Vier Jahre weniger

Kommentar Berlin und die Gesundheit der Armen

"Wer krank ist, geht zum Arzt", heißt es in der "positiven" Bilanz, die Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) nach ihrer inzwischen ein Jahr alten Reform gezogen hat. Der neueste amtliche Bericht zum Zustand der Sozialsysteme setzt nach: "Es gibt keine wirklich gravierenden Einschnitte, trotz Hartz IV und Gesundheitsreform". Dem widerspricht - nicht verbal, aber inhaltlich - der von der Berliner Sozialsenatorin Knaake-Werner ( PDS) vorgelegte Bericht. Er weist nach: Die soziale Schere zwischen Arm und Reich hat sich in den letzten Jahren weiter geöffnet. Ein bis auf einzelne Straßen und Wohnkomplexe aufgeschlüsselter Berliner Sozialatlas konstatiert lediglich die Verlagerung der Risikozentren. Innenstadtbezirken haben ein deutlich erhöhtes Gefahrenpotenzial. Die heterogene soziale Struktur lässt jene Faktoren wachsen, die Lebenserwartung reduzieren. Ausgewählte Quartiere von Friedrichshain/Kreuzberg und Mitte zum Beispiel kosten einen durchschnittlichen Mann inzwischen fast vier Jahre Leben. Der Anteil Armer, der auf Gesundheitsprävention verzichtet, ist in Neukölln, Prenzlauer Berg, Tempelhof, Wedding besonders hoch. Die Gefährdungen durch Gruppenzwang - zeitige Kontakte zu Alkohol und Rauchen - Schwächung des Immunsystems durch Drogen, Luftverschmutzung, exzessiven Lärm erzielen Wirkung. Hier leben besonders viele Menschen allein, was bei Pflegebedürftigkeit entweder erhöhten Aufwand oder erhöhtes Risiko bedeutet. Hier greift man schneller als allgemein üblich zu Fastfood und spült mit Alkohol nach. Hinzu kommen Aussteiger aller Art, denen die Großstadt Anonymität garantiert. Falsche Ernährung und Bewegungsarmut feiern eine Party, am Ende sind etwa 30 Prozent übergewichtig, Tendenz steigend. Die Risikofaktoren Fett, Rauch und Alkohol werden schon Kindern mit auf den Weg gegeben. Das Einstiegsalter in den regelmäßigen Tabak- und Alkoholkonsum liegt bei etwa 15 Jahren. Der Bericht weist den Zusammenhang zwischen der Höhe des Mietspiegels in einzelnen Quartieren, dem Ausbildungsniveau und der Krankheitsanfälligkeit nach. Aufklärung ist schwierig. Gesundheitsbewusstsein in sozial schwachen Gruppen nicht ausgeprägt. So liegt die Rate vorzeitiger Todesfälle deutlich über dem allgemeinen Durchschnitt. Wer arm ist beugt nicht nur nicht vor, er verschleppt Krankheiten, muss auf teure Medizin, vor allem aber Rehabilitation verzichten und stirbt früher. Vermehrt sind vor allem Familien mit Immigrationshintergrund betroffen, für die das System auch noch schwer durchschaubar ist. Berlin will deshalb versuchen, Prävention zu den Gefährdeten zu bringen. Mit seinen Sozialdiensten nicht mehr auf "Kundschaft" zu warten, sondern zur Kundschaft zu gehen, die vorhandene Vielzahl von Betreuungsmöglichkeiten so zu koordinieren, dass auch über Nachbarschaftsheime und Stadtteilzentren Aufklärung und gesundheitliche Betreuung vermittelt werden. Das Konzept heißt "gegen steuern". Ob das allerdings die gewollte Armut mit ihren Folgen abfangen kann, ist mehr als zweifelhaft.


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00:00 04.02.2005

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