Vodafone ist nur ein Symbol

FORMWANDEL DER DEUTSCHLAND AG Gewerkschaften und Betriebsräte sollten nicht den Konsens gegen die "ausländische Bedrohung" suchen, sondern Übernahmen für eine intelligente Strategie nutzen

Schafft Vodafone 50 Prozent plus eine Stimme? Wenn die Erklärungsfrist für die Mannesmann-Aktionäre nicht doch noch verlängert wird, endet am kommenden Montag die größte und teuerste Übernahmeschlacht, die es jemals gegeben hat. Kurz vor Ultimo hat die britische Mobilfunkgruppe durch die Partnerschaft mit dem französischen Mischkonzern Vivendi noch einmal anständig punkten können. Wie nun auch immer das Ergebnis ausfallen wird: Gewerkschaften und Betriebsräte müssen sich auf einen Formwandel des Kapitalismus einstellen, der sich auch in Deutschland vollzieht.

Groß ist die Aufregung, merkwürdig sind die Koalitionen. Vodafone hat die Politik und das Gewerkschaftslager gleichermaßen verunsichert. Bayerns Ministerpräsident Stoiber fordert die Einführung von Schutzklauseln, die unter anderem "einen fairen Umgang mit den Arbeitnehmern nach der Übernahme garantieren" sollen. Ansonsten nicht gerade als gewerkschaftsnah verdächtigte Wirtschaftsprofessoren mahnen, "soziale Aspekte dürfen nicht vergessen werden". Exponiert hat sich auch die IG Metall, teilweise leider mit national eingefärbten Tönen. Grundsätzlicher wird die Gewerkschaft in ihrer Zeitschrift direkt: "Die IG Metall wendet sich gegen feindliche Übernahmen, weil dabei lediglich die Interessen der Aktionäre berücksichtigt werden. Die IG Metall fordert, Übernahmen zu regulieren - sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene. Volkswirtschaftliche und Arbeitnehmer-Interessen, wie etwa der Erhalt von Arbeitsplätzen, sollten dabei eine Rolle spielen."

Warum viele Betriebsräte und Gewerkschafter feindliche Übernahmen durch ausländische (in der Regel: angelsächsische) Konzerne generell für Teufelszeug halten, ist nicht ganz nachvollziehbar. Denn es ist hierzulande an der Tagesordnung, dass Eigentümerfamilien ihre mittelständische Firma an Interessenten meistbietend verkaufen, oft gegen den Willen der von den Eigentümern eingesetzten Geschäftsführer. Und die Belegschaften werden sowieso nicht gefragt. Die in der "Deutschland AG" dominierenden Banken und Versicherungen verfahren mit ihren Aktienpaketen bekanntlich ebenso: Erst als die Banken die Weichen längst gestellt hatten, durften die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat die Fusionen von Karstadt und Quelle, von Hypo- und Vereinsbank abnicken. In diesen und anderen Fällen wurden Arbeitsplätze vernichtet. Solche Übernahmen sind in der "Deutschland AG" also üblich. Ebensowenig ist das Ausschlachten von Unternehmen ein neues Phänomen. In den neuen Bundesländern sind flächendeckend Betriebe allein mit dem Ziel übernommen worden, die Filetstücke zu verwerten und den Rest zu liquidieren.

Warum dann die Aufregung über das Vodafone-Angebot? Hat doch gerade Mannesmann unter den in Deutschland ansässigen Weltkonzernen sich mehr als andere am Shareholder Value orientiert. Dabei sind tausende Arbeitsplätze im Ruhrgebiet, in Schweinfurt und anderswo verloren gegangen. Gerade deshalb ist Vodafone offensichtlich nur ein Symbol: für den Formwandel des Kapitalismus, der sich längst auch in Deutschland vollzieht. Die Symbiose von Mehrheits-Eigentümern, Geschäftsführung und kreditgebenden Hausbanken schwindet. Börse, Analysten und Investment-Banker werden stärker. Alle Geschäftsbereiche und Anlagen eines Unternehmens werden ständig auf ihre "Wertschöpfung" überprüft und gegebenenfalls veräußert. Die Vorstände müssen bei Analysten und Investmentbankern antreten, um ihre Entscheidungen und ihre Pläne zu rechtfertigen, während Betriebsräte und Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat in der Regel eine halbe Stunde vor Veröffentlichung im Internet über Zukäufe oder Ausgliederungen informiert werden. Unternehmen sind zur Handelsware geworden, die Beschäftigten sowieso. Die Schnelligkeit bei Übernahmen ist wichtiger als der Kaufpreis, klassische Bewertungsmethoden zählen nicht. Konzentration und Größe auf dem Weltmarkt ist alles, denn in jeder Branche verdienen nur die Konkurrenten auf den ersten Plätzen richtig Geld, 15 Prozent ist der übliche Maßstab für die Eigenkapitalrendite.

Mitspielen beim Kasino-Kapitalismus

Der Formwandel zum Shareholder-Kapitalismus ergreift auch die Belegschaften und die Gewerkschaften. Belegschaftsaktien verbreiten sich immer mehr, in vielen börsennotierten Firmen können die Beschäftigten bis zu zehn Prozent ihres Gehalts zu Vorzugspreisen in Firmenaktien anlegen. Dazu kommen Optionen auf Aktien als neue Form der "Nasenprämie" - nicht nur für Manager. In den USA, wo es keine gesetzliche Rentenversicherung gibt, zählen die Investmentfonds der kalifornischen Lehrer (Calpers) und der öffentlichen Beschäftigten im Bundesstaat New York zu den größten im Lande. Und natürlich werden die von den Gewerkschaften verwalteten Gelder für die Zusatzrenten ihrer Mitglieder sowie Teile der Mitgliedsbeiträge überwiegend in Aktien angelegt. Das zeigt nicht zuletzt die Aktionärsstruktur von Mannesmann: Fonds, die von US-Gewerkschaften aufgelegt wurden, halten 13 Prozent des Kapitals.

Die von der Bundesregierung geplante Stärkung der privaten Rentenvorsorge läuft direkt auf eine Förderung der Börse hinaus. Und die von den Gewerkschaften diskutierten Tariffonds für eine "Beschäftigungsbrücke zwischen jung und alt" würden sicher zum erheblichen Teil in Aktien angelegt werden. Gewerkschaften und Betriebsräte sind insoweit längst Teil des Kasino-Kapitalismus, gegen den sie in der Öffentlichkeit polemisieren. So bleiben auch die programmatischen Forderungen nach einem Regelwerk gegen den Shareholder Value-Kapitalismus merkwürdig schwammig, obwohl es dringend notwendig wäre, Kapitalflüsse zu kontrollieren und zu (be-)steuern.

Da wirksame Regeln derzeit bestenfalls Zukunftsmusik sind, beschränken sich Gewerkschafter und Betriebsräte bei Fusionen und Übernahmen meist auf ihren eigentlichen Job: dafür zu sorgen, dass die Arbeitskraft der von ihnen vertretenen Beschäftigten möglichst teuer bezahlt wird, dass die Arbeitsplätze erhalten bleiben und vielleicht sogar neue geschaffen werden.

Bei dieser rein defensiven Strategie müsste es nicht bleiben, insbesondere dann nicht, wenn die Stimmrechte der Belegschaftsaktionäre und - wie im Fall Mannesmann oder Compaq/Digital - die Aktienpools der US-Gewerkschaften in die Waagschale geworfen werden. Gerade bei feindlichen Übernahmeversuchen sind die beteiligten Vorstände angeschlagen und suchen Unterstützung. Gibt es eine bessere Gelegenheit, von ihnen Zusagen und vertragliche Garantien für die Beschäftigten zu bekommen? Wenn es solche Erfolge gibt, dann macht es auch Sinn, in einer Übernahmeschlacht Partei zu ergreifen. Gleiches gilt für Sozialstandards: Gibt es eine bessere Gelegenheit als eine Fusion oder Übernahme, um das Verhalten der beteiligten Konzerne in Bezug auf internationale Sozialstandards offenzulegen? Wie halten es die Konzerne mit Gewerkschaftsrechten, Tarifnormen, Niedriglöhnen, Kinderarbeit, Arbeitszeiten? Auf solche kritischen Fragen an Mannesmann und Vodafone haben die Gewerkschaften bislang verzichtet.

Mehr Transparenz durch US-Börsenstandards

Die Orientierung des Managements auf den Börsenwert und die Umstellung auf internationale oder US-Bilanzierungsregeln hat für die tägliche Arbeit von Betriebsräten und Gewerkschaftern auch Vorteile. Unternehmen werden transparenter. Die von der Wallstreet verlangten Quartalsergebnisse sind meist aussagekräftiger als das, was üblicherweise Betriebsräten und Aufsichtsräten geboten wird. Damit werden die Kennzahlen klarer, nach denen die Vorstände Entscheidungen treffen und über die Zukunft von Standorten, Geschäftsgebieten und Abteilungen entscheiden.

Auf dieser Grundlage können sich Betriebsräte und Gewerkschafter frühzeitig einmischen, Alternativen verlangen oder selbst entwickeln. Vieles ist öffentlich und im Internet nachlesbar - von den Luxus-Gehältern, Pensionszusagen, Abfindungen und Optionen der Manager bis hin zu den vorhersehbaren Risiken, über die Aktionäre informiert werden müssen. All das können Betriebsräte nutzen, um die Beschäftigten umfassend zu informieren. Hinzu kommt, dass Belegschaftsaktien und gewerkschaftliche Aktienpools neue Möglichkeiten eröffnen, unmittelbar Druck auf die Unternehmensvorstände auszuüben. In den USA nutzen Belegschaftsvertreter die Aktionärsversammlungen als Tribüne zur Kritik der Unternehmenspolitik. Auch in Deutschland spricht nichts dagegen, dass Betriebsräte und Gewerkschafter die Analysten und die Wirtschaftsjournalisten kontaktieren und mit ihrer Sicht der Konzernstrategie konfrontieren. Das hierzulande gern gepflegte Vorurteil, dass Vorstände und Betriebsräte gegen die anonymen geldgierigen Aktionäre an einem Strang ziehen, stimmt in der Realität oft nicht. Als das Management des Computerbauers Digital Equipment (jetzt von Compaq geschluckt) jahrelang mehr durch Personalabbau und Kostensenkung statt durch wachstumsträchtige Geschäftsstrategien glänzte, gewannen Betriebsräte und Gewerkschafter auf der Aktionärsversammlung 1997 fast 20 Prozent der Stimmen für die Abwahl des Unternehmenschefs.

Ob gewollt oder nicht: Mit undifferenzierter Polemik gegen den Shareholder Value und gegen feindliche Übernahmen begeben sich Betriebsräte und Gewerkschaften ins Lager des nationalen Wirtschaftskrieges - vor allem gegen die angelsächsische Konkurrenz. Tatsächlich hat die "Deutschland AG" bei ihrer Transformation zum Shareholder-Kapitalismus ein paar Probleme: Die bestehen nicht zuletzt darin, dass die Börsenkapitalisierung der internationalen Konkurrenz in der jeweiligen Branche teilweise ein Vielfaches beträgt. Gemessen in der üblichen Fusionswährung - Aktien - sind deutsche Firmen billig zu haben. Also besteht bei Unternehmen mit breiter Aktienstreuung die Gefahr der Übernahme. Die rot-grüne Bundesregierung hat unter anderem deswegen ein "Turboprogramm" zur Förderung der Aktienkurse aufgelegt (Steuerreform, Steuerfreiheit für Verkauf von Beteiligungen). Die Regierung macht also ihren Job für "ihre" Konzerne. Betriebsräte und Gewerkschaften sollten deshalb nicht noch einmal den Konsens gegen die "ausländische Bedrohung" suchen, um anschließend den ultimativen Tritt zu bekommen.

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00:00 04.02.2000

Ausgabe 42/2021

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