Viele Grüße an mein 80-jähriges Ich

Die Ratgeberin Die Tagebucherstellungsratgeberliteratur unterscheidet verschiedene Typen der Buchführung, inklusive verschiedener Therapieversionen. Ein verzweifelter Versuch
Susanne Berkenheger | Ausgabe 07/2017

Liebes Tagebuch, gestern erzählte mir die geniale G., dass sie derzeit mit großem Spaß ihre alten Tagebücher lese. Sie hat jetzt immer eins dieser zerfledderten Hefte dabei, und wenn sie kurz Zeit hat, springt sie in ein Café, um sich daran zu erfreuen, wie sie vor 30 Jahren gelitten hat. Denn, so sagt sie, wenn sie nicht gelitten hat, hat sie auch kein Tagebuch geschrieben. Sofort wollte ich ihr nacheifern. Problem: Ich habe gar keine alten Tagebücher.

Neidzerfressen lag ich deshalb den ganzen Sonntag im Bett und grübelte. Bis ich endlich einsah: Ich muss halt selbst aktiv werden. Und voilà, liebes Tagebuch, hier bin ich und schreibe, noch weiß ich allerdings nicht was. Zunächst hatte ich vor, einfach direkt „alte Tagebücher“ anzufertigen, die ich dann vielleicht schon nächstes Jahr als meine Jugendtagebücher mit in die Cafés schleppen kann. Aber das wäre dir gegenüber, liebes Tagebuch, unaufrichtig. Und wahrscheinlich wäre es auch nicht funktionierender Quatsch.

Erst spät in der Nacht kam ich auf Folgendes: Immerhin kann ich ja jetzt noch dafür sorgen, dass wenigstens mein 80-jähriges Ich einmal in Cafés springen kann, um dort mit runzligen Händen ein altes Tagebuch herauszuziehen und genüsslich nachzulesen, wie es früher gelitten hat. Genau diese zukünftig alten Tagebücher werde ich nämlich ab sofort schreiben! Es wird toll! Hier schon mal viele Grüße an mein 80-jähriges Ich. Hallo, wie geht’s? Schreibst du immer noch Tagebuch? Ich hoffe doch! Wie findest du meines hier? Gut? Schlecht? Unlesbar? Ja, klar, ich muss möglichst groß schreiben, denn du siehst natürlich noch viel schlechter als ich jetzt.

Ich frage mich auch, welchen Tagebuchtyp du bevorzugst. Im Tagebucherstellungsratgeber von Lutz von Werder und Barbara Schulte-Steinicke, der hier neben mir auf dem Tisch liegt, sind jede Menge Typen aufgeführt: das literarische Tagebuch, das selbsttherapeutische – das ist sogar für fünf verschiedene Therapieversionen ausgeführt. Ein philosophisches Tagebuch wäre auch eine Möglichkeit. Die immense Auswahl macht mich ganz kirre.

Die Ratgeberautoren scheinen das vorhergesehen zu haben, denn das darauffolgende Kapitel handelt von Krisen und Störungen im Tagebuchschreiben. Ich denke, das ist das richtige Kapitel für mich. „Denn, liebes 80-jähriges Ich, du erinnerst dich doch sicher noch … Nicht? Bist du schon altersdement? Dann wäre ja das Tagebuch für dich erst recht sinnvoll … Pardon, war nur eine Frage.“ Also, ich zumindest erinnere mich durchaus an frühere Tagebuchversuche. Ich kaufte Hefte, Bücher und Jahreskalender, experimentierte mit Umschlägen, Formaten, Papyrussorten, mit Gänsefedern, Kulis, Gel- und sogar Grafitstiften. Aber dann benutzte ich das Zeugs doch für Einkaufszettel.

Warum? Die Antwort steht hier im Ratgeber: „Es kann zum Beispiel sein, dass uns nichts einfällt“, schreiben die Autoren. Das sei ein ganz typisches Problem aus Phase eins des Tagebuchschreibens. Hätte ich damals schon eine Startschreibetechnik gekannt! Tja! Dann säße ich jetzt schön in Cafés herum. Andererseits könnte ich in dem Fall jetzt nicht für mein 80-jähriges Ich notieren, wie ich darunter leide, dass ich mich jetzt im mittleren Lebensalter eben nicht Milchkaffeeschlürfend daran erfreuen kann, wie sehr ich früher gelitten habe. Knallhart ist das, liebes 80-jähriges Ich. Davon hast du keine Ahnung, denn du hast ja diese meine Tagebücher. Ich kann dir wirklich nur eines sagen: Ich hatte es garantiert nicht so leicht wie du!

Susanne Berkenheger verteilt als Die Ratgeberin regelmäßig für den Freitag gute Ratschläge

06:00 18.02.2017

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