Vier Fehler der Liebe

Im Kino Patrice Chéreau über seinen Film "Intimacy" und die Unmöglichkeit, Filme über Figuren zu machen, die man nicht mag

Für den Goldenen Bären, den Hauptpreis der Berliner Filmfestspiele, war "Intimacy" ein Glücksfall: Anhänger und Gegner des Film versuchten sich gegenseitig zu übertönen, so dass das Geschrei um den Preis groß war. Aber gehen nicht alle lieber in einen Film, der als "umstritten" bezeichnet wird, als in einen der Kategorie "annehmbar"? Seit einer Woche läuft "Intimacy" nun bei uns in den Kinos und wieder wird über Patrice Chéreaus Film heftig diskutiert. Es geht darin um einen alten Kinomythos, die plötzlich ausbrechende Leidenschaft, den Chéreau versucht, mit neuer Offenheit zu zeigen - was ihm prompt den Vorwurf der Pornografie einbrachte. Doch wer sich "Intimacy" in der Hoffnung auf Pornografisches ansieht, wird wohl kaum befriedigt das Kino verlassen. Chéreaus Film wirft aber in der Tat die Frage auf, wie authentisch man Intimität im Kino wirklich zeigen kann. Die Natürlichkeit der Körper, die betont ohne Scham gezeigt werden, steht gewissermaßen im Gegensatz zur Künstlichkeit der Kamera, mit der die Figuren verfolgt werden und durch die die besondere Atmosphäre existentialistischer Einsamkeit, die den Film so prägt, erst entsteht. Als Liebesfilm betrachtet, berührt "Intimacy" nicht zuletzt durch die herausgestellte Alltäglichkeit seiner Hauptfiguren. Wie gesagt, ein umstrittener Film.

FREITAG: "Intimacy" hat mich ein wenig an die Konstellation vom "Letzten Tango in Paris" erinnert. Ein Mann und eine Frau sind nur körperlich miteinander intim, und als der Mann mehr will, scheitert die Beziehung.

Patrice Chéreau: Ich erinnere mich nicht an den Letzten Tango und habe nicht daran gedacht. Manchmal haben die Journalisten die schlechte Angewohnheit, alles zu vergleichen. Aber im Letzten Tango ging es doch nicht um Liebe. In meinem Film ist es das ganze Gegenteil. Dort wählt der Mann den falschesten Weg. Er hätte ja versuchen können mit Claire zu reden, stattdessen verfolgt er sie. Er will von ihr wissen, wer Sie ist. Aber Sie hält es nicht für nötig, ihm das zu sagen.

Wenn das, was Jay und Claire miteinander verbindet, Liebe ist, haben Sie keine sehr romantische Auffassung von Liebe.

Wenn man möchte, dass eine Liebesgeschichte von Dauer ist, muss man sehr intelligent und klever sein und mit viel Strategie vorgehen. Wer nur an romantische Liebe glaubt, denkt, Strategie sei etwas Fürchterliches und habe mit Liebe nichts zu tun. Das Gegenteil ist richtig. Für eine dauerhafte Beziehung braucht es Strategie und Kompromisse. Zum Beispiel soll man nicht derjenige sein, der mehr liebt. Sonst geht alles kaputt. Man sollte versuchen, nicht eifersüchtig zu sein. Man muss akzeptieren, dass die geliebte Person nur geben kann, was sie gibt. Es ist gefährlich, mehr zu fordern.

So wie Jay in ihrem Film ...

Claire kann nicht mehr geben. Was sie ihm bietet, das ist schon etwas. Jay macht zwei Fehler. Er will mehr, und weil sie nicht mehr geben kann, will er nichts mehr. Dann kommt sie eines Tages nicht mehr zu ihm und er ist am Boden zerstört. Das ist sein dritter Fehler. Unerwartet taucht Claire dann wieder bei Jay auf, und er vergewaltigt sie. Das ist sein vierter Fehler. Wenn man unbedingt eine romantische Liebe will, dann sollte man sich diesen Film nicht ansehen. Es gibt sehr, sehr erwachsene Beziehungen, die wenig romantisch sind, aber manchmal interessanter.

Wollten Sie in "Intimacy" in der Darstellung von Sex Grenzen überschreiten?

Ich hatte nie den Eindruck, irgendwelche Grenzen überschritten zu haben. Was zeige ich schon? Normalerweise zeigt man das Geschlechtsteil der Frau, ich habe nun einmal das Geschlechtsteil des Mannes gezeigt. Und? Ich filme etwas ganz Natürliches, einen Liebesakt, wie er jeden Tag überall auf der Welt stattfindet.

Sie zeigen aber schon mehr als andere Filmemacher ...

Wie lange kann ich diese physische Liebe zeigen? Man sieht normalerweise nie einen Akt bis zum Genuss. Ich wollte bis zu diesem Punkt gehen. Es ist schwer, das zu erreichen, ohne etwas zu zeigen. Ich wollte mich nicht zwingen, irgend etwas zu verstecken. Ich wollte etwas filmen, das berührt und nicht erregt. Das ist ein Riesenunterschied. So sieht man durch die Länge der Szene, wie sich zwei Körper gegenseitig Vergnügen geben. Dabei bemerkt man plötzlich, wie sich die Hautfarbe verändert, röter wird. All das hat mit Pornographie überhaupt nichts zu tun.

Im Vergleich zu früheren Filmen, beispielsweise im "L´homme blessé" (Der verliebte Mann) gehen sie mit der Kamera viel näher an die Gesichter. Trauen Sie sich heute mehr im Kino als damals?

Ja. Viel mehr. Das fing schon mit Die Bartholomäusnacht an. Ich weiß nicht warum. Man versucht ja immer ein Gleichgewicht zwischen Nahaufnahmen und Totalen herzustellen. Der Unterschied für mich zwischen Theater und Film ist, den Gesichtern, den Körpern - ob bekleidet oder nicht - nahe zu sein. Wegen dieser Nähe mache ich heute lieber Filme als Theater. Ich möchte in die Augen der Darsteller sehen können. Wenn es so gute Schauspieler sind, wie in Intimacy, kann man bis zur Seele vordringen.

Wie kam es zu dieser Entwicklung?

20 Jahre lang habe ich geglaubt, es wäre einfach, Theater und Filme zu machen. Leider ist es nicht möglich. Ich brauche sehr viel Zeit, um beispielsweise ein Drehbuch zu schreiben. In mir gab es immer diese große Konkurrenz zwischen Theater und Film. Vor 10 Jahren habe ich dann erstmalig zwei Filme hintereinander gedreht. Einen Fernsehfilm Die Zeit und das Zimmer nach Botho Strauß und Die Bartholomäusnacht. Da entdeckte ich sehr spät, was für einen Unterschied das macht. Plötzlich konnte ich meine Mängel und Fehler beim Drehen schon beim nächsten Film korrigieren. Deshalb habe ich fast nur noch Filme gemacht.

Nun sind Sie auch ab und zu Schauspieler und haben unter anderem in "Adieu Bonaparte" von Youssef Chahine und "Danton" von Andrzej Wajda gespielt. Wie schätzen Sie Ihre Arbeit als Darsteller ein?

Das war Zufall, Eitelkeit im Fall von Bonaparte. Heute würde ich das nicht mehr tun. Damals war ich jünger, heute habe ich etwas mehr Eile. Ich finde mich nicht sehr gut als Schauspieler. Im Film bin ich vor der Kamera gehemmt. Es ist viel besser, hinter der Kamera zu stehen. Im Theater bin ich besser. Aber ich war nur sehr gut in einem einzigen Stück. Das war in der Einsamkeit der Baumwollfelder. Darauf kann man keine Karriere aufbauen.

Sie haben ein Filmprojekt über Napoleon mit Al Pacino?

Es geht um die letzten Jahre Napoleons auf St. Helena. Es ist schwer für einen Franzosen, einen Film über Napoleon zu drehen. Viele Franzosen sind so fasziniert von Napoleon, aber ich nicht. Die Frage ist, kann man einen Film über jemanden machen, den man nicht liebt?

Das Gespräch führte Jörg Taszman

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00:00 15.06.2001

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