Vitaminfreiheit, globale

Berliner Abende Auch ich entwickle zu jeder gesellschaftlichen Lästigkeit die passende psychosomatische Reaktion. Gewiss. Aber das ist dann doch etwas anderes als ...

Auch ich entwickle zu jeder gesellschaftlichen Lästigkeit die passende psychosomatische Reaktion. Gewiss. Aber das ist dann doch etwas anderes als die perfiden Ränke des Pharma-Kartells, zu jedem neuen Pülverchen, das seinen wissenschaftlichen Kreaturen aus den Hirnen rieselt, die passende Krankheit zu erfinden. Wie sollen wir da je gesunden? Dürfen wir es überhaupt? Bilden Pharmazie und Sanitas nicht eines jener verflixten antagonistischen Widerspruchspaare?

Mitte vergangener Woche war das Tempodrom rappelvoll. Gewienerte Rollstühle glänzten im Scheinwerferlicht, von der Schulmedizin Entsaftete saßen dicht an jungen Naturheilgourmands: Dr. Matthias Rath war da! Und mit ihm Zeugnis Ablegende - "danke, Dr. Rath" -, wundersam Geheilte. Tumore trennten sich gedemütigt vom eben noch zerfressenen Organ. Blutdruckkatastrophen sedierten zu sanftem Schlummer. Von barnardschen Menschenmechanikern praktisch zur Auswechslung geborgene Herzen hatten im Angesicht von Dr. Rath - "danke!" - wieder kräftig zu pumpen begonnen, und zerschlissene Gefäße ihre Wände so prachtvoll erneuert, dass die Ablagerungen nichts mehr fanden, woran sie sich klammern konnten. Abteilungsleiter aus allen Zweigen des Rath-Imperiums mischten sich dazwischen, und dann kam Katja Epstein, strahlendes Kupfer wie einst im Mai, und sang Vitaminlieder. "Vielen Dank."

Sagen Sie nicht, Sie wüssten nicht wer Dr. Rath ist, kennten nicht seine Foundation, seine zahllosen Vitaminberater. Nicht die ganzseitigen Erweckungen in der Weltpresse, in denen Dr. Rath seine Verfassung für die Menschheit propagiert, die UN in die Pflicht nimmt und den Kampf auf, gegen das skrupellose Geschäft mit der Krankheit. Die "größte Befreiungsbewegung in der Geschichte", so die Leiterin seiner Labors für Zellular Medizin in den USA, Dr. Aleksandra Niedzwiecki, ein blondes Gift, sagen die Kartell-Verbrecher. Mit dem Irak-Krieg ist, zusammengefasst, eine neue Stufe des Kampfes erreicht, denn zu nichts anderem hat die Pharma- und Ölindustrie die Bushmänner los geschickt, als von den revolutionären Ergebnissen der rathschen Forschung abzulenken.

Wer nun glaubt, es hätte sich eine gewisse Skepsis unter die Tausende im Tempodrom gemengt, sollte vielleicht noch wissen, dass Dr. Rath Linus Pauling zu seinen Freunden zählte, jenen Nobelpreisträger, der in späten Jahren in den Gazetten über die Steigerung seines Vitamin C Verbrauches informierte, und dass Rath eben jenem Freund quasi am Totenbett in die kalte Hand schwor, sein vitaminreiches Werk fortzusetzen, globale "Vitaminfreiheit" einzufordern und die Vitamine vor den manipulierenden, unterdrückenden Klauen des Kartells zu schützen.

Dr. Rath war überaus erfolgreich. Ein Bär, zum Beispiel, bis unter die Haarspitzen mit Cholesterin zugedröhnt, winters ein halbes Jahr herumfaulend, müsste nach Maßstäben der kartellhörigen Schulmedizin längst ausgestorben sein. Warum kennen Tiere keinen Herzinfarkt? Fragte der gute Doktor und fand: Tiere produzieren ihren Eigenbedarf an Vitamin C. Der Mensch aber kann das nicht. Vielmehr vernutzt bereits ein Atom Adrenalin ein Atom Vitamin C. Das in unseren stresskranken Zeiten! So kam der Begründer der Zellular Medizin zur kartellzerschmetternden Wahrheit: Die großen Volkskrankheiten, die Quadrillionen verschlingenden, die profitmaximierenden, sind keine Krankheiten. Sie sind schierer Mangel.

Dr. Rath, vom vertrauenswürdigen Äußeren eines domestizierten Jung-Siegfrieds in der Darstellung des Diskuswerfers B. (Die Nibelungen), gibt jetzt dem atemlosen Auditorium zwei Semester Medizinerausbildung in zwei Minuten: der Blutdruck - ein Gartenschlauchproblem, das müde Herz - ein leergefahrener Motor, der mit Treibstoff zu versehen sei. Das leuchtet ein. Was allein an der Verbrechens-Uni zu sparen wäre! Und die Krebszellen haben wir uns wie kleine runde Piranhas vorzustellen, denen es gefällt, in uns herumzufressen. Die rathsche Vitaminmischung stopfen wir ihnen direkt in die aufgerissenen Mäuler. Bis sie nicht mehr papp sagen können.

So rinnt der nicht enden wollende Abend in die Nacht. In meinen Eingeweiden beginnen die Piranhas in panischer Furcht ein letztes Wettfressen. Oder ist es schon winselnde Kapitulation? Draußen steht allein eine junge Frau im Protest, unter den Hunderten von "Architekten des neuen Gesundheitssystems". In Sorge um die zarte Homöopathie? Im Auftrag des Kartells?

Anlässlich des Weltgipfels zu Johannesburg wie beim Appell von Chemnitz versprach Dr. Rath: "Gesundheit für alle bis zum Jahr 2020". Das könnte mir reichen. Danach die Sumpfflut. Danke.

00:00 17.10.2003

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare