Vielleicht eine Wahrheit

ZWISCHEN ERLÖSUNGSVISION UND ZUSAMMENBRUCH Der Berliner Schriftsteller Johannes Jansen benutzt Scherben als Beschreibstoff. Ein literarisches Porträt

Alle Angriffe auf die Außenwelt sind eingestellt, das Geschehen ins Innere verlegt. Der Hohlraum des Kopfes erscheint als Schlachtfeld nach beendeten Kämpfen. Ausgangszustand ist die Erschöpfung. "Da ist etwas hinter den Dingen, in dem es einen Wert hat, was wir hier tun", ahnt der Ich-Erzähler. In seinem neuen Buch Verfeinerung der Einzelheiten, nimmt Johannes Jansen die Utopie noch einmal beim Wort.

Der 1966 in Berlin geborene Autor wurde im Umkreis der inoffiziellen DDR-Literatur des Prenzlauer Berg bekannt. Zahlreiche Künstlerbücher, in denen er Text und Grafik verband, publizierte Jansen im Eigenverlag. 1988 erschien ein Heft von ihm in der Lyrik-Reihe Poesiealbum. Sein Buch Prost neuland, spottklagen und wegzeug gab ketzerisch Kunde von der DDR, die zum Zeitpunkt der Buchpublikation, 1990, in ihren letzten Zügen lag. Jansen machte durch seine Ästhetik der Sprachzersplitterung auf sich aufmerksam. Der beflissenen Neuordnung der Gesellschaft unter westlichen Vorzeichen begegnete er in den frühen Neunzigern mit aggressiver Geste. Titel wie Reisswolf und Splittergraben waren programmatisch zu verstehen: Aus gewaltsam aneinander gefügten Wahrnehmungsresten und Zitatfragmenten entstanden Texte von rasender Geschwindigkeit, häufig durch keine Interpunktion gesteuert. Ein "Standpunkt des Autors" schien "ausgeschlossen", seine subjektive Wahrnehmung wurde vom Rhythmus der Texte zerrissen.

"Je mehr ich in die westliche Landschaft eingedrungen bin", sagt Jansen 1995 in einem Interview, "je mehr ich das Tempo dort bemerkt habe, umso langsamer sind meine Texte geworden." Mit Heimat. Abgang. Mehr geht nicht erscheinen 1995 ironische Prosaskizzen, in denen der Autor die täglichen "Notstände" eines entleerten deutschen Bürgertums ins Absurde treibt. Die Figuren hängen in den Seilen zwischen Tragik und Farce, isoliert im Moment ihrer Verrenkung.

Um die Möglichkeit einer Biographie ringt der Text Dickicht. Anpassung, für den Jansen 1996 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb den Preis des Landes Kärnten erhielt. Ein alter Mann, der ans Bett gefesselt ist, berichtet von seinem Leben. Dabei verdichtet sich das Erfahrene zu komplexen Reflexionen, die weit über eine persönliche Biographie hinausgehen. Der Protagonist jongliert mit den Resten großer Ideen, die ihm hinterlassen worden sind. Doch keine Idee lässt sich mehr zu Ende formulieren, im Gegenteil, die versammelten Entwürfe verhindern sich gegenseitig. "Auf meinem Strategiepapier stand: sieh zu, daß Du nicht zurechtkommst..." Es gibt kein zur-Ruhe-Kommen für den Erzähler.

"So kam ich zu mir in dem Bewußtsein, diese ganze Geschichte nur noch von ihrem Ende her denken zu können, damit sie erträglich sei", heißt es nun in Verfeinerung der Einzelheiten. Ein ruhig fließender Ton durchzieht die neue Prosa. Der dort erzählt, befindet sich an einem Ort jenseits der Abgründe und Zweifel, von denen noch seine Erinnerungen gezeichnet sind. Die existenziellen Suchbewegungen eines in die Enge getriebenen Ich - "Wohin mit der unklaren Gewißheit, nichts zu bedeuten" - werden über den Punkt der Ausweglosigkeit hinausgetrieben, Realität auf einen Möglichkeitsraum aus Traumbildern und Visionen hin transzendiert: Doch als dann mein Kopf aufging, lag alles offen und parat. Das Wissen um die Zeit, das Wissen um die Zusammenhänge, ihre Größe und Lächerlichkeit. Und als ob meine Augen Flugwesen wären, traten sie hinaus aus ihren Startlöchern, ihren Höhlen und sahen hinein in diese Innerlichkeiten, in diese fragwürdige Außenwelt, die sich vor Urzeiten schon in meinem Kopf breitgemacht hatte. Alles war ganz einfach.

Die Texte zu Verfeinerung der Einzelheiten entstanden in der Camphill Schulgemeinschaft Föhrenbühl am Bodensee, wo der Autor für längere Zeit als Erzieher mit behinderten Kindern arbeitete. Die dort gemachten Erfahrungen mögen die Haltung des Ich-Erzählers geprägt haben. Aus der Ferne betrachtend verwandelt er das Tägliche. Selbst vernichtende Eindrücke erscheinen ihm nicht ohne verborgene Rettung. Endlösung des Lebens in der Tiefe. Denn zweifelsohne war ein Tiefpunkt erreicht - einer von vielen - doch der Abgrund schien hilfreich. Eine Perspektive, die den Blick nach oben freigab, und trotz meines steifen Nackens sah ich etwas, das einem vieldeutigen Leuchten nicht unähnlich war.

Jansen entwickelt eine vereinnahmende sprachliche Kraft. Alltagsorte, so ein Marktplatz, Cafés, eine Klinik, ein Flughafen oder ein Bahnhof verlieren unter dem Blick des Erzählers ihre gewohnten Strukturen. Der zieht einzelne Szenen aus der Routine heraus und beschreibt sie neu. Dahinter bleiben die alten erkennbar, nunmehr als Vexierbilder: ...dieses Gewisper, das da aus den Halterungen hervorkroch und sich wohltuend in uns festsetzte, als wäre es eben mehr als ein Trost.

Es geht um die "Verfeinerung der Einzelheiten". Die Hoffnung auf das Ganze kehrt zurück über die Hintertür. Sie konzentriert sich nun auf das kleinste Detail. Nach dem Zusammenbruch der großen Entwürfe, die als Trümmer in der Landschaft liegen, ist das Utopische noch in flüchtigen Momenten und Gesten verborgen, die poetisch entfaltet werden. "Graue, krumme Gestalten, mit Büsten im Genick" laufen durch das Bild, "Opfer der Normalität". Sie werden zu "Boten" des verlorenen "Eigentlichen", das vom Erzähler immer wieder beschworen wird. Ingeborg Bachmanns Utopiepassagen aus Malina klingen an: So sah ich schon diesen Tag heraufkommen. Er schien ganz nah, denn alles in meinem Blickfeld war eins geworden.(...) Wir gingen dem nach, was wir für richtig hielten und was wir für richtig hielten, war richtig, weil wir dazugehörten.(...) Es war wieder eine Stimme da, die uns riet, und in dem Geringsten entdeckten wir eine Offenbarung. So bestimmte Verantwortung das Geschehen, und da wir sie trugen, waren wir frei für ein ganzes Leben. Doch das Beschworene bleibt fragwürdig:Ich stieß an eine dumpfe Grenze. Mehr war nicht möglich... Die Texte befinden sich auf einer permanenten Gratwanderung, sie balancieren präzise auf der Kippstelle zwischen Erlösungsvision und Zusammenbruch und beziehen daraus ihre bewegende Wirkung. Sie hinterlassen Spuren und verweisen auf die immer wieder neu zu erkundende Tatsache des Vorhandenseins.

Wie ein Materialkasten wirken die kurzen Prosastücke, die Johannes Jansen unter dem Titel Kleines Dickicht versammelt. Bereits 1995 entstanden, erschienen sie im Frühjahr 2000. Die Texte greifen erinnernd auf die Kindheit und Jugend des Autors zurück, teilweise umfassen sie nur ein bis zwei Sätze, selten mehr als eine Seite. Es sind Dokumente eines Ichs, in dessen individueller Geschichte sich Zeitgeschichte spiegelt. Die Texte erscheinen als behutsam ausgehobene Sequenzen, die im Schattenreich der Erinnerung und Träume versunken waren und von dort ins Bewusstsein zurückdringen: "Scherben, die als Beschreibstoff dienten und in großen dunklen Schränken eingelagert sind."

Aneinandergereiht, nicht aufeinander aufbauend bilden diese Stücke die Kehrseite eines chronologischen Lebenslaufs. Sie sind eigenständige, zu Bildern kristallisierte Erinnerungsreste. Offen nach allen Seiten manifestiert sich in ihnen eine innere Biographie. Walter Benjamin schreibt in seinem Passagen-Werk: Die Jugenderfahrung einer Generation hat viel gemein mit der Traumerfahrung. Ihre geschichtliche Gestalt ist Traumgestalt. Jede Epoche hat diese Träumen zugewandte Seite, die Kinderseite. Jansen begibt sich auf diese Traumseite und beschreibt seine Ausbeute: Die Kinderspiele unmittelbar an der Berliner Mauer, die Kriegserinnerung der Mutter, die über eine Flasche Rhabarbersaft an den Sohn vermittelt wird, die Gestalt des Großvaters, das Dröhnen, das von sowjetischen Panzern verursacht worden war, die die Stadt in Richtung Prag durchquerten... Die Bilder stammen aus unterschiedlichen Erinnerungsschichten, und mit ihnen kehrt eine ursprüngliche Erregung zurück, etwas, das offen geblieben war und das erneut spürbar wird.

Kleines Dickicht ist eine Gemeinschaftsarbeit mit der Fotografin Ute Zscharnt. Ihre Fotoserie schließt sich an die Texte an. Scheinbar flüchtig aufgenommen dokumentieren die Fotografien zurückgebliebene Beiläufigkeiten. Im kargen Bild gewinnen sie den Reiz von Indizien, Hinweise auf eine mögliche Geschichte. Zscharnt arbeitet mit Bildpaaren. Als Wiederholung der Orte in leicht verschobener Perspektive oder als assoziative Verknüpfungen bestehen die Bilder auf der Eigendynamik des erinnernden Blicks.

In seinen Büchern Verfeinerung der Einzelheiten und Kleines Dickicht wählt Johannes Jansen die Perspektive des ganz in sich zurückgenommenen Betrachters. Eine horizontal und vertikal nicht mehr überschaubare Welt konzentriert sich vorübergehend im subjektiven Erleben und wird vermittelbar als Erfahrung. Im Chor der Publizierenden drängt sich Jansens Stimme nicht laut in den Vordergrund; eher ließe sie sich als eindringlich beschreiben. Anteil zu nehmen an dieser "Stimme vom Rand", bedeutet sich einzulassen auf: das immerwährend kommende Suchen (...), das nie ankommt und doch aus der Entfernung sichtbar erscheint, das nie gefunden wird, obwohl es mir doch deutlich entgegenkommt. Eine Haarspalterei vielleicht. Vielleicht eine Wahrheit.

Johannes Jansen: Verfeinerung der Einzelheiten. SuhrkampVerlag, Frankfurt am Main 2001, 95 S., 14,90 DM

Kleines Dickicht: Ritter Verlag, Klagenfurt und Wien 2000, 112 S., 25,- DM

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00:00 28.09.2001

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