Voll Pop eyh

Linksbündig Migrantenkids und was aus ihnen werden kann

Die Geschichte scheint einfach, und nicht Wenige möchten sich vermutlich gar nicht mit ihr beschäftigen. Ist ja alles so simpel.

RTL hat eine neue Show, sie heißt Deutschland sucht den Superstar. Hier dürfen junge Menschen einer Jury vorsingen, das Fernsehen nimmt die mitunter recht hilflosen ersten Auftritte auf. Eine Demütigung mit dem Ziel, vielleicht, ja vielleicht mal eine große Karriere zu machen.

Weit über die Hälfte der über zehntausend jungen Leute, die sich bei RTL bewerben, sind so genannte Migrantenkids. Jugendliche also, die selbst oder deren Eltern aus der Türkei, aus arabischen Ländern, aus dem ehemaligen Jugoslawien, von den Philippinen oder aus anderen Winkeln der Erde nach Deutschland gekommen sind. Oft zeigen sie stolz die Insignien ihrer Subkultur: Goldkettchen, falsch rum aufgesetzte Basecaps, Push-Up-BHs oder turnschuhähnliche Schuhe mit zentimeterdicken Absätzen.

Deutschland sucht den Superstar ist eine demokratische Sendung. Jeder darf teilnehmen, niemand wird ausgeschlossen: nicht Bildung, nicht Herkunft, auch nicht Aussehen oder musikalisches Vermögen stellen eine Barriere dar, um vor die Jury treten zu dürfen. Es ist ein dem Abendland und seinem Bildungsbürgertum eher fremd erscheinender Demokratiebegriff, der im Grunde amerikanisch anmutet.

Inoffizieller Chef der Jury ist der Sänger und Produzent Dieter Bohlen, und weder er noch seine Jurykollegen sind frei von hiesigen Vorurteilen. Aber für die Migrantenkids stellt die Jury so etwas wie Schicksal dar, man kann es auch den Markt nennen: Nur einer kann nämlich zum "Superstar" aufsteigen. Darüber entscheiden zunächst Bohlen und Kollegen, später die RTL-Zuschauer. Die anderen bleiben, was sie sind: auf der Suche nach einer Lehrstelle oder machen PR-Jobs in der Fußgängerzone.

Die Musik ist für sie wie sonst nur der Sport die einzige Chance für den sozialen Aufstieg. Auch das mutet amerikanisch an, aber es findet in Deutschland statt. Freilich sorgt der Umstand, dass Namen wie Tarik oder Valbone, Mehmet oder Ayshe nicht so recht deutsch klingen, dafür, dass auch etliche liberale Deutsche glauben, es sei ein ausländisches Phänomen.

Die Subkultur der Migrantenkids erntet, gerade im liberalen Milieu, Häme. Das Comicduo Erkan und Stefan und TV-Sendungen wie Was guckst du oder Knop´s Spätshow (Sat1) zeigen, ohne es zu wollen, wie doof Migrantenkids mit ihrer Kanaksprak, die vor allem aus "krass" und "voll korrekt" besteht, doch seien.

Als ob sie selbst nicht an der Gesellschaft teilhaben wollten. Dabei finden sich Menschen mit türkischen Vornamen in der deutschen Öffentlichkeit einfach so gut wie nie. Aller sozialdemokratischen Bildungspolitik zum Trotz findet sich kein Bülent als Fernsehmoderator, keine Ayshe als Ärztin und kein Mehmet als Professor. Nicht mal bei Günther Jauch treten sie in einer Verteilung auf, die wenigstens halbwegs repräsentativ etwas mit der deutschen Gegenwartsgesellschaft zu tun hätte.

Karriere läuft hier eben einzig über Sendungen wie Deutschland sucht den Superstar oder seine Vorläufer. Popstar hieß ein Format auf RTL 2, das bereits zweimal lief. Aus der ersten Staffel ging die Girlgroup No Angels hervor, aus der zweiten die gemischte Band Bro´sis. Von den fünf No Angels-Sängerinnen geht in hiesigen Diskursen nur eine, die blonde Sandy aus Wuppertal, als Deutsche durch. Die anderen müssen sich, so sie nicht gerade "krass" und "korrekt" sagen, eher die Frage gefallen lassen, warum sie so gut Deutsch sprechen. Bei den Fünfen von Bro´sis ist es noch klarer, sie heißen: Giovanni, Ross, Saham, Faiz, Indira und Hila.

RTL nimmt mit seinen Shows Entwicklungen auf, die es schon lange gibt. Xavier Naidoo, Sabrina Setlur oder Moses Pelham haben sich schon längst ihren Platz erkämpft. Sie haben den sozialen Aufstieg erreicht, der außer in der Musik oder vielleicht dem Sport nie zu haben war, und auch da nur für eine sehr beghrenzte Auswahl.

Bei RTL ist der Aufstieg sogar noch härter, da versperrt ihnen Dieter Bohlen den Weg und erklärt ihnen arrogant, dass sie gar nichts können, dass aus ihnen nie was wird und dass sie scheiße aussehen. Bohlen und RTL aber nehmen sie wenigstens wahr. Die liberale Öffentlichkeit aber, die sich auf früheres Revoluzzertum viel einbildet, ignoriert lieber.

Die Geschichte, dass da dank RTL einige Migrantenkids versuchen, die einzige Chance auf Glück in ihrem Leben zu ergreifen, die sie je haben werden, ist ja auch zu einfach.

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00:00 15.11.2002

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