Viele offene Fragen

Pussy Riot Erstmals nach ihrer Haft traten Nadeschda Tolokonnikowa und Marija Aljochina in Deutschland auf
Viele offene Fragen
Man befragte sie zu Sotschi und Snowden – und Marija und Nadeschda wunderten sich

Foto: Sean Gallup /AFP/Getty Images

Viel sieht man nicht von den beiden jungen Fraun, als sie vor die Berliner Presse treten. Vorne am Konferenztisch blockieren Fotografen die Sicht. Wer sich reckt, um die Chance auf Durchblick zu erhöhen, wird von hinten angeblafft. Dort stehen die Fernsehteams aufgereiht, und wehe dem, der sein Smartphone für private Bilder hochhält. „Handys runter!“, brüllt es. „Ich komm’ dir gleich dahin!“

Erst als jemand an den friedlichen Anlass des Treffens erinnert, werden die Rufe leiser. Es stimmt, man ist zu Gast bei der Stiftung Cinema for Peace, und wer hier spricht, hat meist ein pazifistisches Anliegen: Menschenrechte, Rassismus, Krieg – oder, wie Nadeschda Tolokonnikowa und Marija Aljochina, welche als Mitglieder der russischen Punkband Pussy Riot bekannt geworden sind, die würdelose Behandlung politischer Häftlinge in russischen Gefangenenlagern. Ende Dezember sind die beiden Frauen aus einem solchen Lager entlassen worden.

Es ist ihr erster Auftritt in Deutschland nach der Haft – und prompt werden sie medial eingemauert. Die Reporter im Raum suchen Antworten auf das rätselhafte Russland dieser Tage. Ausgebeutete Wanderarbeiter in Sotschi, das Tauziehen um die Ukraine: Der Westen versteht die Russen nicht. Pussy Riot sollen ihr Land erklären, am besten gleich alles. „Was sagen Sie zu Chodorkowski?“ – „Zur Hetze gegen Schwule und Lesben?“ So viele Fragen haben sich angestaut. Außerdem ist Berlinale, und da folgen Pressekonferenzen einer strengen Choreografie. „Smile!“, rufen die Fotografen, als ob da vorne zwei Schauspielerinnen stünden. Tolokonnikowa und Aljochina bleiben ernst.

„Smile!“, rufen die Fotografen

Fast genau zwei Jahre ist es her, dass die beiden – gemeinsam mit ihrer damaligen Bandkollegin Jekaterina Samuzewitsch – in einer orthodoxen Moskauer Kathedrale das Lied „Lieber Gott, erlöse uns von Putin“ anstimmten. Es war der 21. Februar 2012. Ein typischer Guerilla-Auftritt der Band, deren Markenzeichen – bunte Häkelmasken – weltweit zu einem Symbol für feministisch-anarchischen Protest avanciert sind. Wegen „Rowdytums aus religiösem Hass“ wurden sie zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt.

Mike Lerner und Maxim Pozdorovkin haben einen Film über die Geschichte des Trios gedreht. Er heißt Pussy Riot: A Punk Prayer und erhält bei der abendlichen Gala von Cinema for Peace einen Preis als „wertvoller Dokumentarfilm“. Offiziell ist das der Grund für Tolokonnikowas und Aljochinas Reise nach Berlin. Nur: Für den Film interessiert sich im Pressesaal niemand. Auch nicht für die eigentliche politische Botschaft der Gala. Gewidmet ist sie Nelson Mandela, der selbst viele Jahre lang das Friedenskino unterstützt hat.

Gegen die Präsenz der Frauen kommt aber nicht einmal der große Freiheitsstreiter an. Die Botschafterin der Europäischen Union, Bianca Jagger, spricht über Mandelas Kampf gegen die Apartheid – die Kameras filmen Nadeschda und Marija. Mandelas Enkel Kweku, extra aus New York angereist, sagt, dass er am Abend erstmals Videos von früheren Liebhaberinnen seines Opas zeigen wird – die Kameras halten auf Nadja und Mascha. Die Lebenden schlagen die Toten. Und hübsche Frauengesichter schlagen ohnehin alle Inhalte.

Offiziell hätten die beiden Frauen erst im März entlassen werden sollen – die dritte im Bunde kam bereits im Oktober 2012 frei –, doch als Mütter kleiner Kinder wurden sie anlässlich der 20-Jahr-Feier der russischen Verfassung frühzeitig begnadigt. Von „Amnestie“ wollen die beiden nicht sprechen. Sie halten ihre Freilassung für einen PR-Gag Putins, pünktlich zu den Olympischen Spielen ausgeführt. Gleichzeitig behaupten sie, dass „wir nicht mehr dieselben sind, die in der Kirche gesungen haben“.

Viel lieber wollen Tolokonnikowa und Aljochina über die Organisation sprechen, die sie gegründet haben: Zona Priva. Damit wollen sie sich für die Rechte Gefangener einsetzen. „Das Schlimmste ist, dass du als Gefangene mundtot bist“, sagt die 24-jährige Tolokonnikowa – und man spürt: Dies ist der Moment in der Pressekonferenz, auf den die beiden Frauen zugearbeitet haben: Sie verstehen sich tatsächlich als Botschafterinnen politisch Gefangener, planen Gespräche mit Verurteilten und Briefe an die Regierung, alles hochoffiziell und ernsthaft. Zum Thema Finanzierung sagen sie nur: Crowdfunding. Die Aufmerksamkeit der Medien haben sie ja schon.

Die Frage ist nur, ob es das ist, was die Medien hören wollen. Als die Frauen von den Demonstranten sprechen, die bei einem gewaltsamen Aufstand gegen Putin im Mai 2012 festgenommen wurden und bis heute im Lager sitzen, suchen die ersten Journalisten gelangweilt auf ihren Smartphones nach anderen Highlights.

Zu bekannt für die Guerilla

Auch bei anderen Mitgliedern der Pussy-Riot-Bewegung kommt das neue Engagement der beiden nicht gut an. Vergangene Woche traten sie mit Madonna in New York auf, bei Amnesty International. Seit wann nimmt Pussy Riot Geld für Gigs, hieß es daraufhin. Einigen passt das so gar nicht ins anarchische Weltbild. Anonyme Mitglieder von Pussy Riot veröffentlichten prompt einen Brief, in dem behauptet wurde, dass „Nadja und Mascha der Band nicht mehr angehören“. Genau das dementieren die beiden. „Wir haben Pussy Riot nie verlassen“. Mit den alten Bandkolleginnen stünden sie weiter in Kontakt. Allerdings bestätigen sie: „Menschen mit offenen Gesichtern können nicht an Pussy-Riot-Auftritten teilnehmen. Und wir beide sind nicht mehr anonym.“

Schließlich verraten sie noch, dass sie sich fürs Moskauer Bürgermeisteramt bewerben wollen. „Gute Schlagzeile“, raunt jemand. Aber der merkwürdige kommunikative Graben zwischen den deutschen Journalisten und den russischen Dissidentinnen bleibt spürbar. Auch, als eine Journalistin wissen will, wie Pussy Riot zu Edward Snowden stehen. Die jungen Frauen setzen einen verständnislosen Blick auf. Und antworten: „Was sollen wir über Snowden sagen? Das russische System versorgt ihn doch gut.“

Sarah Schaschek schrieb im Freitag zuletzt über feministisches Fernsehen.

11:45 12.02.2014
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