Viele werden alles verlieren

China Der Börsencrash zerstört den Traum vom steuerbaren Kapitalismus in der Volksrepublik. Die Weltkonjunktur verliert ihren Stoßdämpfer
Michael Krätke | Ausgabe 35/2015 5
Viele werden alles verlieren
Aktienbörse Schanghai: systemische und strukturelle Probleme
Foto: Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Vergessen Sie Griechenland, vergessen Sie die Euro-Krise. Das sind bestenfalls Fußnoten oder Unterkapitel der Krisenerzählung unserer Zeit. Das richtig große Theater, der nächste Krach mit Heulen und Zähneklappern nach dem Kollaps der Finanzmärkte 2008/09, kommt jetzt erst – und es wird China sein, wo die Bombe platzt. Auf den Börsenboom folgt unweigerlich der Börsencrash – beim Amen in der Kirche kann man sich heute nicht mehr so sicher sein. Nach einem langen Boom, der im Frühsommer 2014 begann, sind die Aktienbörsen Chinas seit Anfang Juli spektakulär eingebrochen. Nach der nordamerikanischen und der europäischen platzt nun als dritte die chinesische Kreditblase.

Chinas Führung, die bisher der Meinung schien, sie könne die Entwicklung ihres Kapitalismus steuern, hatte sich einen Aktienboom gewünscht. Und sie bekam ihn, weil er mit allen Mitteln gefördert wurde. Es sahen sich Millionen Bürger zum Aktienkauf verleitet und ganz im Stil des Enrichissez-vous einem Spekulations- und Wertpapierfieber ausgesetzt. Es galt mehr oder weniger als sozialer Standard, Aktien zu erwerben und damit „am chinesischen Traum“ teilhaben zu können. Nicht wenige plünderten ihre Ersparnisse, nahmen Kredite auf und verschuldeten sich bis zur sprichwörtlichen Halskrause. Der irrlichternde Immobilienboom an der Ostküste wurde durch einen Aktienboom angereichert. China bekam eine Blasenökonomie, ganz wie es der neuesten, neoliberalen Mode im alt gewordenen Kapitalismus entspricht.

Was die Wirtschaftslenker in Peking nicht bedachten: Spekulationsblasen sind machbar, aber nicht plan- oder beherrschbar. Einen kontrollierten Ausstieg gibt es nicht. Wenn die Blasen platzen, werden unter der schillernden Oberfläche verborgene Fehlentwicklungen sichtbar: Die Grenzen des nach-, ein- und überholenden chinesischen Kapitalismus kommen in Sicht.

Schon bevor der Absturz der Aktienkurse Mitte Juni begann, hielt die Regierung von Premier Li Keqiang dagegen. Sie tat es mit einer Serie von direkten Eingriffen in die Freiheit des Aktienhandels, mit einer viermaligen Zinssenkung seit November 2014, mit der Senkung der Mindestreserven für Industriekredite. Es gelang ihr nicht, die Kredite der Banken und Schattenbanken in die reale Ökonomie umzulenken. Stattdessen ging der Aktienboom weiter, während das Wachstum der Exportindustrie zu lahmen begann. Wie bei der Asienkrise 1997/98 haben die jetzigen Börsenturbulenzen in China zu einer Welle hektischer Verkäufe und zu einer virulenten Kapitalflucht geführt.

Schon einmal eingebrochen

Die Abwertungen des Yuan, mit denen der chinesischen Exportwirtschaft geholfen werden sollte, haben diesen Trend eher beschleunigt, wovon auch andere Länder betroffen sind: Von den über zwei Billionen Dollar, die von 2009 bis 2014 in die Schwellenländer flossen, ist in den zurückliegenden zwölf Monaten gut die Hälfte wieder abgezogen worden. Dieser Transfer von Kapital hat zum Währungsverfall in wichtigen Schwellenländern Asiens und zu einem regionalen Währungskonflikt geführt, von dem Dollar, Euro und Yen in Maßen profitieren.

Die Eruptionen an den chinesischen Aktienmärkten erschüttern nun den anderen Pol von „Chimerika“ – die US-Börsen. Dort herrscht nervöse Hektik, gespeist vom Rückfluss gigantischer Kapitalien, die den Druck erhöhen, wie er von verfügbarem Geld auf der Suche nach profitablen Anlagen ausgeht. Kein Wunder, dass an den wichtigsten internationalen Warenbörsen die Preise fallen, nicht zuletzt die für Öl, Nickel und Kupfer, die als Barometer der industriellen Nachfrage weltweit gelten. In letzter Zeit haben sie im Schnitt um 2,5 bis 4,6 Prozent nachgegeben. Und das ist erst der Anfang.

So langsam schwant es den Eliten in der EU wie in den USA, dass sie auf China als Wachstumslokomotive nicht mehr rechnen können. Offiziell peilt die chinesische Führung für 2015 ein Wachstum von sieben Prozent an, die niedrigste Quote seit 25 Jahren. Premier Li zeigt sich bei öffentlichen Auftritten davon überzeugt, dass es mit den halsbrecherischen, zweistelligen Wachstumsraten vorbei sei. Man brauche ein „reiferes Modell“, das eine „neue Normalität“ spiegele, die mit einer Zielmarke von sieben Prozent Zuwachs in diesem Jahr ausgeschöpft sei. „Angesichts des steigenden Drucks auf Chinas Wirtschaft könnten wir uns 2016 noch erheblich größeren Schwierigkeiten gegenübersehen“, warnte er schon im März bei der Eröffnung des Nationalen Volkskongresses. Systemische wie strukturelle Probleme, so seine Botschaft seither, seien „zu ‚Tigern auf der Straße‘ geworden, die China aufhalten“.

Jahrelang hat die Exportindustrie mit massiver Staatshilfe in vielen Branchen stolze Überkapazitäten aufgebaut, doch produzieren inzwischen viele Schwellenländer billiger, sind die traditionellen Industriestaaten technologisch weiter als chinesische Unternehmen. Unter diesen Umständen Weltmarktanteile gegen die Rivalen zu erobern, das wird schwieriger, zumal in einer Weltdepression. Bis zur Krise 2008/09 wuchs das Welthandelsvolumen rascher als die Weltproduktion, jetzt ist es umgekehrt.

In jenen Krisenjahren sind Chinas Börsen schon einmal eingebrochen. Damals verlor der Shanghai Stock Exchange Index fast 4.000 Punkte innerhalb weniger Tage, doch bewährte sich die boomende Volksrepublik als wichtigster Stoßdämpfer der Weltwirtschaft. Zu verdanken war das einem enormen Investitionsprogramm, das die Regierung sogleich startete, um einen Absturz zu bannen. Seinerzeit zeigte Chinas rasche Erholung, wie sehr die Weltökonomie von dessen Aufbau- und Expansionsboom abhängig war. Mit nur 15 Prozent der Weltproduktion garantierte das Reich der Mitte fast die Hälfte des globalen Wachstums aller kapitalistischen Ökonomien.

Diesmal fallen die Einbußen auf den ersten Blick geringer aus, da der Shanghai Stock Exchange Index bisher nur 1.500 Punkte verloren hat, allerdings wieder in sehr kurzer Zeit. Nur wächst diese Volkswirtschaft nicht mehr um mindestens acht Prozent pro Jahr, gibt es zudem eine rapide steigende Privatverschuldung. Seit 2009 ist das Volumen aller Verbindlichkeiten regelrecht explodiert, von knapp 100 auf über 185 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Das heißt unter anderem, für private Haushalte liegt die Schuldenquote bei gut 35 Prozent des BIP. Zum Vergleich: In den USA lag dieser Wert vor dem Immobilien-Crash 2008 bei 15 Prozent.

Die Geldhäuser wanken

Die Kreditblase hat Millionen Chinesen aus der Mittelschicht zu Eigentum verholfen – bei Autos, Wohnungen, Aktien. Dazu kommen noch einmal Millionen von Arbeitern, die mit weit bescheideneren Mitteln und daher im Verhältnis zu ihren Einkommen größeren Schulden dem gleichen, von der KP-Führung verkündeten Traum nachjagten. Erst hier wird vollends deutlich, welche soziale Zäsur sich anbahnt – viele werden alles verlieren. Das absehbare Platzen der chinesischen Immobilienblase wird den Ruin von Millionen noch beschleunigen, denn ein Drittel des nominellen Vermögens chinesischer Aktienbesitzer hat sich bereits in Luft aufgelöst. Ihre Schulden aber bleiben, was bedeutet, wenn Kredite massenhaft faul werden, geraten die Geldhäuser ins Wanken. Eine Bankenkrise aber würde die gesamte Export- und Importfinanzierung der Volksrepublik schwer treffen.

Für China hat in seiner langen Geschichte die erste kapitalistische Krise begonnen, hausgemacht, nicht von außen, vom Weltmarkt her über das Land hereinbrechend, sondern ein genuines Produkt des „Kapitalismus mit chinesischem Gesicht“. Wegen des schieren Gewichts, das die zweitgrößte Ökonomie der Welt nun einmal hat, werden die Folgen für die Weltökonomie desaströs sein. Selbst der gigantische US-Markt könnte diese Krise nur um den Preis einer weiteren Kreditblase kompensieren. Daher sind alle professionellen Auguren – die Rating-Agenturen, die großen Investmentbanken, der IWF und die Weltbank – derzeit unisono düster gestimmt: Es werde noch einmal mindestens fünf Jahre dauern, bis die Weltwirtschaft die Finanzkrise, die schon 2007 begann, überwunden habe, kann man überall lesen. Ob die Führung in Peking den akuten Störfall des chinesischen Kapitalismus überwinden kann, steht dahin. Im Augenblick scheint ihr die Kontrolle zu entgleiten.

06:00 28.08.2015

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