund, das dieser Entleerung entgegenwirkt: der Nachruf. Es wäre vorstellbar, dass durch das Ableben aller großen Persönlichkeiten der Nachruf ebenfalls ausstirbt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Denn der Nachruf ist ja nicht nur eine Summation bereits etablierter Berühmtheit, sondern markiert in vielen Fällen erst ihren Beginn. Richtigen Ruhm kann es sowieso erst nach dem Tod geben. Daran erinnern uns heute so unvergängliche Figuren wie Vincent van Gogh und Franz Kafka. An ihrer Ruhmbildung sind nicht nur ihre Werke beteiligt gewesen, sondern auch die Geschichten, die man sich bis heute über sie erzählt. So ungefähr heißt es auch in der Geschichtsphilosophie Hannah Arendts: Niemand kann seine Lebensgeschichte selbst machen, sie muss immer erst von jemand anderem durch eine Erzählung hervorgebracht werden. Und über Tote erzählt es sich am besten.

Der Nachruf ist also in gewisser Hinsicht auch ein Vor-Ruf. Er blickt nicht nur in die Vergangenheit, sondern verankert sein Subjekt zum Zeitpunkt von dessen Tod im kulturellen Gedächtnis, so dass seiner auch in der Zukunft gedacht werden kann. Erinnernd von denen, die es schon kannten, und entdeckend von den nachfolgenden Generationen, die es nicht miterlebt haben. Manchmal passiert es Künstlern sogar schon zu Lebzeiten, dass über sie Quasi-Nachrufe verfasst werden. So fühlt es sich an in dem gerade gestarteten Film Tea with the Dames, in dem die ins Alter gekommenen britischen Filmgrößen Eileen Atkins, Judi Dench, Joan Plowright und Maggie Smith über ihre Karrieren sprechen. Wer in den 2000ern geboren ist, wird kaum ein Werk dieser großen Damen kennen. Doch der Witz und Charme dieser Dokumentation wird nicht wenige dazu verleiten, sich ein paar dieser Klassiker anzusehen.

Diese Wirkung haben Dokumentationen oft. So war es auch mit Jeff Buckley. Der junge amerikanische Sänger ertrank 1997, im Alter von 31 Jahren, nachdem er nur ein einziges Studioalbum (Grace, 1994) aufgenommen hatte. Bis dahin war er nicht besonders bekannt geworden. Doch die Welle von Dokumentationen, die seinem Tod folgte, verhalf ihm zu Weltruhm. Die BBC produzierte 2002 Everybody Here Wants You, wenig später tourte Amazing Grace: Jeff Buckley durch die internationale Filmfestszene und heimste Preise ein. Das legte den Grundstein für seinen späteren Ruhm. Seinen ersten Chart-Erfolg hatte Buckley erst elf Jahre nach seinem Tod mit der Coverversion von Leonard Cohens Hallelujah. Der Rolling Stone nannte ihn dann einen der größten Sänger aller Zeiten. Ohne die filmischen Nachrufe auf Jeff Buckley wäre es wohl kaum dazu gekommen. Natürlich ist er heute wieder ein wenig in Vergessenheit geraten. Doch man kann davon ausgehen, dass sich in weiteren zehn Jahren wieder jemand an ihn erinnern und einen weiteren Nachruf auf ihn verfassen wird. Genau das passierte unlängst mit Kurt Cobain. 2015, ganze 21 Jahre nach dessen Tod, feierte Montage of Heck beim Sundance Film Festival Premiere und belebte den etwas eingeschlafenen Cobain-Kult wieder.

Es mag heute viel mehr Künstler, Schauspieler und Schriftsteller geben als je zuvor, doch das heißt keineswegs, dass Ruhm gleich verteilt und damit obsolet wird. Er entwickelt sich nur anders als vorher, eben stärker posthum. Der beste Beweis dafür ist der kürzlich mit erst 34 Jahren verstorbene Mode-Blogger Carl Jakob Haupt. Wer nicht gerade in der Berliner Influencer-Party-Szene unterwegs war oder sic gelangweilt von klassischen Modegurus wie Bernhard Roetzel auf die Suche nach abgedrehten Fashionistas gemacht hat, wird Haupts Blog Dandy Diary kaum gekannt haben. Doch seit dem schillernden Nachruf in der Zeit ist der ironische Innovationskünstler in aller Munde. Den Buckley- oder den Cobain-Kult wird er vielleicht nicht erreichen, aber das muss ja auch nicht sein. Dann gibt es mehr Ruhm-Platz für weitere Künstler.

„Ruhm ist blutrünstig“

Darüber kann man froh sein, denn es bedeutet auch, dass der öffentliche Diskurs differenzierter ist. Wenn der Ruhm bei wenigen Personen bleibt, verdrängen sie alle anderen vom Markt. Der französische Philosoph Michel Serres hat dem Ruhm genau diese Monopolbildung angekreidet. Der emeritierte Stanford- und Sorbonne-Professor nahm 1983 an einer Umfrage der Zeitschrift Le Monde teil, in der gefragt wurde, was Ruhm für einen zeitgenössischen Schriftsteller bedeute. Keiner der Befragten äußerte sich so ablehnend wie Serres. Eine „schlimme Pest“ sei der Ruhm, sagte er. „Er breitet sich wie eine Seuche aus, genauso schnell, genauso absurd, und hinterlässt genauso viele Leichen.“ Der Tod ist bei Serres nicht nur Metapher, er spielt dabei auch auf die Gefahr der Tyrannei an. „Das Volk und die Sanftmütigen wurden immer von ruhmreichen Männern umgebracht oder geknechtet. Ruhm ist blutrünstig, er verletzt, er macht krank.“

So betrachtet ist es doch eigentlich gut, dass es nicht mehr wenige große Stars, sondern viele kleinere Sternchen gibt. Man könnte fast sagen, damit bewegen wir uns weg vom Ruhm-Absolutismus und hin zur demokratischen Berühmtheitsgesellschaft. Noch etwas krasser formulierte es Mode-Blogger Haupt: „Party braucht keinen König, keine Hierarchie, keine Thronfolge, sondern das genaue Gegenteil: brutalstmögliche Anarchie.“ Es gibt kein vorgefertigtes Narrativ, das entscheidet sich alles später, in einem der Nachrufe. Das heißt auch, dass Künstler*innen schaffen müssen, ohne zu wissen, ob sie es schaffen. Aber man muss ja auch nicht immer alles wissen.

06:00 03.05.2019
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