Vivaldi hätte das nicht gewollt

Gala Die Verleihung des Opus-Klassik-Preises zeigt: Komplexe Musik hat es schwer in unserer unterhaltungssüchtigen Zeit

„Folgen Sie den Anordnungen des Sicherheitspersonals!“ Solche Durchsagen und allerlei absurde Distanz-Vorschriften stimmen vor halb leerem Saal auf eine Gala im Berliner Konzerthaus ein, die einen „kulturellen Neustart“ glanzvoll in Szene setzen will. Die Verleihung des Opus-Klassik-Preises trifft dieses Jahr auf doppelte Not: Sie soll wie immer für klassische Musik „neue Kreise gewinnen“, aber auch der Branche von „Maßnahmen“ genesen helfen, die selbst das Singen unter Strafe stellten. „Musik ist ein Menschenrecht“, weiß der Geiger Daniel Hope, der zu Recht einen Preis erhält, weil er sein Haus über Monate hinweg beschäftigungslosen Musikern öffnete und mit ihnen auf Arte musizierte. Und die Sängerin des Jahres, Sopranistin Sonya Yoncheva, widmete ihren Preis jenen, die während des Lockdowns nicht aufgaben. Schon immer war dieser Preis das putzige Bemühen, Klassik mit den Mitteln des Showgeschäfts zu popularisieren. Glamour, Starkult, Charts: Es geht selten allein um Kunst und immer auch um ihr ökonomisches Fundament. Gepriesen werden deshalb nicht nur die Besten, sondern eben auch Bestseller. Lang Lang zum wievielten Mal? Immer wieder Vivaldi – nur eben diesmal auf der Klarinette des Schweden Martin Fröst, einem Instrument, für das Vivaldi keinen einzigen Ton geschrieben hat, weil es noch nicht erfunden war. Wirklich neue Töne dagegen werden nicht prämiert.

Preiswürdig sind nur gefällig tönende Grenzüberschreitungen wie die der ägyptischen Sängerin Fatma Said, die arabische Lieder mit Opernarien mischt. Prinzipiell gefällt, was nicht in den Spalt zwischen E und U fällt. Ernst und Unterhaltung waren aber noch nie der maßgebliche Gegensatz. Was klassische Musik vom Populären trennt, ist ihre Komplexität, weshalb sie sich selten einfach konsumieren lässt. Noch immer herrscht das Missverständnis, man müsse Schwellenängste erzeugende Konzertrituale irgendwie einebnen: Open Air, Oper für alle, Wunschkonzert statt symphonisches Stillsitzen. Also gibt es auch für Niederschwelliges den Opus Klassik, etwa für den besten klassischen Videoclip. Obligatorisch ist von „abholen“ die Rede. Aber wo soll man ein Publikum „abholen“, das die Musik nicht versteht?

Verwundete Klassikseele

Dass der Markt nicht alles regelt, zeigt sich in der hoch subventionierten klassischen Musik. Aber selbst das viele Geld für die dreistellige Anzahl von Berufsorchestern und Opernhäusern in Deutschland und für prächtige neue Konzerthäuser führt nicht ans Ziel. Dem bloßen Konsumenten lassen sich ein paar Bestseller andrehen, aber klassische Musik lebt nicht allein von Konsumenten, sondern von Menschen, die selbst musizieren. Der Schwund eines alternden Publikums geht zurück auf den Schwund musikalischer Bildung.

Die schon lang periphere musische Bildung ist selbst an höheren Schulen in Covid-Zeiten fast völlig zusammengebrochen. Umso wichtiger sind Initiativen wie die des Pianisten Igor Levit, der im Netz einem breiteren Publikum Beethoven nicht nur vorgespielt, sondern verständlich gemacht hat. Auch er hätte einen Opus Klassik verdient – und wohl auch bekommen, wäre er nicht schon im vergangenen Jahr für seinen „Bestseller“, die Einspielung sämtlicher Beethoven-Sonaten, ausgezeichnet worden. Nur wer Klassik hören kann, kann sie auch fühlen und genießen. Davon war bei diesem Feldgottesdienst zur Salbung verwundeter Klassikseelen aber leider nicht viel zu hören.

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