Virtueller Kapitalismus

AOL-TIME Superfusionen beenden die Illusion vom demokratischen Netz im globalen Dorf

Der zusammengerechnete Börsenwert des neuen Medien- und Kommunikationsgiganten AOL/ Time Warner ist mit etwa 350 Milliarden Dollar größer als das Bruttosozialprodukt vieler Länder. In den USA wird das relativ gelassen hingenommen. Das Weiße Haus schweigt. Und die meisten amerikanischen Leitartikler betrachten die Superfusion als eine Art Naturereignis im Paradies der freien Marktwirtschaft. Nur ein paar Politiker warnen vor der "Fusiomanie" auf dem Informationsmarkt, aber das US-Kartellamt wird wohl nicht groß eingreifen. Vielleicht ein paar "wettbewerbsfördernde" Auflagen, die AOL/Time Warner dann einhält, oder eben nicht. Wer kann das schon kontrollieren?

Die Fakten sind inzwischen hinlänglich bekannt: Der weltgrößte und 15 Jahre junge Internet-Anbieter America Online hat sich mit dem weltgrößten und sehr traditionsreichen "konventionellen" Mediengiganten Time Warner zusammengeschlossen. AOL-Aktionäre kommen in den Besitz von 55 Prozent und Time Warners in den von 45 Prozent der jeweils anderen Aktien. Hier der Nachrichtensender CNN, Turner Network Television (TNT), die Warner Brothers-Filmstudios und deren Archive, der US-Spielfilmkanal HBO, Time und mehr als 30 Print-Magazine; dort America Online mit seinen 20 Millionen Nutzern, und dem schon vor längerem geschluckten Compuserve-Dienst: Alles unter einen Hut.

Beiden Konzernen ist geholfen: Time Warner hat den Zugang zum Internet gefunden, und AOL verfügt jetzt über eine exklusiven "Content-Provider" mit Riesenarchiven und Nachrichtenfabriken, um gegen eine aggressive Konkurrenz vorzugehen, die Internet-Zugang und e-mail-Adressen kostenlos anbietet.

Schöne neue Welt: Vielleicht bekommen die Verbraucher in nicht allzu ferner Zukunft alles von AOL/Time Warners über (noch zu legende) Breitbandkabel ins Haus: Unterhaltung, Nachrichten, e-mail und Telefon. Und der Medienmulti könnte - ganz "nebenbei" - Daten über das Konsumverhalten seiner Nutzer sammeln, speichern und vermarkten.

Die Konzernherren sprechen von einem "historischen" Ereignis, das die "Medien- und Internetlandschaft von Grund auf verändert" habe. So viel geballter Macht werden die zurückgebliebenen Disney, Viacom, Microsoft und Yahoo nicht alleine widerstehen wollen: Es ist mit weiteren Fusionen zu rechnen. Das Internet hat sich endgültig als das "Medium der Zukunft" erwiesen.

Diese jüngste Fusion ist, so der Wirtschaftswissenschaftler Doug Henwood, "das Produkt des größten Spekulationswahnsinns in der amerikanischen Geschichte". Viele Internetanbieter werfen keine oder nur geringe Profite ab (AOL ist da eher die berühmte Ausnahme) - trotzdem erklimmen ihre Aktien schwindelerregende Höhen, weil - so der Glaubensgrundsatz - diese Konzerne irgendwann einmal doch Riesengewinne einfahren. Man tut so, als sei Fukuyamas "Ende der Geschichte" tatsächlich erreicht; als hätten die Regeln der kapitalistischen Wirtschaft ihre Gültigkeit verloren und als könnte "das Internet" einen Ausweg aus den historischen Rezessionszyklen der Marktwirtschaft bieten.

In den USA hält sich zudem die Illusion, dass Medienzusammenschlüsse wertneutral seien. Schon auf dem "konventionellen Medienmarkt" wird seit Jahren auf Teufel komm' raus fusioniert. Anfang der achtziger Jahre produzierten immerhin noch etwa 50 Konzerne mehr als die Hälfte der gesamten Information und Unterhaltung; Ende der neunziger Jahre blieben davon ganze acht übrig. Da lässt sich schlecht informierte Demokratie machen; Kritiker blicken wehmütig nach Deutschland, wo im öffentlich-rechtliche Rundfunk - trotz all seiner Schwächen und Mängel - die unterschiedlichen gesellschaftlichen Verbände wenigstens ab und zu mal zu Wort kommen.

Nicht, dass die unternehmensgesteuerten US-Medien gleichgeschaltet platten Kapitalismus predigten: Sie dienen ihren Herren, in dem sie im Inland (und immer mehr im Ausland) unterhalten, informieren und so tun, als gäbe es keine Alternative zur existierenden Ordnung. Beim Internet hält sich der Mythos, mit diesem "anarchistischen Medium" entstünde ein "globales Dorf", in dem jeder gleichberechtigt mitreden könne. Die AOL/Time Warner-Fusion erschüttert die Utopie, dass alle miteinder verbunden seien, aber niemand bestimme: Gestaltet wird das net ("erfunden" übrigens von Forschern der US-Regierung und nicht von der "freien Marktwirtschaft") zunehmend von Konzernen, die zwar unbegrenzt freizügig und informativ auftreten, in Wirklichkeit aber doch nur ihre Produkte an den Mann und die Frau am Mouseclicker bringen wollen.

Im Laufe der Zeit wird wohl immer augenfälliger, dass auch der "virtuelle Kapitalismus" Kapitalismus bleibt. Oder, wie es kürzlich in einem ungewöhnlich freimütigen Aufsatz der New York Times stand: "Die sanfte Hand der freien Marktwirtschaft wird nie ohne eiserne Faust zum Erfolg kommen. McDonalds gedeiht nicht ohne McDonnell Douglas. Die versteckten Kräfte, die der Welt die Technologien aus Silicon Valley eröffnen, heißen US-Army, Navy und Air Force. Ohne amerikanische Soldaten (›America on duty‹) kein America Online".

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00:00 14.01.2000

Ausgabe 41/2021

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