Vier Fäuste für ein Hurra

Fantum Die Dokumentation „Sie nannten ihn Spencer“ feiert die Begeisterung für Bud Spencer und Terence Hill, ohne sie zu verstehen
Oliver Nöding | Ausgabe 30/2017

Seit Stunden marschiert Bruchpilot Salud (Bud Spencer) mit dem alten Schürfer Matto (Cyril Cusack) durch den Urwald, auf der Suche nach etwas, das der Alte dem Jüngeren unbedingt zeigen möchte. Doch Salud hat vor allem Hunger. Am Ziel der Wanderung angekommen, einem Berg, der sich einige Kilometer entfernt erhebt und dem in Mattos Leben große Bedeutung zukommt, bricht es aus Salud heraus: Seit Stunden laufe er mit einem Mordshunger durch den Wald und Grund sei dieser lausige Berg? Einen Scheißberg könne er nun mal nicht fressen. Matto bedauert, den Freund so verärgert zu haben und entschuldigt sich, während Salud erkennt, dass er den alten, vereinsamten Mann nicht so hätte anfahren dürfen. In diesem Moment ging es nicht um ihn und seinen Hunger, sondern um Matto.

Die Szene stammt aus Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle (Più forte, ragazzi! von Giuseppe Colizzi, 1972), dem dritten von insgesamt 13 „klassischen“ Filmen, die Bud Spencer an der Seite von Terence Hill gedreht hat. Zuvor hatten beide schon in einigen Italowestern gemeinsam vor der Kamera gestanden, ohne jedoch das Zweiergespann zu bilden, das es im Verlauf der 1970er Jahre zu großem Ruhm brachte.

Himmelhunde ist einen Hauch ernster als die später folgenden Titel, aber seine Rollenverteilung ist typisch: Bud Spencer ist der grimmige Phlegmatiker, der auf seinen Vorteil bedacht ist und gern ein richtiger Egoist wäre, dafür aber ein zu gutes Herz hat; Terence Hill fungiert als Schelm, der seinen Freund so manipuliert, dass dieser im Sinne der Menschlichkeit und Gerechtigkeit handelt. Am Ende stehen beide stets mit leeren Händen dar, aber im Wissen, dem Guten zum Sieg verholfen zu haben. Dennoch schwingt immer auch eine gewisse Resignation mit: Als „guter Kerl“ bleibt einem keine andere Belohnung als Schulterklopfen; diejenigen mit dem großen Geld verdanken ihren Reichtum gerade der Tatsache, dass sie sich nicht durch Vorstellungen darüber, was „richtig“ ist, einschränken lassen.

Die Kritik hat die Filme hierzulande als künstlerisch wertlosen Eskapismus abgetan, dabei aber unter anderem das kongeniale Zusammenspiel von Spencer und Hill übersehen, ihr oft unschlagbares Timing, die Leichtigkeit, mit der sie sich die Bälle zuspielten. Bud Spencer und Terence Hill sind das vielleicht unterschätzteste Komikerduo der Filmgeschichte.

Wenn man sich Sie nannten ihn Spencer anschaut, Karl-Martin Polds aktuellen Dokumentarfilm über die bis heute andauernde deutsche Spencer-Manie, erfährt man leider nichts darüber, was den Erfolg des Duos jenseits der Zuschauerzahlen ausmachte. Pold begleitet zwei Fans bei ihren Bemühungen, ihr großes Idol persönlich zu treffen. Im Mittelpunkt stehen nicht Spencer, Hill und die Filme, sondern die anhaltende Begeisterung, die sie bei ihren Anhängern auslösen.

Der rote Buggy

Pold hat seinen Film deutlich als Fangeschenk konzipiert: Über Crowdfunding teilfinanziert, über acht Jahre in der Arbeit und mit zwei Aficionados in den Hauptrollen. Thomas Danneberg, deutsche Stimme von Terence Hill, fungiert als Voice-over-Kommentator, dessen Sprüche, die der Schnoddersynchronisation Rainer Brandts nachempfunden sind, leider nur bemüht und müde rüberkommen. Die beiden Protagonisten – der eine blond und sportlich, der andere groß und dick – sollen wie auch ihr „Abenteuer“ an die Stars erinnern. Grundsätzlich keine schlechte Idee, aber in der vorliegenden Form ist die Geschichte, die Pold erzählt, so klischiert, dass sie nichts mehr erklärt oder erhellt, sondern nur Lücken nach einem Muster füllt.

Dabei gäbe es für die Spencer/Hill-Forschung durchaus etwas zu tun: Dass die beiden einfache, streng genommen asoziale Typen spielten, die Probleme nicht mit dem kategorischen Imperativ lösten, sondern mit blanker Gewalt und einem gerüttelt Maß an Verachtung für Autoritäten und andere Spielverderber, ließ sie den gatekeepers der Hochkultur immer suspekt erscheinen. Das spricht aber nicht gegen Spencer/Hill, es ist im Gegenteil das, was das Werk des Gespanns noch heute so faszinierend macht.

Entstanden in den anni di piombo, den „bleiernen Jahren“, als Italien von Weltwirtschaftskrise, steigenden Kriminalitätsraten sowie Attentaten von links und rechts erschüttert wurde, vertraten Spencer und Hill nicht das Gesetz. Sie wurden von einer Art vormoralischer Vernunft geleitet in einem Raum, der nicht durch gesellschaftliche Normen reguliert war – wie Kinder, deren archaischer Zerstörungstrieb und Gerechtigkeitssinn nicht länger durch einen schmächtigen Körper ausgebremst werden. (Einer der Gründe, warum sich die Fanscharen vor allem aus Männern rekrutieren, die die Abenteuer der beiden in der Kindheit begeistert aufgesogen haben.)

Diese infantile, asozial-subversive Komponente findet sich am deutlichsten in Zwei wie Pech und Schwefel ( … altrimenti ci arrabbiamo! von Marcello Fondato, 1974), der den beiden für ihren Kampf gegen den mafiösen Immobilienhai (Donald Pleasence) und seine Schergen eine surreal anmutende Arena-artige Brachlandschaft inmitten einer südeuropäischen Großstadt freiräumt. Auslöser für die ausufernden Schlägereien des Films ist ein roter Strandbuggy, den die Bösewichte zerstört und damit den Zorn der Helden auf sich gezogen haben. Die Keilerei, die sie daraufhin lostreten, steht in keinem Verhältnis zum Anlass, wird aber dadurch ins Recht gesetzt, dass die Gegner Verbrecher und die Helden arglose Typen sind, die nur ihren Strandbuggy fahren wollen.

Über dieses identifikatorische wie gesellschaftskritische Potenzial dürfte man durchaus einmal sprechen im Zusammenhang mit dem Duo. Sie nannten ihn Spencer tut das leider nicht. Der Film begnügt sich damit festzustellen, dass viele Menschen diese Filme immer noch sehr lieben. Als wäre das nicht längst klar gewesen.

Info

Sie nannten ihn Spencer Karl-Martin Pold Österreich/Deutschland 2017, 90 Minuten

Oliver Nöding bloggt nicht nur über Bud Spencer unter funkhundd.wordpress.com

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