Vis-à-vis von nichts

Kritiker der Verdinglichung Am 12. Juli wäre der Philosoph Günther Anders 100 Jahre alt geworden

Als der Philosoph und politische Publizist Günther Anders 1983 in Frankfurt den Theodor W. Adorno-Preis erhielt, konnte er an der Veranstaltung in der Paulskirche wegen seiner schweren Krankheit nicht persönlich teilnehmen. Seine Rede wurde per Video eingespielt. Der damalige Oberbürgermeister Wallmann begrüßte Anders in seiner Laudatio als "Günter Grass". Anders verstand sich - wie er in den Ketzereien (zuerst 1982) schrieb - als "Vertreter von Kampfthesen, der es mindestens verdienen würde, attackiert zu werden." Für den Sprachschnitzer des Lokalpolitikers hatte Anders keinerlei Verständnis. Er empfand das sprachliche Malheur als Ausdruck "der Achtungslosigkeit".
Günther Anders wurde heute vor hundert Jahren am 12. Juli 1902 als Günther Stern in Breslau geboren. Beide Eltern waren Psychologen, der Vater William Stern gilt als Begründer der differentiellen Psychologie und genoss in der Fachwelt großes Ansehen. Anders studiert in Hamburg und Freiburg, wo er bei Husserl promovierte. In Marburg lernte er Martin Heidegger und Hannah Arendt kennen. 1929 heirateten sie nach Hannah Arendts kurzem Abenteuer mit Heidegger. Bereits 1936 wurde die Ehe wieder geschieden. Günther Anders und Hannah Arendt sahen sich bis zu deren Tod (1975) nur noch einmal 1961. Sie beschrieb ihn verständnislos als "runtergekommen. Mit völlig verkrüppelten Händen, sehr dünn, sehr fahrig. Er denkt an nichts als seinen Ruhm, völlig unbekümmert leicht verrückt,... außer aller Realität lebend, alles mit einem Klischee bezeichnend... Mir scheint, die schlichte Wahrheit ist, daß er vis-à-vis de rien steht, es aber nicht realisiert... Kurz er ist verhext."
Zumindest Anders´ verkrüppelte Hände erklären sich aus seiner schweren Arthrose und aus seinem Überlebenskampf im Exil. 1933 floh Anders über Frankreich in die Vereinigten Staaten, wo er sich zunächst als Fließbandarbeiter, Putzmann und Angestellter in einem Kostümverleih in Hollywood durchschlug. Von 1947 bis 1949 war er Lehrbeauftragter für Ästhetik an der New Yorker "New School for Social Research". 1950 kehrte er nach Europa zurück und ließ sich in Wien nieder, wo er sich mit Rundfunkbeiträgen und Übersetzungen über Wasser hielt, eine Universitätskarriere lehnte er ab. Vor knapp zehn Jahren - am 17.12.1992 - starb er nach langer und schwerer Krankheit in Wien.
Anders´ Frühwerk, das erst teilweise ediert ist, wurde geprägt von der Auseinandersetzung mit Husserl und Heidegger. In Paris schrieb er 1935 die Pathologie de la liberté, eine anthropologische Schrift, die Jean-Paul Sartre beeindruckte und beeinflusste. Als Spezifikum des Menschen begriff Anders dessen Unbestimmtheit und Offenheit: "Alles, was dem Menschen vorgegeben ist, ist, daß ihm nichts vorgegeben ist." Die Tatsache, dass der Mensch nicht auf ein bestimmtes Ziel festgelegt ist, bildet für Anders wie später für Sartre die Grundlage und Voraussetzung für die Freiheit der Menschen. Zu dieser Freiheit gehört auch die Fähigkeit, der Wirklichkeit zu trotzen oder diese zu leugnen. Für den Anders-Kenner Konrad Paul Liessmann, der eben eine ebenso präzise wie gut lesbare Studie über Anders herausgebracht hat, erscheint diese Fähigkeit als "radikalster Ausdruck von Freiheit."
Am 11.3.1942 notierte Anders einen Satz in eines seiner Notizhefte, der fortan sein philosophisches Denken bestimmte: "Glaube, heute vormittag einem neuen Pudendum auf die Spur gekommen zu sein; einem Scham-Motiv, das es in der Vergangenheit nicht gegeben hat. Ich nenne es vorerst für mich ›prometheische Scham‹; und verstehe darunter die Scham vor der ›beschämend‹ hohen Qualität der selbstgemachten Dinge." Scham entdeckte Anders bereits dort, wo der Mensch sich der Zufälligkeit seiner Existenz bewusst wird. Diese zweite Scham aber beruht darauf, dass sich Menschen den von ihnen selbst hergestellten Apparaten unterlegen fühlen und sich die Nebenwirkungen und Folgen ihres Herstellens nicht ausreichend präzis vorstellen können. Jede technische Errungenschaft bedeutet ein Mehr an Entfremdung des Menschen von sich selbst, mithin eine Mediatisierung und Funktionalisierung des Menschen mit dem Ziel, diesen restlos aus der Welt zu verbannen. Anders nennt dies "die Antiquiertheit des Menschen". Das bildet eines der Hauptmotive und ist der Titel seines zweibändigen Hauptwerks. Die beiden Bände, die 1956 und 1980 erschienen, enthalten die radikalste Kritik an der technisch-industriellen Zivilisation und an dem darin schlummernden Zerstörungspotential. Der Vorwurf, Anders verteufele die Technik und beschwöre ein technikfreies, quasi-romantisches Zeitalter, ist unberechtigt. Er warnt vielmehr vor der technisch-wirtschaftlichen Instrumentalisierung des Menschen und seiner Lebenswelt und räumt obendrein ein, daß "das Fehlen der Technik in unterentwickelten Ländern eine ungleich größere Gefahr" darstellt "als deren Existenz."
Anders erkannte das Zerstörungspotenzial der Zivilisation in der Vernichtung des europäischen Judentums und beim Einsatz von Atombomben am Ende des Zweiten Weltkriegs in Hiroshima und Nagasaki. Er wusste zugleich sehr genau zu unterscheiden zwischen den beiden Ereignissen. Beide haben zwar gemeinsame Wurzeln in der ökonomischen und technischen Rationalität, aber darüber hinaus steht "Auschwitz" bei Anders für das schlechterdings "Monströse" und "moralisch ungleich entsetzlichere Ereignis". Mit der Charakterisierung des Daseins von Menschen in Vernichtungslagern als "Rohstoffdasein" stellte Anders die Vernichtung von Menschen und die materielle Produktion nicht auf eine Stufe, sondern setzte sich ab vom "feierlichen Tonfall" in der Rede über Auschwitz. "Getötet worden ist niemand. Und ermordet worden ist ebenfalls niemand. Wie tief dich das erschrecken mag, die einzige angemessene, die einzige wahre, die einzige der Millionen Entwürdigten würdige Rede ist die zynische. Zu sprechen hast du also von dem Material, das, der Maschine zur Verarbeitung zugeliefert, die ungewöhnliche Eigenschaft besessen hat, sehen, hören und fühlen zu können."
"Hiroshima" ist schwerer faßbar, fast überall vergessen und "faktisch schlimmer", weil die Täter unsichtbar blieben und das nur Sekunden dauernde Ereignis den Charakter einer Apokalypse hatte. Wie kein anderer Philosoph hat sich Anders in verschiedenen Büchern mit diesem "Massenmord ohne Mörder" beschäftigt und einem zunächst weitgehend mit "Apokalypseblindheit" geschlagenen Publikum den Spiegel vorgehalten - unter anderem im Tagebuch einer Japanreise und im Briefwechsel mit dem Hiroshima-Piloten Claude Eatherly. Die Atombombe ist nichts anderes als "Ding gewordene Erpressung", die nicht mit Krieg und Zerstörung, sondern mit der "Ermordung der Menschheit" droht. Und die sogenannte friedliche Nutzung der Atomkraft bezeichnete Anders ebenso früh wie zutreffend als "Zeitbombe mit unfestgelegtem Explosionstermin."
Solche Zuspitzungen haben ihm viel Hohn und Spott über das Antiquierte seiner Rede von der "Antiquiertheit" eingetragen. In letzter Zeit ist es - belehrt durch jüngste Erfahrungen mit Katastrophen, Krieg, Bürgerkrieg und Terror - etwas ruhiger geworden. Aber davon abgesehen, gehört die zuspitzende Übertreibung zum Produktivsten in Anders´ Denken. Damit beziehungsweise seiner Methode der "prognostischen Hermeneutik" vermochte er zu zeigen, was mit der "Herrschaft der Technik" über die Welt und die Menschen wirklich droht: die "Herren der Apokalypse" machen den Menschen und die Menschheit insgesamt "total ohnmächtig", indem sie diese in ein Räderwerk von technischen und ökonomischen Sachzwängen einspannen und die "Überflüssigen" ins Nichts von Arbeitslosigkeit, Armut und Elend verbannen. In einer solchen Welt würden Ziele und Zwecke verschwinden und alle und alles wäre nur noch Mittel. Bis in die Kapillare der Lebenswelt, der Gewohnheiten und der Mentalitäten hinein prägen Produkte und technische Apparate den Menschen. Und es wäre laut Anders "kaum eine Übertreibung, zu behaupten, daß Sitten heute fast ausschließlich von Dingen bestimmt und durchgesetzt werden."
Eine Voraussetzung dafür ist die mentale Zurüstung der Menschen in einer "konformistischen Gesellschaft" durch die Medien. Schärfer als alle andern erkannte Anders in der "Bildermacherei und Bilderfresserei" - in der "Verbilderung der Welt" - eine Gefahr für die Menschen wie für die Welt. Die Menschen werden dadurch erfahrungslos, leben von Bildern aus zweiter, dritter und vierter Hand, während die Wirklichkeit zum Phantom wird und der Zuschauer zum "voyeurhaften Herrscher über Weltphantome". Die Täuschung, die Live-Übertragung vermittle unbearbeitete und unverfälschte Realität, verdeckt auch den dahinter steckenden Herrschaftsmechanismus. Während sich der Zuschauer als Herr fühlt, macht sich das Medium durch Bildauswahl und Bildvermittlung selbst zum "Herrn des Herrn". Der Fernsehkonsument wird zum freiwilligen Mitarbeiter bei der "Verwandlung seiner selbst in einen Massenmenschen."
Als Hans Mayer 1981 den zweiten Band von Anders´ Hauptwerk besprach, setzte er an den Schluss seiner Rezension den Satz eines anderen kritischen Heidegger-Schülers: "Was der Mensch dem Menschen und der Natur angetan hat, muß aufhören, radikal aufhören, und dann erst und dann allein können die Freiheit und die Gerechtigkeit anfangen" (Herbert Marcuse). Den Satz hätte auch Anders unterschrieben. In der Substanz hat beider Denken nichts an Aktualität verloren.

Die wichtigsten 12 Bände von Anders´ Schriften sind als Taschenbücher im Verlag C.J.Beck (München) verfügbar; eben erschienen ist die hervorragende Einführung von Konrad Paul Liessmann, Günther Anders, Philosophieren im Zeitalter der technologischen Revolutionen, Verlag C.H.Beck, München 2002, 208 S., 19,90 EUR


00:00 12.07.2002

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