Volle Pulle Leben

Kino Das Glück ist launenhaft in Russell Harbaughs „Love After Love“

Die Bilder sind grobkörnig und besitzen einen Hauch von Nostalgie: In der ersten Szene sitzen Mutter Suzanne (Andie MacDowell) und Sohn Nicholas (Chris O’Dowd) in einem Raum, sie auf der Fensterbank, sich an eine Tasse klammernd, er auf einem Stuhl. Man folgt einem in klassischem Schuss-Gegenschuss gefilmten Gespräch, das mit seiner Ehrlichkeit und seinem unaufgeregten Humor sofort in den Bann zieht. „Was bedeutet Glück? Irgendwie ist es so launenhaft“, meint der Sohn. Er erzählt vom Streit mit seiner Lebenspartnerin, er glaubt an die Beziehung und zweifelt doch. Die zum Ausdruck kommende Zärtlichkeit und Vertrautheit in den Worten, aber vor allem in den Gesten und Blicken, im Unausgesprochenen, ist verblüffend.

Allein schon dieser Anfang macht es schwer, zu glauben, dass Love After Love ein Regiedebüt sein soll. Aber so ist es! Russell Harbaugh hat gleich beim ersten Anlauf einen Film gedreht, mit dem man nicht rechnen kann: eine kleine Perle, die einerseits als klassisch inszeniertes, von MacDowell und O’Dowd angeführtes Ensembledrama daherkommt und zugleich die Kinematografie zelebriert. Denn so viel auch geredet wird in Harbaughs Film: Die zurückhaltenden Bilder von Kameramann Chris Teague erzählen noch viel mehr.

Love After Love handelt im weitesten Sinne vom launenhaften Glück, ja vom launenhaften Leben überhaupt. Der Film folgt dabei keiner stringenten dramaturgischen Linie, sondern wird in Schlaglichtern erzählt, zwischen denen unbestimmt viel Zeit vergeht. Auf die Einführung der beiden Hauptfiguren folgt ein Gartenfest. Am Ende der Sequenz blickt Suzannes mit heiserer Stimme sprechender Mann Glenn (Gareth Williams) kurz skeptisch auf seine Zigarette. Im nächsten Spotlight sehen wir ihn dann beim Todeskampf in den eigenen vier Wänden, im Kreise seiner jung gebliebenen Frau und seiner beiden Söhne Nicholas und Chris (James Adomian).

Entwaffnend ehrlich

Das Wort „Todeskampf“ darf an dieser Stelle nicht falsch verstanden werden. Denn der Blick, den Harbaugh hier auf den Prozess des Sterbens wirft, ist, wie sein gesamter Film, ein gänzlich unprätentiöser und einfühlsamer. Glenn röchelnd auf dem Bett, während er von Suzanne und Chris angekleidet wird; der Kranke auf der Toilette, auf die er getragen werden muss: Szenen wahrhaftiger Trauer und eines schrittweisen Abschieds, mit Momenten voller Menschlichkeit, wie man sie selten im Kino zu sehen bekommt. Und kurz vor Glenns Tod schließlich eine Einstellung, die alles sagt: Die Kamera blickt in einer Totalen still aus dem Flur in zwei Räume, rechts liegt der im Schlaf schwer Atmende im Bett, jemand steht am Fußende, im linken Raum setzt sich Chris auf einen Sessel, wirft den Kopf in den Nacken. Verzweiflung.

Nach Glenns Ableben entwickelt sich Love After Love zum Porträt einer Familie, die sich neu zu sortieren versucht. Was bedeutet der Tod des Ehemannes und Vaters für die Angehörigen? Über Monate hinweg folgt der Film der Mutter und ihren beiden Söhnen. Immer wieder werden wir in Familienzusammenkünfte regelrecht hineingeworfen, in denen sich nach und nach einige Leerstellen der Erzählung füllen – durch Gespräche, aber auch durch Unausgesprochenes, Impliziertes. In der Ruhe des Films, in seinem minutiösen Blick auf das Geschehen, liegt große Kraft.

Man erlebt die Theater-Professorin Suzanne, wie sie bei einem Casting gegen eine Studentin und die Kollegen auf die Barrikaden geht, und bei Versuchen, neue Liebschaften einzugehen. Man sieht wie Nicholas seine Partnerin Rebecca (Juliet Rylance) betrügt, sie dann verlässt und schließlich doch bei der Arbeit im Verlag mit ihr als Kollegin klarkommen muss. Er, der Heißblüter, der genauso leidenschaftlich liebt, wie er verletzt, andere und vor allem sich selbst. Und seinen Bruder Chris, den wir, eher am Rande, als trinkfreudig-tollpatschigen und zugleich liebenswürdigen Menschen kennenlernen, der mit seiner kreativen Ader hadert.

So leer die inflationär eingesetzte Phrase „wie aus dem Leben gegriffen“ auch sein mag: Auf Harbaughs Film trifft sie einfach zu. Seine Figuren und die Situationen, in denen er sie beobachtet, wirken genau so. Die verschiedenen Charaktere werden gerade so weit angerissen, dass sie komplex bleiben und eben dadurch menschlich erscheinen, mit allem, was dazugehört. Neben dem starken Drehbuch, das Harbaugh gemeinsam mit Eric Mendelsohn geschrieben hat, kann sich der Regisseur hier auf seinen Cast verlassen, allen voran auf Chris O’Dowd und Andie MacDowell. Die amerikanische Schauspielerin, inzwischen bereits 61, hat man lange nicht mehr so gut spielen sehen.

Dass Harbaugh diese Natürlichkeit erreicht, ohne in formstrengen Naturalismus zu verfallen, ist seine große Kunst. Love After Love ist leicht und schwer zugleich, entwaffnend ehrlich und dabei doch sehr filmisch. Zwischendurch setzt der dezent eingesetzte Pianoscore von Komponist David Shire ein, etwa wenn Suzanne mitten auf einer unbefahrenen Straße läuft. Eine zutiefst filmische Szene, die Ästhetik eines einsamen, aber doch stetigen Voranschreitens, wenn man so will.

Und was bedeutet das Glück nun? Harbaugh versucht gar nicht erst, das abschließend zu beantworten. Wie er glücklicherweise niemals dazu neigt, einfache Antworten auf irgendetwas zu finden. Was für ein kluges, schönes, berührendes Debüt.

Info

Love After Love Russell Harbaugh USA 2017, 91 Minuten

06:00 03.08.2019
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