Viele Arten, Musik zu schreiben

Politmusik Ist Hanns Eisler ein Klassiker? Werk und Komponist verweigern sich festen Kategorien und wurden - im Westen wie im Osten - jeweils nur selektiv wahrgenommen. Eine Rezeptionsgeschichte

Er war von Geburt an rundlich, in seiner Jugend ein leidenschaftlicher Fußballspieler und hatte als Dreizehnjähriger schon Ansätze einer Glatze. "Mein Vater war Philosoph ... und meine Mutter Arbeiterin", beschrieb er seine Herkunft: Der Klassenkampf lag ihm im Blut. Längst liegt er auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof seinem Freund Bertolt Brecht gegenüber begraben und hat viel mehr hinterlassen als nur die Nationalhymne der DDR. Zeit seines Lebens war Hanns Eisler bemüht, "mit den Mitteln der Musik etwas politische Intelligenz in den Menschen hineinzubringen" - ohne jemals Mitglied der KPD oder SED gewesen zu sein.

Als der Musikwissenschaftler Albrecht Dümling vor zehn Jahren zusammen mit Hanns Eislers dritter Ehefrau Stephanie die "Internationale Hanns Eisler Gesellschaft" (IHEG) gründete, stand als Grundsatz fest, dass es für die Musik lebens- und überlebenswichtig sei , sich mit der Politik zu beschäftigen, und zwar schon aus dem einfachen Grund, weil sich sonst die Politik mit der Musik beschäftigt.

Während nach der Wende die Gefahr drohte, dass die Eisler-Rezeption stocken und nur ein einseitiges Bild überdauern würde, fragt sich die IHEG heute: "Ist mittlerweile das Gegenteil des Befürchteten eingetreten: wurde der Vergessengeglaubte zum Klassiker?" Doch auch wenn Heiner Goebbels "Eislermaterial" viel gespielt wird und die von Eisler vertonte Mutter Bert Brechts erfolgreich im Berliner Ensemble lief, ist die Bezeichnung "Klassiker" alles andere als üblich.

Am Eindrücklichsten bleibt oftmals die Erinnerung an den "Staatskomponisten", an Eislers Zeit in der DDR, in die er allerdings nicht freiwillig aus seinem amerikanischen Exil zurückkehrte. Im Rahmen der anti-kommunistischen Hysterie wurde er von McCarthys Komitee als "Karl Marx ... auf dem Gebiet der Musik" trotz Protestschreiben von Picasso, Einstein, Thomas Mann und vielen anderen ausgewiesen. In Ost-Berlin ansässig, komponierte er die Neuen Deutschen Volklieder (1950) nach Texten Johannes R. Bechers, dem damaligen Kultusminister, - das vom Westen als "Spalterhymne" bezeichnete Auferstanden aus Ruinen gehört dazu - doch gleichzeitig eckte er mit anderen Projekten an. 1953 löst Eislers Vorhaben einer Faust-Oper eine breite Debatte aus, das Neue Deutschland spricht vom Verräter am deutschen Faust-Erbe. Eisler, entmutigt, beginnt gar nicht erst mit der Komposition.

Die offiziellen Ehrungen, die Eisler in der DDR erfährt, machen nicht wett, dass man ihn - im Westen wie im Osten - nur selektiv wahrnimmt, und viele seiner Hauptwerke nicht aufgeführt werden. Kurz vor seinem Tod 1962 komponiert Eisler die Ernsten Gesänge, ein zwar nicht resignierendes, doch mehr als nachdenkliches Werk.

Hanns Eisler hat ein widersprüchliches Jahrhundert erlebt, und die stilistischen Brüche in seiner Musik sind fast sein Markenzeichen. Eignet er sich überhaupt zum Klassiker? Bei seinem ehemaligen Lehrer ist die Sachlage klar. Arnold Schönberg, Erfinder der Zwölftontechnik, gilt zurecht als musikalisches Genie. Dass Eisler 1919 nach Anton Webern und Alban Berg rasch zu seinem dritten Meisterschüler avanciert und seine frühen Werke deutlich unter Schönbergs Einfluss stehen, bleibt in der Rezeption bisweilen nebensächlich. Dabei ist Schönberg musikalisch lange unangefochten, auch, als weltanschauliche und besonders politisch Differenzen deutlich werden. Erste Kritik am Lehrer äußert Eisler im Palmström nach Morgenstern (1924), wenn er sich in grotesk-ironischem Ton auf Schönbergs Pierrot Lunaire (1912) bezieht und die Textwahl karikiert, die er für "alberne Provinzdämonik" hält. Dichter wie Giraud oder auch George lehnt Eisler als schwülstig und esoterisch ab. Im Gegenzug bleibt für Schönberg, der ästhetische Fortschrittlichkeit mit politischer Reaktion zu verbinden weiß, gesellschaftskritisches Engagement eine Kinderei. Ein vorübergehender Bruch wird unvermeidlich.

1925 zieht Eisler von Wien nach Berlin. Die sozialen Konflikte sind hier deutlicher, und Politik hat nun "sehr viel mit der Musik zu tun". Schon mit den Zeitungsausschnitten (1927) probiert er eine erste Annäherung an die proletarische Wirklichkeit. Er vertont Alltagstexte, auch Annoncen. Die Aufhebung der Kluft zwischen Kunst und Leben ist sein Maßstab und äußert sich zunächst in einer Absage an die bürgerliche Tradition einer sich weitgehend selbst genügenden Kunst. Ein Jahr später eröffnet das Chorwerk Vorspruch (1928) seine "Kampfmusik-Phase" und Eisler schafft sogleich ein Sprichwort der oppositionellen Arbeitersänger: "Auch unser Singen muss ein Kämpfen sein!". Der konventionelle Konzertbetrieb mit schmuckem Ambiente und privilegiertem Publikum wird überflüssig; "auf den Straßen zu singen" ist seine Musik. Doch die Prämisse ist dabei, konträr zum totalitären System, die "Vermeidung narkotischer Wirkungen". Bis zur Machtergreifung Hitlers ist Eisler einer der aktivsten linken Künstler mit großer Resonanz. Als Sozialist und Jude ist er schließlich doppelt gefährdet und muss 1933 ins Exil fliehen.

In der Rezeption wird diese Phase nun, genau wie die Lehrzeit bei Schönberg, gerne eingedampft, um den Massenliedkomponisten nahtlos an den Schöpfer der DDR-Nationalhymne zu knüpfen. Immer wieder wird der Kunstgehalt seiner Arbeit gegen die Zweckgebundenheit ausgespielt, zugunsten der zuletzt genannten entschieden und so deklassiert. Aber tatsächlich muss mit Eislers Emigration und der Entstehung einiger der wichtigsten Werke wie den Vierzehn Arten den Regen zu beschreiben (1941), dem Hollywooder Liederbuch (1943) oder der Deutschen Sinfonie (1947) wieder eine Schublade aufgezogen werden.

Aus dem europäischen Exil beteiligt er sich an der Organisation des Widerstands, doch sein breites Publikum kommt ihm immer mehr abhanden, vor allem, als er schließlich über Mexiko in die USA emigriert. Der reaktionären NS-Kulturpolitik begegnet Eisler mit einer Hinwendung zur musikalischen Moderne. Beispiel dafür sind die Vierzehn Arten den Regen zu beschreiben, die gleichzeitig als autonome Kammermusik wie als detailgenau abgestimmte Musik für den Film Regen von Joris Ivens funktionieren. Zwölftönig komponiert, sind sie als Wiederannäherung an den Lehrer Schönberg, der im Exil zu Eislers Nachbarn gehört, aufschlussreich. In fremder Umgebung isoliert, zeugen seine Werke nun von größerer Subjektivität. Parallel zu der Entstehung seines Hollywooder Liederbuchs, einem tagebuchartigen Zyklus, beschäftigt sich Eisler wieder mit traditionell bürgerlichen Klavierliedern, vor allem mit der Winterreise Franz Schuberts, die Zustände einer inneren Emigration schildert und deutlich in seine Komposition mit einfließt. Interessant ist, dass Eisler die Zwölftonmethode für seine Zwecke modifiziert. Er findet im Exil Möglichkeiten, die Sperrigkeit der Methode meidend, zwölftönig und eingängig zu komponieren. Sein Anspruch, außerhalb elitärer Zirkel verständlich zu sein, bleibt auch in den USA bestehen.

Ein Klassiker ist Eisler nicht, wenn das bedeutet, im konventionellen Konzertbetrieb präsent zu sein. Aber sein ästhetisches Konzept, nicht in luftleerem Raum zu komponieren, stets eine Verbindlichkeit dessen, was geschaffen wird, mitzudenken, sich einzumischen, Musik als Ausdrucksmöglichkeit gesellschaftlicher Vorgänge zu begreifen, das ist eine Position, die aktuell bleibt. Die Kunst muss keine subjektive Gemütsäußerung, sondern darf funktional sein, darf Wirkung entfalten und wird dadurch nicht in ihrer ästhetischen Qualität gemindert. Dass Eisler das bewiesen hat, macht ihn zu einem der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts.

Derzeit finden in der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" "Eislertage" statt. Die Weggefährtin Eislers, Gisela May, gibt einen Workshop zu den "Frühen Liedern". Am 11. Dezember referieren dazu ergänzend Christian Martin Schmidt, Hartmut Fladt und Albrecht Dümling. Die Ergebnisse des Workshops mit Gisela May sind am 12. Dezember um 11 Uhr im Konzerthaus Berlin zu hören. Der Eintritt ist jeweils frei. Informationen unter www.hanns-eisler.com.


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00:00 10.12.2004

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