Virus und Kredit

Corona Die Pandemie trifft auch die Wirtschaft hart. Die Länder des globalen Südens haben der Krise nichts entgegenzusetzen

Um sich gegen das Coronavirus und die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu sichern, existiert ein wichtiges Mittel: Geld. In Ostasien, Europa und Nordamerika mobilisieren Regierungen Milliarden, um den zu erwartenden Konjunktureinbruch abzumildern. Dafür leisten sich Regierungen reicher Länder zur Not höhere Defizite. Ein großer Teil der Staatenwelt jedoch ist nicht in einer solch komfortablen Situation. Arme Länder in Afrika, Lateinamerika und Zentralasien haben nur schwache Gesundheitssysteme und Verwaltungen. Schwächt sich die Konjunktur global ab, trifft sie das hart. Hoch verschuldet – und nun flieht auch noch das Kapital.

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Die US-Regierung hat einen Notfallfonds über acht Milliarden Dollar zur Bekämpfung des Coronavirus aufgelegt und wird ihn voraussichtlich aufstocken. Italien und Südkorea setzen bislang jeweils rund fünf Milliarden Dollar ein. Den Unternehmen wird mit billigen Krediten und Staatshilfen unter die Arme gegriffen. Dennoch stürzen die Börsenkurse ab, in den Metropolen der Welt wird von Hamsterkäufen berichtet.

Die Folgen von Ebola

Noch konzentriert sich die Ausbreitung von Sars-CoV-2 auf die wohlhabenderen Länder, ärmere Regionen sind weniger betroffen. Doch das kann sich ändern. Und ob Corona Afrika bislang tatsächlich weitgehend verschont hat, ist nicht sicher. Daten zu erheben, erweist sich als schwierig, und die offiziellen Angaben können täuschen. So starben 2009 auf diesem Kontinent durch die H1N1-Grippewelle laut WHO nur 168 Menschen. Eine Untersuchung unter Leitung der George-Washington-Universität in den USA kam in einer Modellrechnung dagegen auf eine Zahl von gut 21.000.

Die Folgen eines Übergreifens der Virusinfektion auf andere Teile der Welt wären gravierend. Fast alle Staaten, die in der Bewertung der Weltgesundheitsorganisation WHO am schlechtesten auf eine Pandemie vorbereitet sind, befinden sich im subsaharischen Afrika, in Süd- und Südostasien. Hier fehlen laut WHO öffentliche Infrastruktur, Kommunikationskanäle und hauptsächlich Geld. Bereits in der Vergangenheit litten diese Regionen am stärksten unter Infektionskrankheiten: Dort waren 2016 fast drei Viertel aller Opfer weltweit zu beklagen – und dies mit ökonomisch desaströsen Folgen. So kostete die Ebola-Epidemie in Guinea, Sierra Leone und Liberia die Länder allein 2014 zwei bis fünf Prozent ihrer Wirtschaftsleistung. Vier Jahre danach hatten sich die jeweiligen Ökonomien noch immer nicht von der Epidemie erholt.

Ob Afrika Gefahr durch Corona droht, ist noch nicht sicher. Fest damit zu rechnen ist aber, dass die Ökonomien des globalen Südens unter dem Konjunktureinbruch in den Industriestaaten leiden werden – besonders die rohstoffabhängigen Länder. Die Erwartung sinkender Nachfrage vor allem aus China lässt die Rohstoffpreise an den Börsen abstürzen. Der Bloomberg-Rohstoffindex liegt derzeit so tief wie zuletzt vor 35 Jahren. Das trifft zum Beispiel Südafrika, das bereits Ende 2019 in die Rezession gerutscht ist. Die Arbeitslosenrate liegt dort bei 30 Prozent, und „die Aussichten sind alles andere als rosig“, so Elisabeth Andreae von der Commerzbank.

Der Ölpreis bricht ein

Der Ölpreis ist zu Beginn dieser Woche um weitere 30 Prozent eingebrochen. Das stützt zwar die Konjunktur im reichen globalen Norden, bedeutet aber heftige Einnahmeverluste für die Ölexporteure. Nicht zuletzt für Nigeria, das zusammen mit Südafrika die Hälfte der gesamten Wirtschaftsleistung Afrikas bestreitet. Mehr als 90 Prozent seiner Exporteinnahmen resultieren aus dem Ölverkauf. Nigerias staatliche Budgetplanung für 2020 basiert auf einem Preis von 57 Dollar je Fass, gegenwärtig liegt der aber lediglich bei 36 Dollar. Die Ausgabenpläne müssten angepasst werden, kündigt Finanzminister Zainab Ahmed an. Einbußen drohen ebenso den ölabhängigen Staaten Nordafrikas oder des Nahen Ostens sowie Russland. „Der Rubelkurs kollabiert parallel zum Ölpreis“, so die Commerzbank zu Beginn der Woche. „Das erinnert uns an 2015, als ähnliche Entwicklungen Russland in eine lange und schmerzhafte Rezession brachten.“

Epidemien in Afrika

Kongo 2018 – 2020
Voraussichtlich Ende März wird die WHO die Ebola-Epidemie im Kongo für beendet erklären. Zwei Wochen schon gibt es keine Neuansteckung mehr. Seit Ende 2018 kam es zu 3.300 Infektionen. 2.264 verliefen tödlich.

Nigeria 2019 – 2020
Neben Ebola wird das größte Land Westafrikas immer wieder, so auch jetzt, vom Lassa-Fieber heimgesucht. Laut WHO gab es seit Jahresanfang über 700 bestätigte Infektionen (2019: 3.500 Verdachtsfälle), davon 118 mit tödlichem Ausgang.

Zentralafrika 2019 – 2020
Einer Masern-Epidemie, ausgebrochen im Vorjahr, fielen vor allem im Kongo bis heute mehr als 6.000 Menschen zum Opfer. Erkrankt am Masern-Erreger sind gut 310.000 Männer, Frauen und Kinder, die ohne Impfschutz waren. LH

Während sich die ökonomischen Folgen des Virus noch gar nicht entfaltet haben, sind die Reaktionen der Finanzmärkte bereits real. Nicht nur der Rubel stürzt ab, Gleiches gilt für den mexikanischen Peso wie den südafrikanischen Rand. Angesichts einer möglichen Krise schaltet das globale Anlagekapital in den „Risk-off-Modus“: Es sucht Sicherheit in Dollar, Euro, Franken und Yen und flieht aus als riskant eingeschätzten Investments – aus Aktien ebenso wie den Entwicklungs- und Schwellenländern. Für sie bedeutet der Kursverfall ihrer Währungen zum einen, dass Importe teurer werden und die Inflation zunimmt. Zum anderen steigen die Zinsen, die sie ihren Gläubigern zahlen müssen. So haben die Investoren zehnjährige südafrikanische Anleihen fallenlassen, spiegelbildlich ist ihre Rendite über neun Prozent geklettert. Im April will die Ratingagentur Moody’s die Kreditwürdigkeit Südafrikas neu bewerten. Eine Herabstufung steht in Aussicht, was weiteren Kapitalabfluss nach sich ziehen dürfte. „Das Coronavirus hat alle Hoffnungen zunichtegemacht“, zitiert die Finanzagentur Bloomberg Pater Takaendesa, Vermögensverwalter in Kapstadt.

Kapitalabzug und steigende Zinsen kommen für viele Länder zur Unzeit. Sie fallen in eine Phase, in der viele Staaten des globalen Südens bereits hoch verschuldet sind. Laut Internationalem Bankeninstitut IIF haben sich die Schulden der Schwellenländer seit 2010 verdoppelt, ein großer Teil davon geht auf das Konto Chinas. Die Schulden der armen Länder – der Low Income Countries (LIC) – sind von 90 Prozent der Wirtschaftsleistung auf den Rekordwert von 115 Prozent gewachsen. Etwa die Hälfte aller LIC war laut IIF bereits vor Ausbruch von Corona in einer prekären Finanzlage. Dieses und nächstes Jahr müssen Anleihen von über 255 Milliarden Dollar zurückgezahlt werden, fast die Hälfte davon in ausländischer Währung. Die betroffenen Staaten sind daher angewiesen auf steten Zufluss von Auslandskapital und auf Exporteinnahmen in harter Währung. Doch die bleiben gerade aus. „Damit sind diese Länder stark den Schwankungen der globalen Risikoeinschätzungen ausgesetzt“, mahnt das IIF. Und hier kommt Corona ins Spiel: Allein zwischen Januar und Februar brach der Kapitalzufluss in die Schulden von Schwellenländern um 60 Prozent ein.

Das beunruhigt zum Beispiel die Regierung in Kenia. 2010 fraßen Zinszahlungen auf Auslandsschulden noch ein Prozent aller Exporteinnahmen. 2018 waren es schon acht Prozent, zuletzt gingen für die gesamten Zinszahlungen etwa 30 Prozent der Ausfuhreinnahmen drauf – mehr als der Internationale Währungsfonds dem Land erlaubt. Kenia müsste also seine Zins- und damit Schuldenlast senken. Doch es fehlt Geld. Eine wesentliche Devisenquelle sind die Überweisungen von im Ausland arbeitenden Kenianern. Laut Bericht des Parlamentarischen Budget Office sind diese Einnahmen allerdings gefährdet durch Einreisebeschränkungen der EU und der USA.

Zu den Corona- und Finanzmarktrisiken kommt schließlich auch der Klimawandel hinzu. Laut Internationalem Bankeninstitut IIF finden sich unter den Low Income Countries viele, die erheblichen Klimarisiken ausgesetzt sind. Hohe oder steigende Schuldenstände begrenzen zum einen die finanziellen Möglichkeiten der Regierungen, auf den Klimawandel zu reagieren. Zudem kann das Wissen der Investoren um die Klimarisiken zu einem weiteren Rückgang privater Kapitalflüsse in verarmte Länder führen. Die nächste Schuldenkrise des Südens scheint programmiert.

06:00 14.03.2020

Ausgabe 22/2020

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