Virtuose der Gelassenheit

WE CAN BELIEVE IN Barack Obama ist unangreifbar, weil er auch unter Beschuss nie die Nerven verliert und eine amerikanische Grundtugend verkörpert: sich nicht unterkriegen zu lassen

Bis auf die paar Mal, wenn ein Schwarzer es geschafft hat, mehr als 15 Cent bei "Deal or No Deal" zu gewinnen, war ich noch nie stolz auf meine Hautfarbe. Und ich hatte bislang auch nie die leiseste Anwandlung von Nationalstolz. Aber seit ich mich in diesem Wahlkampf auf die Seite von Senator Barack Obama geschlagen habe, ertappe ich mich immer öfter mit diesem ironisch-stolzen Lächeln auf dem Gesicht, mit dem man Neugeborene begrüßt oder Freunde, die gerade aus dem Knast entlassen wurden, und mit dem man junge Hunde lobt, wenn sie schön brav sind, oder einem Kollegen gratuliert, dessen jüngstes Buch es auf die Bestsellerliste geschafft hat.

In der Frühphase des Präsidentschaftswahlkampfes habe ich nie verstanden, was an diesem jungen Senator aus Illinois so Besonderes sein soll. Ich sah fern, las Interviews und lud mir Kommentare aus dem Netz herunter - alles in der Hoffnung, endlich zu begreifen, warum die Leute so eine Riesenwelle machten. Ich kam nicht dahinter. Wo war er denn, dieser vielgerühmte professorale Intellekt? Wo das elektrisierende Charisma? Was ich sah, war ein Mann mit einem fragwürdigen Afro und einem noch fragwürdigeren Plan zur Reformierung des Gesundheitswesens. Ein Mann, der Taliban so falsch aussprach, wie Gouverneur Schwarzenegger "California": Tal-ii-ban.

Okay, mir gefiel, dass er authentisch wirkte. Sein Lächeln war nicht allzu gezwungen. Er scharwenzelte nicht ständig um Babies herum und zeigte sich nicht übertrieben ehrerbietig gegenüber alten Leuten oder Kriegsveteranen. Er ließ Tavis Smiley auflaufen, als dieser ihn drängte, zu seiner jährlich stattfindenden State-of-the-Black-Union-Versammlung zu kommen, und brachte ein paar andere Schwarze, die ich nicht leiden kann, dazu, sich schwarz zu ärgern, falls man das so sagen kann. Bob Johnson, der ein Vermögen damit verdient hat, die Leute mit Video-Opiaten ruhig zu stellen, spielte auf Obamas jugendlichen Drogenkonsum an. Andrew Young, mit 40 schon Kongressabgeordneter, warf dem Senator (47) vor, zu jung für das Präsidentenamt zu sein. Der Rapper 50 Cent schließlich, dessen Ruhm vor allem darauf gründet, dass er sich an jeder Straßenecke ein paar Kugeln einfängt, sprach sich für Hillary Clinton aus, weil Obama ja erschossen werden könnte. Das war alles ganz vergnüglich zu beobachten, konnte aber Obamas Aufstieg nicht erklären.

Obamas Star-Potenzial verdankt sich gewiss zu einem Gutteil dem üblen Geruch der Inkompetenz, der vom Kapitolshügel in Washington aufsteigt. In gewisser Weise verhält sich Obama zu Bush wie Adenauer zu Hitler oder Tony Dungy* zu Sam Wyche: Er steht für Wandel. Er ist neu. Er hat nichts zu tun mit den Schnitzern, Fehlentscheidungen und Kriegsverbrechen der scheidenden Regierung. Es ist kein Zufall, dass Adenauer kein Nazi war, und genauso wenig ist es ein Zufall, dass Obama und Dungy Afro-Amerikaner sind. In die Bastionen weißer Männlichkeit, auf die keine Affirmative Action-Gesetze Anwendung finden - wie zum Beispiel bei den Berufen American-Football-Cheftrainer, Late-Night-Talkmaster oder Präsident der Vereinigten Staaten - werden Schwarze, Frauen und andere marginalisierte Gruppen oft nur dann vorgelassen, wenn es nach allgemeinem Dafürhalten eh nicht mehr schlimmer werden kann.

Ja, ich weiß, dass die Experten nach dem fulminanten Sieg bei den Vorwahlen in Iowa davon sprachen, die Hautfarbe spiele keine Rolle, aber bestimmt haben sie das auch nach der Verhaftung von O.J. Simpson behauptet. Wollen Sie mir vielleicht weismachen, dass Barack der Kandidat der Demokraten wäre, wenn Al Gore 2000 gewonnen und die Invasion im Irak nie stattgefunden hätte? Wie hätte dann wohl sein Wahlkampf-Slogan gelautet? Weiter so 08! Dasselbe in Schwarz! Status Quo - vote for the Bro!

Vor einigen Monaten wurde Geraldine Ferraro - eine Wahlkampfhelferin Hillary Clintons - mit den Worten zitiert: "Wenn Obama ein Weißer wäre, stünde er nicht da, wo er jetzt steht, und wäre er eine Frau (egal welcher Hautfarbe), stünde er auch nicht da, wo er jetzt steht. Er kann wirklich von Glück reden, genau der zu sein, der er ist."

Ich bin zwar mit den Leuten einer Meinung, die sagen, dass ein weißer Obama gegen Hillary keine Chance gehabt hätte, und dass es eine schwarze Hillary höchstens zur Moderatorin des ABC-Morgenjournals gebracht hätte (oder zum Bürgermeister von Detroit, wenn sie männlich und schwarz wäre). Trotzdem ist es offensichtlich, dass Obama seine Kandidatur nicht allein dem richtigen Timing verdankt. Sein politischer Werdegang ist nicht vom Zufall bestimmt, und es ist nicht der Zufall, der ihn ins Weiße Haus bringt, wie das bei Douglass Dilman in Irving Wallaces Film The Man der Fall ist, oder bei Chris Rock in seiner Komödie Head of State. Barack verfügt über mehr als über gutes Timing, gutes Aussehen und ein offenbar glückliches Eheleben. Er ist cool, und Coolness ist die absolute Transzendenz.

Es ist genau jene jazzhafte Gleichmut, der Obama zugutekommt. Als die Clintons ihm vorwarfen, er rücke von seiner Anti-Kriegshaltung ab und vertrete Reagansche Ideen, nahm er mithilfe dieser Coolness das Trommelfeuer der Kritik einfach zum Anlass, seine Weltsicht und seine Auffassung von Führung zu rekontextualisieren. Dieselbe Coolness erlaubt es ihm auch, die implizite Beleidigung in der Frage eines Fernsehmoderators, ob Bill Clinton der erste schwarze Präsident gewesen sei, mit einem Lachen abzutun. "Da müsste ich erst mal seine Qualitäten als Tänzer genauer untersuchen, bevor ich ein zutreffendes Urteil darüber abgeben könnte, ob er tatsächlich ein Bruder ist", versetzte Obama. Das war der Moment, wo der Hype mich hatte. "Das war cool", dachte ich mir. "Ich wette, der Alte weiß auch, wie viele Kammern der Wu-Tang Clan** hat."

Nicht einem der coolen Präsidentschaftsanwärter vor ihm - nicht Sharpton, nicht Muskie, nicht Humphrey und nicht Chisholm - ist es jemals in den Sinn gekommen, tänzerische Qualitäten als Maßstab für was auch immer anzulegen. Für mich war es das Äquivalent zu Hillarys überraschendem Tränenausbruch in New Hampshire. Ein kurzer, Sympathie weckender Blick unter die undurchdringliche Schicht Make-Up, die beide sonst ununterbrochen tragen.

Es ist also gar nicht so sehr seine Hautfarbe, sondern viel mehr seine unzerstörbare Coolness, die Barack Obama so unangreifbar macht. Warum man auf jemanden scharf ist, lässt sich nun einmal nicht scharf umreißen. Und mit welchen Worten soll man etwas angreifen, das sich nicht in Worte fassen lässt?

Besonders imponiert mir an Obama, dass er sich - wie jeder andere wirklich coole Mensch - gar nicht bewusst zu sein scheint, wie cool er eigentlich ist, auch wenn er mir bei seinen Wahlkampfauftritten in letzter Zeit ein bisschen vorkam wie Al Pacino in Melodie des Todes. Erinnern Sie sich noch, wie Sie im Kinosessel zusammengezuckt sind, als Pacino seine Coolness erkannte, sie sich bewusst zu eigen machte und sich prompt in einen schreienden Schatten seiner selbst verwandelte? Diese seltsamen Karate-Schläge! Und dann diese Stimme, die sich völlig unmotiviert in fiebrige Höhen schraubte - nur, weil es schon in Hundstage funktioniert hatte. Serpico ist seitdem nicht mehr der Alte gewesen. Und Obama ist seit der erbitterten Vorwahlschlacht um Ohio und Texas und spätestens seit Ferraros Äußerung nicht mehr der Alte.

Baracks Hipnessquotient ist zwar längst nicht auf den Tiefpunkt gefallen, den Al Pacino mit An jedem verdammten Sonntag erreicht hat, aber er setzt seine gelassen-phlegmatische Zurückhaltung genauso ein wie Pacino seine Schauspielkunst - als Krücke. Nur kommt der Hugo-Boss-Stoizismus, der die Leute in Iowa, South Carolina und die ganzen Ophra Winfrey-Hörigen so begeistert hat, inzwischen nicht mehr so cool rüber, sondern als Schwäche. Er lässt seine Schlachten von ihm wohlgesonnenen Medienleuten wie Keith Olbermann und Maureen Down austragen.

Eine Freundin erzählte mir einmal, sie möge Obama deswegen so sehr, weil aus seiner Miene nicht jene Niedergeschlagenheit spreche, die die meisten Afro-Amerikaner hinter einem falschen Lächeln, fest geflochtenen Zöpfchen oder - wenn schon nicht einem weißen Ehepartner, dann zumindest einem weißen Wochenend-Seitensprung - verstecken.

In letzter Zeit aber, findet sie, unterscheide sich Barack kaum noch von "jedem anderen schwarzen Motherfucker". Gebeugt und mitgenommen. In Shelby Steeles "Herausforderer/Verräter"-Taxonomie (einem politisch korrekten Euphemismus für "Aufsässige Nigger" und "Onkel Toms") ausgedrückt, wird Obama immer mehr zum "Verräter" - zu bloß einem weiteren besiegten, stummen Anpasser, der zum Scheitern verurteilt ist, weil er auf dem schlaffen Seil zwischen seiner weißen Gönnerschaft und seiner schwarzen Basis balancieren muss.

Ich war geneigt, der Beobachtung meiner Freundin zuzustimmen. Barack sieht langsam aus, als sei er der Welt ein wenig überdrüssig geworden. Das Lächeln wirkt angestrengt, die Augen strahlen nicht mehr ganz so hell. Doch wenn ich einen Schritt zurücktrete, erkenne ich, dass er seine Coolness nicht verloren hat. Sie ist im Gegenteil sogar stärker geworden. Unter äußerstem Druck hat er jenen transzendenten Zustand erreicht, den die Homies früherer Tage als die Fähigkeit "durchzuhalten" bezeichnet haben. Wenn dir die Cops gerade den Kopf ohne ersichtlichen Grund an die Wand gedrückt haben, und dich jemand fragt, wie es dir geht, dann "hältst du durch". Wenn die Rechnungen fällig werden, "hältst du durch", wenn du dich durch einen Film quälst, in dem Halle Berry mal wieder eine ihrer hölzernen Darbietungen abliefert, "hältst du durch". Du warst der erste ernstzunehmende schwarze Kandidat für das Weiße Haus und Shelby Steel nennt dich einen "Verräter"? Halt durch!

Und ist der Held nicht sowieso immer dann am coolsten, wenn der Ausgang ungewiss ist? Dann, wenn die Zeiten am härtesten sind und Schwachköpfe wie ich seine Passivität mit Feigheit verwechseln? Zur Zeit geht es Obama wie Jackie Robinson ungefähr 1947. Wie der erste schwarze Baseballprofi steht er an der dritten Base und bereitet heimlich still und leise seinen Homerun vor, tut aber gleichzeitig so, als würden ihn die Beleidigungen, die ihm von der Zuschauertribüne, aus dem Pressebereich, von den gegnerischen Spielern und denen des eigenen Teams entgegenschallen, völlig aus dem Konzept bringen.

Genau wie Fonzi, der sich den Malachi-Brüdern entgegen stellt, nachdem sie Pinky Tuscadero mit dem berüchtigten Malachi-Griff außer Gefecht gesetzt haben, ist Barack der Inbegriff von Cool. Er ist Toshiro Mifune, der sich nach einem Bauchschuss mit einer Hand die Wunde zuhält und mit der anderen dem Oberbanditen einen letzten verzweifelten Schwerthieb versetzt. Er ist Mary J. Blige. Immer und überall.

Übersetzung: Holger Hutt Zilla Hofman

* Tony Dungy ist der erste Afro-Amerikaner, der als Cheftrainer die "Super Bowl" im American Football gewann. Er war von 1996 bis 2001 Cheftrainer der Tampa Bay Buccaneers und machte die von Vorgänger Sam Wyche übernommene Mannschaft in dieser Zeit erstmals konkurrenzfähig.

**Die New Yorker Hip-Hopper Wu-Tang Clan wurden 1993 durch ihr Album Enter the Wu-Tang (36 Chambers) bekannt

Der Originalartikel erschien in der Zeitschrift "The New Republic" ;



Paul Beatty wurde 1962 in West Los Angeles geboren. Er lebt als Dichter, Romanautor und Performance-Künstler in New York City. 1999 erschien der Roman Der Sklavenmessias (White Boy Shuffle 1996). Im Frühjahr 2009 erscheint beim Münchener Blumenbar-Verlag sein neuer Roman Slumberland.

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