Vielleicht brauchen Sushiradler keinen Chef?

Lieferdienste Nach dem Abgang von Deliveroo überlegen die Fahrer*innen nun, wie es weitergeht
Vielleicht brauchen Sushiradler keinen Chef?
Was Fahrer*innen wie dieser hier in Berlin am dringendsten brauchen, sind Kund*innen, denen die Arbeitsbedingungen nicht egal sind

Foto: Imago Images/Dirk Sattler

Deliveroo ist tot! Es lebe Deliverunion! Seit der britische Lieferdienst am 16. August 2019 seinen Service in Deutschland eingestellt hat, treffen sich die Fahrer*innen in Berlin und überlegen, wie es weitergeht. Kämpfen haben sie schon gelernt: Vor fast drei Jahren in London haben die Proteste gegen die immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen in dem britischen Unternehmen begonnen, von dort breiteten sie sich in vielen europäischen Städten aus. Unter dem Namen #Deliverunion halten sie bis heute an. In Deutschland allerdings ändert sich der Charakter dieser Kämpfe nun grundlegend, richten sie sich doch nicht mehr gegen das Unternehmen. Stattdessen stellen die Fahrer und Fahrerinnen nun die Frage: Wie geht es weiter? Eine Antwort scheint gefunden: Sie wollen den Laden selber übernehmen. Aber als Genossenschaft.

Besonders oft ist so was noch nicht ausprobiert worden, aber in New York und in Berlin wird bereits in anderen Projekten an der Idee gefeilt – die im Grunde ein Update einer Arbeiterinnenkooperative für das 21. Jahrhundert ist. Mit ihrem klassischen Vorbild hat sie gemeinsam, dass alle gleich verdienen, alle mitbestimmen. Neu ist, dass sie auf Basis einer digitalen Plattform funktioniert. So könnten Genossenschaften eine solidarische Alternative zu den auf aggressives Wachstum ausgerichteten Plattformen wie Facebook, Google, Amazon oder Uber sein. Alternativ, weil sie Nutzer*innen nicht mit ihren Daten bezahlen lassen. Und weil sie die Eigentumsverhältnisse in Frage stellen: Sobald ihnen das Unternehmen gehört, sind sie keine Bittsteller mehr – anders als die weiterkämpfenden Deliveroo-Fahrerinnen in Frankreich.

Kann das funktionieren? Ein paar Beispiele gibt es, etwa die Beyond-Care-Kooperative in New York. Sie wurde von migrantischen Pflegekräften gegründet, die vorher schlecht bezahlte Arbeit ohne Absicherung verrichten mussten. Jetzt organisieren sich die Mitglieder per App, der Lohn wird auf alle verteilt, sie haben gleiche Stimmrechte. In Berlin gibt es Resonate Music, eine Art solidarisches Spotify – oder Fairmondo, eine Alternative zu Amazon.

Allerdings zeigen die Beispiele auch, warum es nicht einfach wird: Die Plattformgenossenschaften bewegen sich auf einem aggressiven Markt, der auf Konkurrenz und Monopolstellungen ausgerichtet ist. Einerseits wollen sie diese Marktmechanismen mit ihren fairen und solidarischen Prinzipien außer Kraft setzen, andererseits müssen sie mit den anderen Unternehmen konkurrieren, um eine wirkliche Alternative darzustellen. Wie das funktionieren kann, wird sich vielleicht erst zeigen, wenn diese Modelle häufiger ausprobiert werden. Förderungen und Kapitalgeber fehlen derzeit noch, genauso wie politische Unterstützung. Diese Probleme haben die räuberischen Tech-Unternehmen nicht, im Gegenteil.

In Berlin stehen die Fahrer*innen erst am Anfang und überlegen, wie sie ihre Genossenschaft ganz konkret aufbauen können. Erste Restaurants als Partner haben sie schon gefunden; denn die sind froh, wenn ihnen die Geschäfte nach dem Deliveroo-Abgang nicht einbrechen. Ein Erfolg wäre ihnen und uns zu wünschen. Ihnen, weil sie ihre Existenz sichern können, mit besseren Arbeitsbedingungen und ohne Chef*in. Und uns allen, weil wir dringend solidarische Alternativen zu den Konzernen brauchen, die sich Tech-Gründer*innen und Investoren ausdenken.

Dafür brauchen die Fahrer jedoch genug Kund*innen – denen es nicht egal ist, unter welchen Bedingungen jene arbeiten, die sie über die Apps kurzfristig beschäftigen. Gelingt dies der Deliverunion, hätte das abrupte Ende von Deliveroo wirklich etwas Gutes.

06:00 06.09.2019
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